IMPACT

Juli 2020

COIL – Aus der eigenen Kultur virtuell ausbrechen

Mit Studierenden aus einer anderen Kultur etwas virtuell erarbeiten und gemeinsam vorankommen: Dies beinhaltet Collaborative Online International Learning. Im Lockdown zeigte sich, wie wichtig virtuelles Kollaborieren ist. Ein schweizerisch-chinesischer Erfahrungsbericht.

Grosseltern

Juni 2020

«Die heutige Form von Armut ist oft unsichtbar»

Grossmutter, Alt-Bundesrätin, Präsidentin des Stiftungsrates der Pro Senectute Schweiz: Eveline Widmer-Schlumpf über mögliche Folgen der Corona-Krise, Reformpläne für die Altersvorsorge und ihre sechs Enkel.

Schweizer Gemeinde

Feb 2020

Jetzt heisst «digital first» auf allen drei Staatsebenen

Wie weit ist die Schweiz im Bereich eGovernment? «In den letzten fünf Jahren hat sich einiges getan», sagt Alexander Mertes vom Institut für VerwaltungsManagement der ZHAW. Verschiedene Beispiele zeigen, dass es vorwärtsgeht.

IMPACT

COIL – Aus der eigenen Kultur virtuell ausbrechen

Mit Studierenden aus einer anderen Kultur etwas virtuell erarbeiten und gemeinsam vorankommen: Dies beinhaltet Collaborative Online International Learning. Im Lockdown zeigte sich, wie wichtig virtuelles Kollaborieren ist. Ein Schweizerisch-chinesischer Erfahrungsbericht.

Einige Studierende seien sehr schüchtern, sagt Samantha Shi, die an der Tianjin Normal University (TJNU) in China unterrichtet. «Als wir hier während der Pandemie Online-Unterricht hatten, wollten sich einige nicht vor der Kamera zeigen.» Die Englisch-Dozentin war daher gespannt, ob sie sich in einer virtuellen Zusammenarbeit mit Studierenden der ZHAW aktiv einbringen würden. «Die meisten haben sonst keine Gelegenheit, mit Menschen aus einem anderen Land zu sprechen.» Ein COIL (Collaborative Online International Learning) macht genau dies möglich. «Es findet zwischen zwei oder mehreren Hochschulen statt», sagt Daniel von Felten, Koordinator für internationale Beziehungen am Institut für Facility Management (IFM). «Es wird von deren Dozierenden bezüglich Thema, Sprache, Didaktik und Leistungsnachweisen kollaborativ geplant.»
 

Aus dem soziokulturellen Kontext virtuell ausbrechen

Die Teilnehmenden gehen in hochschulgemischten Teams Problemstellungen an, sie müssen Konflikte meistern und gemeinsam Ziele erreichen. Sie erhalten dabei einen Einblick in eine andere Kultur. «Wir nehmen die Dinge immer aus unserem gewohnten soziokulturellen Kontext wahr und agieren entsprechend», sagt von Felten. «In einem COIL erlebt man, dass es viele kleinere und grössere Unterschiede gibt.» Mit verschiedenen «Realitäten» umgehen zu können, sei in der heutigen, global vernetzten Arbeitswelt eine gefragte Kompetenz.

 

Kennenlernvideos

Im März und April hat er zusammen mit Claudine Gaibrois von der Fachgruppe Kultur, Gesellschaft und Kommunikation eine Kollaboration mit der TJNU realisiert. Sie war in den Pflichtwahlkurs «Leben und Arbeiten in der multikulturellen Gesellschaft» eingebunden, der von Bachelorstudierenden unterschiedlicher Fachrichtungen am ZHAW-Departement Life Sciences und Facility Management besucht wurde. «Wir haben diskussionsbasierte Aufgaben gestellt», sagt Dozentin Claudine Gaibrois. «Die Teilnehmenden sollten sich offen begegnen und miteinander ins Gespräch kommen.» Ein erster Auftrag bestand darin, sich in einem Video vorzustellen.
 

Einige Gemeinsamkeiten entdeckt

Die 80 Teilnehmenden lernten sich virtuell kennen, sie tauschten sich über ihren Alltag, ländertypische Gepflogenheiten sowie Vorurteile aus. Auch die Corona-Situation war in einigen Gruppen Gesprächsstoff. «Das war gerade zu Beginn interessant, weil ein Lockdown in der Schweiz damals noch weit weg und überhaupt nicht sicher schien», berichtet Frederik Sommerhalder, der in Wädenswil Chemie studiert. Die Tianjin Normal University hatte den Präsenzunterricht bereits vor Kursbeginn ausgesetzt, die ZHAW folgte Mitte März. «Einige Gruppen haben über sehr private Dinge gesprochen», sagt Kursleiterin Gaibrois. Dabei hätten sie festgestellt, dass sich ihr Lebensstil gar nicht so stark unterscheide.
 

Alle Beteiligten sind gefordert

In einem COIL könne man sich – anders als in anderen Unterrichtsformen – nicht verstecken, sagt sie weiter. Dies sei eine grosse Chance. Die Teilnehmenden lernten durch eigene Erfahrungen. «Ich war überrascht, wie stark sie profitiert haben.» Samantha Shi zieht ebenfalls eine positive Bilanz: «Die Studierenden haben ihre Schüchternheit überwunden.» Sie hätten  vor allem ihr mündliches Englisch verbessert, viel über die Schweizer Kultur erfahren und verschiedene technische Hilfsmittel kennengelernt.
 

Förderung der «Global Citizenship»

Wirtschaft und Gesellschaft seien heute weltweit verflochten, betont Daniel von Felten. «Wir können unsere Probleme nur im Dialog mit allen Beteiligten lösen. Das zeigt die aktuelle Corona-Situation gerade deutlich.» Dafür biete das Unterrichtsformat eine ideale Trainingsmöglichkeit. Auch in kleinen Firmen träfen Menschen aus unterschiedlichen Kulturen aufeinander, ergänzt Claudine Gaibrois. Entsprechend wertvoll seien solche Praxiserfahrungen. Ein COIL leiste zudem einen wichtigen Beitrag zur Förderung der «Global Citizenship».
 

«Es gibt immer einen Weg»

«Es war interessant, komplett andere Blickwinkel auf bestimmte gesellschaftliche Vorstellungen kennenzulernen», sagt Chemiestudent Frederik Sommerhalder. Chinesen hätten beispielsweise eine kollektive Wahrnehmung von Besitz. «Das verdiente Geld gehört nicht einer Einzelperson, sondern der Familie.» Sie brächten viel Motivation für Schule und Arbeit auf, stellt Kübra Tezcan fest, die Umweltingenieurwesen studiert. Sie setzten sich teils stark unter Druck, um den eigenen und anderen Erwartungen zu entsprechen. «Sie sind ähnlich wie Schweizer und arbeiten viel.»
Sie habe gelernt, dass es immer einen Weg gebe, zusammenzuarbeiten, sagt Velia Roth, die den Studiengang Facility Management absolviert und bereits an einem COIL mit Mexiko teilgenommen hatte. «Es ist wichtig, dass man weiss, wie der andere Dinge erledigt. Dann kann man sich darauf einstellen.» Man müsse Stereotype ablegen und sich auf sein Gegenüber einlassen, sagt Ariane Vogelmann, Studentin Umweltingenieurwesen. «Nimmt man sich diese Zeit, entstehen gute, interessante Gespräche.» Es sei gar nicht so schwierig, in internationalen Teams zusammenzuarbeiten, wie man sich das vielleicht vorstelle. «Letztlich kommt es aber auf die Teammitglieder an, deren Nationalität und Kultur spielen meist eine untergeordnete Rolle.»
 

Zeitverschiebung und technische Probleme

Als Schwierigkeit erlebten die Schweizer Teilnehmenden die unterschiedlich guten Englischkenntnisse. Hinzu kamen unterschiedliche Zeitzonen sowie technische Probleme. Da die Teilnehmenden der TJNU zu vielen hierzulande gängigen Programmen keinen Zugang hatten, mussten andere Lösungen gefunden werden. Immer wieder erschwerten zudem schlechte Internetverbindungen den Austausch. Trotz dieser Hürden würden alle Befragten das COIL weiterempfehlen. «Es war eine sehr gute Erfahrung, die ich für meine berufliche und private Zukunft gebrauchen kann», sagt Jelena Ašanin, Studentin Facility Management.   
 

Offen für weitere Kollaborationen

Das IFM führt regelmässig Kollaborationen mit Hochschulen in Holland und Mexiko durch. Ein grösseres COIL ist mit Beteiligten aus den USA und Japan geplant. Daniel von Felten möchte das Gefäss weiter stärken. «In der Schweiz ist man sich des Mehrwerts von COIL noch zu wenig bewusst», sagt er. An einer Konferenz in Tacoma (USA) 2019 mit über 450 Teilnehmenden aus aller Welt war er der einzige Vertreter aus der Schweiz. In asiatischen Ländern und in der EU wird COIL hingegen strategisch gefördert und es werden Forschungsprogramme dazu durchgeführt. Ginge es nach von Felten, könnte das Lehr- und Lernformat auch an der ZHAW noch häufiger zum Zug kommen. Er verfüge über weitere interessante Kontakte zu ausländischen Hochschulen, sagt der COIL-Pionier. Eine Kollaboration lasse sich mit überschaubarem Aufwand realisieren. «Es reicht, wenn zwei Dozierende entscheiden, das machen wir.»
Kasten Zur Person
Eveline Widmer-Schlumpf präsidiert seit drei Jahren den Stiftungsrat von Pro Senectute. Von 2008 bis 2015 war sie Bundesrätin. Sie stand zuerst dem Justiz- und Polizeidepartement vor, später leitete sie das Finanzdepartement. Die BDP-Politikerin hat in jungen Jahren Rechtswissenschaften studiert und danach als Anwältin und Notarin gearbeitet. 1998 wurde sie (damals noch für die SVP) als erste Frau in die Regierung des Kantons Graubünden gewählt. Sie engagiert sich in verschiedenen Stiftungen und Vereinen. Die 64-Jährige ist verheiratet, hat drei Kinder und sechs Enkel.
 

«Die heutige Form von Armut ist oft unsichtbar»

Grossmutter, Alt-Bundesrätin, Präsidentin des Stiftungsrates der Pro Senectute Schweiz: Eveline Widmer-Schlumpf über mögliche Folgen der Corona-Krise, Reformpläne für die Altersvorsorge und ihre sechs Enkel.

Frau Widmer-Schlumpf, Ihre Mitarbeitenden haben täglich mit älteren Menschen zu tun, die mit sehr wenig Geld auskommen müssen. Was sind die Gründe für Altersarmut?
Die Gründe sind vielfältig. Zum einen sind es Menschen mit einer ganz normalen Arbeitsbiografie, die aber ein tiefes Einkommen hatten, die vielleicht auch Teilzeit gearbeitet haben und deshalb über ein tiefes oder gar kein Pensionskassenguthaben verfügen. Zum anderen sind es Menschen mit Brüchen in der Biografie. Eine Scheidung ‒ alleinerziehende Frauen sind schon während des Berufslebens stark von Armut betroffen ‒, aber auch eine Krankheit, ein Todesfall oder eine längere Arbeitslosigkeit können zu einem solchen Bruch führen, der Auswirkungen auf die Altersvorsorge hat.
 
In der aktuellen Krise steigt die Zahl der Betroffen. Mit was für einer Zunahme rechnen Sie?
Bei Kurzarbeit werden die Sozialversicherungsbeiträge nach wie vor geleistet. Selbstständige könnten in Schwierigkeiten geraten, wenn sie nur noch geringe oder keine Einzahlungen in die zweite oder dritte Säule tätigen können. Eine längere Rezession mit hoher Arbeitslosigkeit und tieferen Löhnen hätte sicher auch Auswirkungen auf die Altersvorsorge. Das ist momentan jedoch äusserst schwierig abzuschätzen und hängt auch von der Dauer der Krise ab.
 
Was macht den Betroffenen am meisten zu schaffen?
Finanzielle Armut führt oft auch zu sozialer Verarmung. Die heutige Form von Armut ist oft unsichtbar: Isolation und Rückzug aus dem sozialen Leben. Die Menschen können Mangels Geld nicht am gesellschaftlichen Leben teilnehmen: Nicht regelmässig Bekannte zum Kaffee treffen, keine kulturellen Veranstaltungen besuchen, keine Freunde einladen. Darunter leidet die psychische Gesundheit und letztlich oft auch die physische.
 
Wann sollte sich eine armutsgefährdete Person Hilfe holen?
Armutsgefährdete Personen sollten sich frühzeitig Hilfe holen. Bei zu langem Zuwarten verschlimmert sich in der Regel die persönliche Situation.
 
Welche Unterstützung bietet Pro Sencetute?
Die kantonalen und interkantonalen Beratungsstellen von Pro Senectute helfen gern und professionell. Im Rahmen einer Sozialberatung wird abgeklärt, welche Unterstützung die Betroffenen bereits haben und welche Möglichkeiten noch bestehen. Schliesslich kann Pro Senectute Menschen im Alter, die sich in einer finanziellen Notlage befinden, mit der Individuellen Finanzhilfe unterstützen. Dafür stellt ihr der Bund jährlich rund sechzehn Millionen Franken zur Verfügung.
 
Wer trotz einer AHV- oder IV- Rente nicht für seinen Lebensunterhalt aufkommen kann, erhält Ergänzungsleistungen. Ab 2021 gelten dafür neue Bestimmungen. Bringt die Reform genügend Verbesserungen?
Die Reform verbessert die Situation in erster Linie bei den Mieten. Bisher reichten, Stand 2016, die Beiträge für die Mieten bei rund 43’000 Haushalten nicht aus. Mit der Anpassung der so genannten Mietzinsmaxima wird die Situation hier klar verbessert. Man muss allerdings auch sagen, dass die Mieten noch stärker gestiegen sind. Das heisst, mit der Einführung per 2021 haben wir hier bereits wieder einen «Rückstand». Die Eintrittshürden wurden zwar erschwert, das Leistungsniveau bei den EL konnte jedoch gehalten werden. Es ist aber klar festzuhalten, dass das Leben mit EL ein bescheidenes Leben mit wenig Spielraum ist. Eine wichtige Verbesserung wurde in der Reform zurückgestellt, ist aber mit einer Motion dem Bundesrat überwiesen worden. Es geht darum, dass Betreuung zuhause ebenfalls über die EL finanziert wird. Betagte Menschen, die mit wenig zusätzlicher Unterstützung noch zuhause leben könnten, leben deshalb oft in Heimen. Mit dieser Massnahme, würde man ein wichtiges Bedürfnis abdecken und gleichzeitig wohl auch Kosten sparen.
 
Reformbedarf besteht ebenso bei der Altersvorsorge. So wie sie heute ausgestaltet ist, wird sie bald nicht mehr finanzierbar sein. Dennoch sind in den letzten Jahren mehrere Reformprojekte gescheitert. Ist man sich der Dringlichkeit zu wenig bewusst?
Ich denke, man ist sich der Dringlichkeit durchaus bewusst. Nach der gescheiterten Reform zur Altersvorsorge 2020 hat man nun relativ schnell neue Vorschläge sowohl für die 1. wie auch für die 2. Säule vorgelegt.
 
Was braucht es, damit sich die verschiedenen politischen Lager zusammenraufen?
Man kann eine gewisse Kompromisslosigkeit in den verschiedenen politischen Lagern feststellen. Es ist wichtig, dass man zurückfindet zum bewährten Schweizer Kompromiss, jeder gibt etwas und jeder bekommt etwas.
 
Welche Anpassungen halten Sie bei der AHV für angezeigt?
Die Flexibilisierung des Renteneintritts ist sicher eine wichtige Anpassung, die auf dem Tisch liegt. Es soll zudem vermehrt Anreize geben, über das ordentliche Rentenalter hinaus arbeiten zu wollen. Zentral ist aber die Frage, wie wir die AHV für die Generation der Babyboomer finanzieren.
 
Sie plädieren dafür, auch über ein höheres Rentenalter zu diskutieren. Warum?
Wir müssen uns dieser Diskussion stellen. Einerseits stellen wir fest, dass wir immer älter werden und gleichzeitig immer fitter sind. Andererseits müssen wir aber auch sehen, dass nicht jeder mit den gleichen Voraussetzungen älter wird. Die Situation ist für einen Maurer oder eine Polizistin eine andere als für eine Architektin oder einen Sachbearbeiter. Hier müssen flexible Lösungen gefunden werden.
 
Wie soll die zweite Säule, die berufliche Vorsorge, reformiert werden?
Zurzeit liegt ein Vorschlag der Sozialpartner auf dem Tisch. Die Diskussion ist in vollem Gange. Da wir immer länger leben, muss das angesparte Geld länger reichen. Dass der Umwandlungssatz gesenkt werden muss, ist weitgehend unbestritten. Die Angleichung bei den Altersgutschriften ist eine wichtige Massnahme, da das bisherige System mit vier Sätzen ältere Arbeitnehmende systematisch benachteiligt. Zu diskutieren wäre hier, ob man nicht bereits früher, also ab 20 in die 2. Säule einzahlen sollte. Die Senkung des Koordinationsabzuges ist ebenfalls angebracht, weil so für tiefe und mittlere Einkommen das vorsorgliche Sparen verbessert und insgesamt ein höherer Verdienst versichert wird. Meines Erachtens müssten aber auch die Vor- und Nachteile einer Abschaffung des Koordinationsabzuges ernsthaft diskutiert werden.
 
Das Parlament diskutiert über Überbrückungsleistungen für ausgesteuerte ältere Arbeitslose. Was halten Sie von dieser Idee?
Im Einzelfall kann eine solche Leistung die Situation für die Betroffenen sicherlich verbessern und sie von Sozialhilfe und somit auch vor Armut im Alter bewahren. Die Menschen suchen aber in erster Linie eine Arbeit und hier sollte der Schwerpunkt liegen. Im Ausland haben ähnliche Massnahmen nicht dazu geführt, dass die älteren Menschen in grosser Zahl wieder zurück in den Arbeitsprozess gefunden haben. Es kann sogar sein, dass so die Situation der älteren Arbeitnehmenden insgesamt verschlechtert wird. Es wird dann zum Beispiel früher nicht mehr in Weiterbildung investiert, oder im schlimmsten Fall eher ein älterer Arbeitnehmender entlassen. Nach Einführung der Rente wird man die Entwicklung sehr genau beobachten müssen.
 
Braucht es weitere politische Massnahmen, um der Altersarmut entgegen zu wirken?
Die Altersarmut wird in der Summe in Zukunft leider wohl eher zu- als abnehmen. Gründe dafür sind unter anderem die neuen Familienmodelle und Erwerbsbiografien mit Teilzeitarbeit, mehr Alleinerziehende und Patchwork-Familien. Aber auch die ungelöste Frage der Betreuung im Alter ist ein Grund für diese Entwicklung. Diese Frage beziehungsweise die Frage der Finanzierung der Betreuung im Alter muss gelöst werden. Wir werden nicht darum herumkommen, die Betreuung und die Pflege im Alter neu zu regeln und zu finanzieren. Verschiedene Vorschläge liegen auf dem Tisch. Ein prüfenswerter Ansatz könnte ein neues Finanzierungsmodell sein, das – ähnlich wie bei der Grundversicherung der Krankenkassen – die Basiskosten der Betreuung garantiert.
 
Sie sind seit drei Jahren Präsidentin der Pro Senectute. Welche Akzente haben Sie in dieser Zeit gesetzt?
Pro Senectute Schweiz und die kantonalen sowie interkantonalen Pro Senectute Organisationen haben miteinander die Strategie 2022 für die Gesamtorganisation entwickelt und die Massnahmen zu deren Umsetzung festgelegt. Wir wollen unsere Stärken gemeinsam weiter ausbauen und unsere Chancen nutzen. Ich habe viel Zeit und Herzblut in dieses für unsere Organisation zentrale Projekt investiert.
 
Gibt es ein Projekt, das Sie in nächster Zeit besonders intensiv verfolgen werden?
Eines der Projekte, die wir intensiv verfolgen, ist das betreute Wohnen, und zwar das betreute Wohnen zuhause, also nicht das stationär betreute Wohnen im Alter. Es geht dabei um die Frage, welche Unterstützungs- und Betreuungsangebote notwendig sind und welche Finanzierungsmöglichkeiten es braucht, damit ein verfrühter Heimeintritt verhindert werden kann.
 
Sie sind sechsfache Grossmutter. Sprechen Sie mit Ihren Enkelkindern ab und zu über Geld?
Ich mache das entsprechend ihrem Alter. Die Älteren haben bereits gelernt, dass sie sich gut überlegen müssen, wofür sie ihr Taschengeld ausgeben wollen, und dass es sich lohnt zu vergleichen, was wieviel kostet.
 
Was möchten Sie Ihren Enkeln auf den Lebensweg mitgeben?
Ich hoffe, dass sie ihren eigenen Weg finden und gehen können und dass sie den Mut haben, für ihre Überzeugungen und Wünsche zu kämpfen.

Seit 2018 können sich die Bewohner des Kantons Schaffhausen eine elektronische Identität einrichten. Einmal registriert, gelangen sie ohne zusätzliche Logins und Passwörter zu den Dienstleistungen der Verwaltung. Über das Handy kann man sich beispielsweise einen Betreibungsregisterauszug bestellen oder sich beim Arbeitsamt anmelden.

Jetzt heisst es «digital first» auf allen drei Staatsebenen

Wie weit ist die Schweiz im Bereich eGovernment? «In den letzten fünf Jahren hat sich einiges getan», sagt Alexander Mertes vom Institut für VerwaltungsManagement der ZHAW. Verschiedene Beispiele zeigen, dass es vorwärtsgeht.

Was die Digitalisierung von Behördendienstleistungen betrifft, hat die Schweiz lange Zeit wenig dynamisch gewirkt. In internationalen Rankings schnitt sie schlechter ab als andere im Standortwettbewerb relevante Staaten. Und dies, obwohl sie an sich über eine hervorragende Ausgangslage bezüglich technischer Infrastruktur, digitalem Zugang und Ausbildungsstand der Bevölkerung verfügt. Die öffentliche Verwaltung drohe den Anschluss an die digitale Welt zu verpassen, warnten Experten. «Der Rückstand kann die Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz sowie den finanziellen Gestaltungsspielraum in absehbarer Zeit negativ beeinflussen», heisst es in einer Studie der ZHAW (Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften) und der KPMG von 2017. Die Behörden müssten grundlegend umdenken, befanden die Autoren. Es gehe nicht nur darum, Leistungen digital effizienter und kundenorientierter zu erbringen. Vielmehr müssten die bisherigen Geschäftsmodelle der Verwaltungen hinterfragt werden.

Schweiz «im vorderen Feld»
«Heute bewegt sich die Schweiz im vorderen Feld», sagt Alexander Mertes vom Institut für Verwaltungs-Management der ZHAW, der an der zitierten Untersuchung mitgearbeitet hat. «Es hat sich einiges getan.» In einer von den Vereinten Nationen (UN) unter 193 Ländern durchgeführten Analyse belegte die Schweiz vor zwei Jahren den 15. Platz. «Die Politik hat Schwächen erkannt und bemüht sich, diese zu verbessern», stellt der ZHAW-Dozent fest.

«Digital first» auf allen drei Ebenen
Im November hat der Bundesrat Eckwerte für die E-Government-Strategie Schweiz 2020–2023 gutgeheissen. Nun gilt der Grundsatz «digital first». Bund, Kantone und Gemeinden sollen bei der 036_6681_SMART_eGovernment.indd 36 06.02.20 07:55 SCHWEIZER GEMEINDE 1/2 l 2020 37 E-GOVERNMENT Bereitstellung von Informationen und Diensten den digitalen Kanal priorisieren. Peppino Giarritta, Präsident des Planungsausschusses von eGovernment Schweiz und Leiter Digitale Verwaltung im Kanton Zürich, sprach gegenüber Radio SRF von einem Meilenstein. Es sei wichtig, dass man sich über alle drei föderalen Ebenen auf Grundzüge verständigt habe. Nun müsse man stärker zusammenarbeiten und vermehrt die Perspektive des Nutzers einnehmen. Der analoge Weg bleibt daneben bestehen. «Der persönliche Kontakt am Schalter wird sehr geschätzt», sagt Alexander Mertes. Dass der Bundesrat an diesem Kanal festhalte, senke die Gefahr, dass Teile der Bevölkerung abgehängt würden. Damit verfolge er eine andere Strategie als Dänemark und Estland, die «digital by default» praktizierten und damit standardmässig auf digitale Lösungen setzten.

Verspätet und nur partiell
Dass die öffentliche Hand ihre Leistungen analog zufriedenstellend erfüllt, ist ein Grund, warum die digitale Transformation hierzulande verspätet eingesetzt hat. «Es besteht kein unmittelbarer Druck nach Veränderungen», sagt Mertes. Hinzu kommt, dass der finanzielle Nutzen kurzfristig nicht erkennbar ist. Im Gegenteil: Das Nebeneinander von digitalen und analogen Prozessen wird als finanzielle Mehrbelastung wahrgenommen. Politische Vorstösse haben es entsprechend schwer, Mehrheiten zu finden. Als Hürden erweisen sich daneben strukturelle und organisatorische Faktoren. So erschwert der Föderalismus einheitliche und durchgängige Lösungen. Die Bestimmungen zum Datenschutz und zur Datensicherheit unterscheiden sich beispielsweise von Kanton zu Kanton. Weil Verwaltungen stark von der politischen Ebene abhängen, benötigen Veränderungsprozesse mehr Zeit als in einem privaten Unternehmen. «Einzelne Städte und Kantone sind von sich aus vorangegangen», sagt Mertes. Sie hätten Pionierarbeit geleistet. An den Ergebnissen könnten sich nun kleinere Gemeinden, denen das Geld für eigene Projekte fehle, orientieren. Als Beispiel nennt Mertes eUmzug. Das Online-Portal, auf dem man Adressänderungen melden kann, ist vom Kanton Zürich entwickelt worden und kann inzwischen in weiten Teilen des Landes genutzt werden. Als besonders innovativ fallen daneben die Städte Zug und Zürich sowie der Kanton Schaffhausen auf (siehe nächste Seite).

Widerstand auf politischer Ebene
Auf nationaler Ebene fehlen nach wie vor sogenannte Basisdienste. Dazu zählen eine elektronische Identität und eine elektronische Signatur, welche Voraussetzung für viele digitale Angebote sind. Die Politik ist daran, die dafür nötigen gesetzlichen Grundlagen zu schaffen. Sie stösst allerdings auf Widerstand, wie die Unterschriftensammlung für ein Referendum gegen eine nationale eID zeigt. Nachholbedarf sieht Mertes zudem bei der Anbindung ländlicher Gebiete ans Breitbandnetz. «Indem man in Infrastruktur investiert, kann man die digitale Entwicklung stark beschleunigen», sagt er. Gerade in abgelegenen Regionen seien dafür Kooperationen nötig. Als Nachteil erwähnt er die vergleichsweise hohen Handy- und Internetkosten, welche mit der geringen Zahl der Netzbetreiber zu tun haben. Was den Ausbau der 5G-Technologie betrifft, schneidet die Schweiz hingegen vergleichsweise gut ab. «Da geht es bei uns schneller voran als in anderen Staaten.»

Neue, komplexere Aufgaben
Ebenso positiv fällt auf, dass digitale Kompetenzen im Bildungssystem wichtiger geworden sind. Die Lehrpläne der Schule sind angepasst worden; Hochschulen bilden entsprechende Aus- und Weiterbildungen an. «Die Nachfrage ist da», stellt Alexander Mertes fest, der im CAS Digitale Verwaltung unterrichtet. Viele Behörden seien bereit, in die Schulung ihrer Mitarbeitenden zu investieren. Diese seien zurzeit stark gefordert. Sie müssten neue digitale Leistungen erbringen und interne Prozesse überarbeiten. Automatisierung werde ihnen zwar einfache Tätigkeiten abnehmen, es kämen jedoch neue, komplexere Aufgaben hinzu. «Sie müssen sicher nicht befürchten, von der Technik ersetzt zu werden.»

IMPACT

Juli 2020

COIL – Aus der eigenen Kultur virtuell ausbrechen

Mit Studierenden aus einer anderen Kultur etwas virtuell erarbeiten und gemeinsam vorankommen: Dies beinhaltet Collaborative Online International Learning. Im Lockdown zeigte sich, wie wichtig virtuelles Kollaborieren ist. Ein schweizerisch-chinesischer Erfahrungsbericht.

IMPACT

COIL – Aus der eigenen Kultur virtuell ausbrechen

Mit Studierenden aus einer anderen Kultur etwas virtuell erarbeiten und gemeinsam vorankommen: Dies beinhaltet Collaborative Online International Learning. Im Lockdown zeigte sich, wie wichtig virtuelles Kollaborieren ist. Ein Schweizerisch-chinesischer Erfahrungsbericht.

Einige Studierende seien sehr schüchtern, sagt Samantha Shi, die an der Tianjin Normal University (TJNU) in China unterrichtet. «Als wir hier während der Pandemie Online-Unterricht hatten, wollten sich einige nicht vor der Kamera zeigen.» Die Englisch-Dozentin war daher gespannt, ob sie sich in einer virtuellen Zusammenarbeit mit Studierenden der ZHAW aktiv einbringen würden. «Die meisten haben sonst keine Gelegenheit, mit Menschen aus einem anderen Land zu sprechen.» Ein COIL (Collaborative Online International Learning) macht genau dies möglich. «Es findet zwischen zwei oder mehreren Hochschulen statt», sagt Daniel von Felten, Koordinator für internationale Beziehungen am Institut für Facility Management (IFM). «Es wird von deren Dozierenden bezüglich Thema, Sprache, Didaktik und Leistungsnachweisen kollaborativ geplant.»

Aus dem soziokulturellen Kontext virtuell ausbrechen

Die Teilnehmenden gehen in hochschulgemischten Teams Problemstellungen an, sie müssen Konflikte meistern und gemeinsam Ziele erreichen. Sie erhalten dabei einen Einblick in eine andere Kultur. «Wir nehmen die Dinge immer aus unserem gewohnten soziokulturellen Kontext wahr und agieren entsprechend», sagt von Felten. «In einem COIL erlebt man, dass es viele kleinere und grössere Unterschiede gibt.» Mit verschiedenen «Realitäten» umgehen zu können, sei in der heutigen, global vernetzten Arbeitswelt eine gefragte Kompetenz.

Kennenlernvideos

Im März und April hat er zusammen mit Claudine Gaibrois von der Fachgruppe Kultur, Gesellschaft und Kommunikation eine Kollaboration mit der TJNU realisiert. Sie war in den Pflichtwahlkurs «Leben und Arbeiten in der multikulturellen Gesellschaft» eingebunden, der von Bachelorstudierenden unterschiedlicher Fachrichtungen am ZHAW-Departement Life Sciences und Facility Management besucht wurde. «Wir haben diskussionsbasierte Aufgaben gestellt», sagt Dozentin Claudine Gaibrois. «Die Teilnehmenden sollten sich offen begegnen und miteinander ins Gespräch kommen.» Ein erster Auftrag bestand darin, sich in einem Video vorzustellen.

Einige Gemeinsamkeiten entdeckt

Die 80 Teilnehmenden lernten sich virtuell kennen, sie tauschten sich über ihren Alltag, ländertypische Gepflogenheiten sowie Vorurteile aus. Auch die Corona-Situation war in einigen Gruppen Gesprächsstoff. «Das war gerade zu Beginn interessant, weil ein Lockdown in der Schweiz damals noch weit weg und überhaupt nicht sicher schien», berichtet Frederik Sommerhalder, der in Wädenswil Chemie studiert. Die Tianjin Normal University hatte den Präsenzunterricht bereits vor Kursbeginn ausgesetzt, die ZHAW folgte Mitte März. «Einige Gruppen haben über sehr private Dinge gesprochen», sagt Kursleiterin Gaibrois. Dabei hätten sie festgestellt, dass sich ihr Lebensstil gar nicht so stark unterscheide.

Alle Beteiligten sind gefordert

In einem COIL könne man sich – anders als in anderen Unterrichtsformen – nicht verstecken, sagt sie weiter. Dies sei eine grosse Chance. Die Teilnehmenden lernten durch eigene Erfahrungen. «Ich war überrascht, wie stark sie profitiert haben.» Samantha Shi zieht ebenfalls eine positive Bilanz: «Die Studierenden haben ihre Schüchternheit überwunden.» Sie hätten  vor allem ihr mündliches Englisch verbessert, viel über die Schweizer Kultur erfahren und verschiedene technische Hilfsmittel kennengelernt.

Förderung der «Global Citizenship»

Wirtschaft und Gesellschaft seien heute weltweit verflochten, betont Daniel von Felten. «Wir können unsere Probleme nur im Dialog mit allen Beteiligten lösen. Das zeigt die aktuelle Corona-Situation gerade deutlich.» Dafür biete das Unterrichtsformat eine ideale Trainingsmöglichkeit. Auch in kleinen Firmen träfen Menschen aus unterschiedlichen Kulturen aufeinander, ergänzt Claudine Gaibrois. Entsprechend wertvoll seien solche Praxiserfahrungen. Ein COIL leiste zudem einen wichtigen Beitrag zur Förderung der «Global Citizenship».

«Es gibt immer einen Weg»

«Es war interessant, komplett andere Blickwinkel auf bestimmte gesellschaftliche Vorstellungen kennenzulernen», sagt Chemiestudent Frederik Sommerhalder. Chinesen hätten beispielsweise eine kollektive Wahrnehmung von Besitz. «Das verdiente Geld gehört nicht einer Einzelperson, sondern der Familie.» Sie brächten viel Motivation für Schule und Arbeit auf, stellt Kübra Tezcan fest, die Umweltingenieurwesen studiert. Sie setzten sich teils stark unter Druck, um den eigenen und anderen Erwartungen zu entsprechen. «Sie sind ähnlich wie Schweizer und arbeiten viel.»
Sie habe gelernt, dass es immer einen Weg gebe, zusammenzuarbeiten, sagt Velia Roth, die den Studiengang Facility Management absolviert und bereits an einem COIL mit Mexiko teilgenommen hatte. «Es ist wichtig, dass man weiss, wie der andere Dinge erledigt. Dann kann man sich darauf einstellen.» Man müsse Stereotype ablegen und sich auf sein Gegenüber einlassen, sagt Ariane Vogelmann, Studentin Umweltingenieurwesen. «Nimmt man sich diese Zeit, entstehen gute, interessante Gespräche.» Es sei gar nicht so schwierig, in internationalen Teams zusammenzuarbeiten, wie man sich das vielleicht vorstelle. «Letztlich kommt es aber auf die Teammitglieder an, deren Nationalität und Kultur spielen meist eine untergeordnete Rolle.»

Zeitverschiebung und technische Probleme

Als Schwierigkeit erlebten die Schweizer Teilnehmenden die unterschiedlich guten Englischkenntnisse. Hinzu kamen unterschiedliche Zeitzonen sowie technische Probleme. Da die Teilnehmenden der TJNU zu vielen hierzulande gängigen Programmen keinen Zugang hatten, mussten andere Lösungen gefunden werden. Immer wieder erschwerten zudem schlechte Internetverbindungen den Austausch. Trotz dieser Hürden würden alle Befragten das COIL weiterempfehlen. «Es war eine sehr gute Erfahrung, die ich für meine berufliche und private Zukunft gebrauchen kann», sagt Jelena Ašanin, Studentin Facility Management.   

Offen für weitere Kollaborationen

Das IFM führt regelmässig Kollaborationen mit Hochschulen in Holland und Mexiko durch. Ein grösseres COIL ist mit Beteiligten aus den USA und Japan geplant. Daniel von Felten möchte das Gefäss weiter stärken. «In der Schweiz ist man sich des Mehrwerts von COIL noch zu wenig bewusst», sagt er. An einer Konferenz in Tacoma (USA) 2019 mit über 450 Teilnehmenden aus aller Welt war er der einzige Vertreter aus der Schweiz. In asiatischen Ländern und in der EU wird COIL hingegen strategisch gefördert und es werden Forschungsprogramme dazu durchgeführt. Ginge es nach von Felten, könnte das Lehr- und Lernformat auch an der ZHAW noch häufiger zum Zug kommen. Er verfüge über weitere interessante Kontakte zu ausländischen Hochschulen, sagt der COIL-Pionier. Eine Kollaboration lasse sich mit überschaubarem Aufwand realisieren. «Es reicht, wenn zwei Dozierende entscheiden, das machen wir.»

Grosseltern

Juni 2020

«Die heutige Form von Armut ist oft unsichtbar»

Grossmutter, Alt-Bundesrätin, Präsidentin des Stiftungsrates der Pro Senectute Schweiz: Eveline Widmer-Schlumpf über mögliche Folgen der Corona-Krise, Reformpläne für die Altersvorsorge und ihre sechs Enkel.

Kasten Zur Person
Eveline Widmer-Schlumpf präsidiert seit drei Jahren den Stiftungsrat von Pro Senectute. Von 2008 bis 2015 war sie Bundesrätin. Sie stand zuerst dem Justiz- und Polizeidepartement vor, später leitete sie das Finanzdepartement. Die BDP-Politikerin hat in jungen Jahren Rechtswissenschaften studiert und danach als Anwältin und Notarin gearbeitet. 1998 wurde sie (damals noch für die SVP) als erste Frau in die Regierung des Kantons Graubünden gewählt. Sie engagiert sich in verschiedenen Stiftungen und Vereinen. Die 64-Jährige ist verheiratet, hat drei Kinder und sechs Enkel.
 

«Die heutige Form von Armut ist oft unsichtbar»

Grossmutter, Alt-Bundesrätin, Präsidentin des Stiftungsrates der Pro Senectute Schweiz: Eveline Widmer-Schlumpf über mögliche Folgen der Corona-Krise, Reformpläne für die Altersvorsorge und ihre sechs Enkel.

Frau Widmer-Schlumpf, Ihre Mitarbeitenden haben täglich mit älteren Menschen zu tun, die mit sehr wenig Geld auskommen müssen. Was sind die Gründe für Altersarmut?
Die Gründe sind vielfältig. Zum einen sind es Menschen mit einer ganz normalen Arbeitsbiografie, die aber ein tiefes Einkommen hatten, die vielleicht auch Teilzeit gearbeitet haben und deshalb über ein tiefes oder gar kein Pensionskassenguthaben verfügen. Zum anderen sind es Menschen mit Brüchen in der Biografie. Eine Scheidung ‒ alleinerziehende Frauen sind schon während des Berufslebens stark von Armut betroffen ‒, aber auch eine Krankheit, ein Todesfall oder eine längere Arbeitslosigkeit können zu einem solchen Bruch führen, der Auswirkungen auf die Altersvorsorge hat.
 
In der aktuellen Krise steigt die Zahl der Betroffen. Mit was für einer Zunahme rechnen Sie?
Bei Kurzarbeit werden die Sozialversicherungsbeiträge nach wie vor geleistet. Selbstständige könnten in Schwierigkeiten geraten, wenn sie nur noch geringe oder keine Einzahlungen in die zweite oder dritte Säule tätigen können. Eine längere Rezession mit hoher Arbeitslosigkeit und tieferen Löhnen hätte sicher auch Auswirkungen auf die Altersvorsorge. Das ist momentan jedoch äusserst schwierig abzuschätzen und hängt auch von der Dauer der Krise ab.
 
Was macht den Betroffenen am meisten zu schaffen?
Finanzielle Armut führt oft auch zu sozialer Verarmung. Die heutige Form von Armut ist oft unsichtbar: Isolation und Rückzug aus dem sozialen Leben. Die Menschen können Mangels Geld nicht am gesellschaftlichen Leben teilnehmen: Nicht regelmässig Bekannte zum Kaffee treffen, keine kulturellen Veranstaltungen besuchen, keine Freunde einladen. Darunter leidet die psychische Gesundheit und letztlich oft auch die physische.
 
Wann sollte sich eine armutsgefährdete Person Hilfe holen?
Armutsgefährdete Personen sollten sich frühzeitig Hilfe holen. Bei zu langem Zuwarten verschlimmert sich in der Regel die persönliche Situation.
 
Welche Unterstützung bietet Pro Sencetute?
Die kantonalen und interkantonalen Beratungsstellen von Pro Senectute helfen gern und professionell. Im Rahmen einer Sozialberatung wird abgeklärt, welche Unterstützung die Betroffenen bereits haben und welche Möglichkeiten noch bestehen. Schliesslich kann Pro Senectute Menschen im Alter, die sich in einer finanziellen Notlage befinden, mit der Individuellen Finanzhilfe unterstützen. Dafür stellt ihr der Bund jährlich rund sechzehn Millionen Franken zur Verfügung.
 
Wer trotz einer AHV- oder IV- Rente nicht für seinen Lebensunterhalt aufkommen kann, erhält Ergänzungsleistungen. Ab 2021 gelten dafür neue Bestimmungen. Bringt die Reform genügend Verbesserungen?
Die Reform verbessert die Situation in erster Linie bei den Mieten. Bisher reichten, Stand 2016, die Beiträge für die Mieten bei rund 43’000 Haushalten nicht aus. Mit der Anpassung der so genannten Mietzinsmaxima wird die Situation hier klar verbessert. Man muss allerdings auch sagen, dass die Mieten noch stärker gestiegen sind. Das heisst, mit der Einführung per 2021 haben wir hier bereits wieder einen «Rückstand». Die Eintrittshürden wurden zwar erschwert, das Leistungsniveau bei den EL konnte jedoch gehalten werden. Es ist aber klar festzuhalten, dass das Leben mit EL ein bescheidenes Leben mit wenig Spielraum ist. Eine wichtige Verbesserung wurde in der Reform zurückgestellt, ist aber mit einer Motion dem Bundesrat überwiesen worden. Es geht darum, dass Betreuung zuhause ebenfalls über die EL finanziert wird. Betagte Menschen, die mit wenig zusätzlicher Unterstützung noch zuhause leben könnten, leben deshalb oft in Heimen. Mit dieser Massnahme, würde man ein wichtiges Bedürfnis abdecken und gleichzeitig wohl auch Kosten sparen.
 
Reformbedarf besteht ebenso bei der Altersvorsorge. So wie sie heute ausgestaltet ist, wird sie bald nicht mehr finanzierbar sein. Dennoch sind in den letzten Jahren mehrere Reformprojekte gescheitert. Ist man sich der Dringlichkeit zu wenig bewusst?
Ich denke, man ist sich der Dringlichkeit durchaus bewusst. Nach der gescheiterten Reform zur Altersvorsorge 2020 hat man nun relativ schnell neue Vorschläge sowohl für die 1. wie auch für die 2. Säule vorgelegt.
 
Was braucht es, damit sich die verschiedenen politischen Lager zusammenraufen?
Man kann eine gewisse Kompromisslosigkeit in den verschiedenen politischen Lagern feststellen. Es ist wichtig, dass man zurückfindet zum bewährten Schweizer Kompromiss, jeder gibt etwas und jeder bekommt etwas.
 
Welche Anpassungen halten Sie bei der AHV für angezeigt?
Die Flexibilisierung des Renteneintritts ist sicher eine wichtige Anpassung, die auf dem Tisch liegt. Es soll zudem vermehrt Anreize geben, über das ordentliche Rentenalter hinaus arbeiten zu wollen. Zentral ist aber die Frage, wie wir die AHV für die Generation der Babyboomer finanzieren.
 
Sie plädieren dafür, auch über ein höheres Rentenalter zu diskutieren. Warum?
Wir müssen uns dieser Diskussion stellen. Einerseits stellen wir fest, dass wir immer älter werden und gleichzeitig immer fitter sind. Andererseits müssen wir aber auch sehen, dass nicht jeder mit den gleichen Voraussetzungen älter wird. Die Situation ist für einen Maurer oder eine Polizistin eine andere als für eine Architektin oder einen Sachbearbeiter. Hier müssen flexible Lösungen gefunden werden.
 
Wie soll die zweite Säule, die berufliche Vorsorge, reformiert werden?
Zurzeit liegt ein Vorschlag der Sozialpartner auf dem Tisch. Die Diskussion ist in vollem Gange. Da wir immer länger leben, muss das angesparte Geld länger reichen. Dass der Umwandlungssatz gesenkt werden muss, ist weitgehend unbestritten. Die Angleichung bei den Altersgutschriften ist eine wichtige Massnahme, da das bisherige System mit vier Sätzen ältere Arbeitnehmende systematisch benachteiligt. Zu diskutieren wäre hier, ob man nicht bereits früher, also ab 20 in die 2. Säule einzahlen sollte. Die Senkung des Koordinationsabzuges ist ebenfalls angebracht, weil so für tiefe und mittlere Einkommen das vorsorgliche Sparen verbessert und insgesamt ein höherer Verdienst versichert wird. Meines Erachtens müssten aber auch die Vor- und Nachteile einer Abschaffung des Koordinationsabzuges ernsthaft diskutiert werden.
 
Das Parlament diskutiert über Überbrückungsleistungen für ausgesteuerte ältere Arbeitslose. Was halten Sie von dieser Idee?
Im Einzelfall kann eine solche Leistung die Situation für die Betroffenen sicherlich verbessern und sie von Sozialhilfe und somit auch vor Armut im Alter bewahren. Die Menschen suchen aber in erster Linie eine Arbeit und hier sollte der Schwerpunkt liegen. Im Ausland haben ähnliche Massnahmen nicht dazu geführt, dass die älteren Menschen in grosser Zahl wieder zurück in den Arbeitsprozess gefunden haben. Es kann sogar sein, dass so die Situation der älteren Arbeitnehmenden insgesamt verschlechtert wird. Es wird dann zum Beispiel früher nicht mehr in Weiterbildung investiert, oder im schlimmsten Fall eher ein älterer Arbeitnehmender entlassen. Nach Einführung der Rente wird man die Entwicklung sehr genau beobachten müssen.
 
Braucht es weitere politische Massnahmen, um der Altersarmut entgegen zu wirken?
Die Altersarmut wird in der Summe in Zukunft leider wohl eher zu- als abnehmen. Gründe dafür sind unter anderem die neuen Familienmodelle und Erwerbsbiografien mit Teilzeitarbeit, mehr Alleinerziehende und Patchwork-Familien. Aber auch die ungelöste Frage der Betreuung im Alter ist ein Grund für diese Entwicklung. Diese Frage beziehungsweise die Frage der Finanzierung der Betreuung im Alter muss gelöst werden. Wir werden nicht darum herumkommen, die Betreuung und die Pflege im Alter neu zu regeln und zu finanzieren. Verschiedene Vorschläge liegen auf dem Tisch. Ein prüfenswerter Ansatz könnte ein neues Finanzierungsmodell sein, das – ähnlich wie bei der Grundversicherung der Krankenkassen – die Basiskosten der Betreuung garantiert.
 
Sie sind seit drei Jahren Präsidentin der Pro Senectute. Welche Akzente haben Sie in dieser Zeit gesetzt?
Pro Senectute Schweiz und die kantonalen sowie interkantonalen Pro Senectute Organisationen haben miteinander die Strategie 2022 für die Gesamtorganisation entwickelt und die Massnahmen zu deren Umsetzung festgelegt. Wir wollen unsere Stärken gemeinsam weiter ausbauen und unsere Chancen nutzen. Ich habe viel Zeit und Herzblut in dieses für unsere Organisation zentrale Projekt investiert.
 
Gibt es ein Projekt, das Sie in nächster Zeit besonders intensiv verfolgen werden?
Eines der Projekte, die wir intensiv verfolgen, ist das betreute Wohnen, und zwar das betreute Wohnen zuhause, also nicht das stationär betreute Wohnen im Alter. Es geht dabei um die Frage, welche Unterstützungs- und Betreuungsangebote notwendig sind und welche Finanzierungsmöglichkeiten es braucht, damit ein verfrühter Heimeintritt verhindert werden kann.
 
Sie sind sechsfache Grossmutter. Sprechen Sie mit Ihren Enkelkindern ab und zu über Geld?
Ich mache das entsprechend ihrem Alter. Die Älteren haben bereits gelernt, dass sie sich gut überlegen müssen, wofür sie ihr Taschengeld ausgeben wollen, und dass es sich lohnt zu vergleichen, was wieviel kostet.
 
Was möchten Sie Ihren Enkeln auf den Lebensweg mitgeben?
Ich hoffe, dass sie ihren eigenen Weg finden und gehen können und dass sie den Mut haben, für ihre Überzeugungen und Wünsche zu kämpfen.

E-Goverment

Feb 2020

Jetzt heisst «digital first» auf allen drei Staatsebenen

Wie weit ist die Schweiz im Bereich eGovernment? «In den letzten fünf Jahren hat sich einiges getan», sagt Alexander Mertes vom Institut für VerwaltungsManagement der ZHAW. Verschiedene Beispiele zeigen, dass es vorwärtsgeht.

Seit 2018 können sich die Bewohner des Kantons Schaffhausen eine elektronische Identität einrichten. Einmal registriert, gelangen sie ohne zusätzliche Logins und Passwörter zu den Dienstleistungen der Verwaltung. Über das Handy kann man sich beispielsweise einen Betreibungsregisterauszug bestellen oder sich beim Arbeitsamt anmelden.

Jetzt heisst es «digital first» auf allen drei Staatsebenen

Wie weit ist die Schweiz im Bereich eGovernment? «In den letzten fünf Jahren hat sich einiges getan», sagt Alexander Mertes vom Institut für VerwaltungsManagement der ZHAW. Verschiedene Beispiele zeigen, dass es vorwärtsgeht.

Was die Digitalisierung von Behördendienstleistungen betrifft, hat die Schweiz lange Zeit wenig dynamisch gewirkt. In internationalen Rankings schnitt sie schlechter ab als andere im Standortwettbewerb relevante Staaten. Und dies, obwohl sie an sich über eine hervorragende Ausgangslage bezüglich technischer Infrastruktur, digitalem Zugang und Ausbildungsstand der Bevölkerung verfügt. Die öffentliche Verwaltung drohe den Anschluss an die digitale Welt zu verpassen, warnten Experten. «Der Rückstand kann die Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz sowie den finanziellen Gestaltungsspielraum in absehbarer Zeit negativ beeinflussen», heisst es in einer Studie der ZHAW (Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften) und der KPMG von 2017. Die Behörden müssten grundlegend umdenken, befanden die Autoren. Es gehe nicht nur darum, Leistungen digital effizienter und kundenorientierter zu erbringen. Vielmehr müssten die bisherigen Geschäftsmodelle der Verwaltungen hinterfragt werden.

Schweiz «im vorderen Feld»
«Heute bewegt sich die Schweiz im vorderen Feld», sagt Alexander Mertes vom Institut für Verwaltungs-Management der ZHAW, der an der zitierten Untersuchung mitgearbeitet hat. «Es hat sich einiges getan.» In einer von den Vereinten Nationen (UN) unter 193 Ländern durchgeführten Analyse belegte die Schweiz vor zwei Jahren den 15. Platz. «Die Politik hat Schwächen erkannt und bemüht sich, diese zu verbessern», stellt der ZHAW-Dozent fest.

«Digital first» auf allen drei Ebenen
Im November hat der Bundesrat Eckwerte für die E-Government-Strategie Schweiz 2020–2023 gutgeheissen. Nun gilt der Grundsatz «digital first». Bund, Kantone und Gemeinden sollen bei der 036_6681_SMART_eGovernment.indd 36 06.02.20 07:55 SCHWEIZER GEMEINDE 1/2 l 2020 37 E-GOVERNMENT Bereitstellung von Informationen und Diensten den digitalen Kanal priorisieren. Peppino Giarritta, Präsident des Planungsausschusses von eGovernment Schweiz und Leiter Digitale Verwaltung im Kanton Zürich, sprach gegenüber Radio SRF von einem Meilenstein. Es sei wichtig, dass man sich über alle drei föderalen Ebenen auf Grundzüge verständigt habe. Nun müsse man stärker zusammenarbeiten und vermehrt die Perspektive des Nutzers einnehmen. Der analoge Weg bleibt daneben bestehen. «Der persönliche Kontakt am Schalter wird sehr geschätzt», sagt Alexander Mertes. Dass der Bundesrat an diesem Kanal festhalte, senke die Gefahr, dass Teile der Bevölkerung abgehängt würden. Damit verfolge er eine andere Strategie als Dänemark und Estland, die «digital by default» praktizierten und damit standardmässig auf digitale Lösungen setzten.

Verspätet und nur partiell
Dass die öffentliche Hand ihre Leistungen analog zufriedenstellend erfüllt, ist ein Grund, warum die digitale Transformation hierzulande verspätet eingesetzt hat. «Es besteht kein unmittelbarer Druck nach Veränderungen», sagt Mertes. Hinzu kommt, dass der finanzielle Nutzen kurzfristig nicht erkennbar ist. Im Gegenteil: Das Nebeneinander von digitalen und analogen Prozessen wird als finanzielle Mehrbelastung wahrgenommen. Politische Vorstösse haben es entsprechend schwer, Mehrheiten zu finden. Als Hürden erweisen sich daneben strukturelle und organisatorische Faktoren. So erschwert der Föderalismus einheitliche und durchgängige Lösungen. Die Bestimmungen zum Datenschutz und zur Datensicherheit unterscheiden sich beispielsweise von Kanton zu Kanton. Weil Verwaltungen stark von der politischen Ebene abhängen, benötigen Veränderungsprozesse mehr Zeit als in einem privaten Unternehmen. «Einzelne Städte und Kantone sind von sich aus vorangegangen», sagt Mertes. Sie hätten Pionierarbeit geleistet. An den Ergebnissen könnten sich nun kleinere Gemeinden, denen das Geld für eigene Projekte fehle, orientieren. Als Beispiel nennt Mertes eUmzug. Das Online-Portal, auf dem man Adressänderungen melden kann, ist vom Kanton Zürich entwickelt worden und kann inzwischen in weiten Teilen des Landes genutzt werden. Als besonders innovativ fallen daneben die Städte Zug und Zürich sowie der Kanton Schaffhausen auf (siehe nächste Seite).

Widerstand auf politischer Ebene
Auf nationaler Ebene fehlen nach wie vor sogenannte Basisdienste. Dazu zählen eine elektronische Identität und eine elektronische Signatur, welche Voraussetzung für viele digitale Angebote sind. Die Politik ist daran, die dafür nötigen gesetzlichen Grundlagen zu schaffen. Sie stösst allerdings auf Widerstand, wie die Unterschriftensammlung für ein Referendum gegen eine nationale eID zeigt. Nachholbedarf sieht Mertes zudem bei der Anbindung ländlicher Gebiete ans Breitbandnetz. «Indem man in Infrastruktur investiert, kann man die digitale Entwicklung stark beschleunigen», sagt er. Gerade in abgelegenen Regionen seien dafür Kooperationen nötig. Als Nachteil erwähnt er die vergleichsweise hohen Handy- und Internetkosten, welche mit der geringen Zahl der Netzbetreiber zu tun haben. Was den Ausbau der 5G-Technologie betrifft, schneidet die Schweiz hingegen vergleichsweise gut ab. «Da geht es bei uns schneller voran als in anderen Staaten.»

Neue, komplexere Aufgaben
Ebenso positiv fällt auf, dass digitale Kompetenzen im Bildungssystem wichtiger geworden sind. Die Lehrpläne der Schule sind angepasst worden; Hochschulen bilden entsprechende Aus- und Weiterbildungen an. «Die Nachfrage ist da», stellt Alexander Mertes fest, der im CAS Digitale Verwaltung unterrichtet. Viele Behörden seien bereit, in die Schulung ihrer Mitarbeitenden zu investieren. Diese seien zurzeit stark gefordert. Sie müssten neue digitale Leistungen erbringen und interne Prozesse überarbeiten. Automatisierung werde ihnen zwar einfache Tätigkeiten abnehmen, es kämen jedoch neue, komplexere Aufgaben hinzu. «Sie müssen sicher nicht befürchten, von der Technik ersetzt zu werden.»

Grosseltern

November 2019

«Eine Beziehung dauert an, auch wenn die Liebe endet»

Wenn sich ihre Eltern trennen, bricht für Kinder erst einmal eine Welt zusammen. Jacqueline Zünd lässt in ihrem aktuellen Film «Where we belong» fünf Betroffene zu Wort kommen. Im Interview spricht die Zürcher Regisseurin auch über die Rolle der Grosseltern.

Aargauer Zeitung / Luzerner Zeitung / St. Galler Tagblatt

7. Juni 2019

Auch der Schrecken wird vererbt

Lieblosigkeit, Hunger und Gewalt, aber auch positive Lebensumstände hinterlassen Spuren im Erbgut. Die Epigenetik liefert neue Erkenntnisse darüber, was einen Menschen ausmacht.

Grosseltern

Juni 2019

Schlafen tut gut

Während der Organismus sich erholt, arbeitet das Hirn intensiv, das Immunsystem wird gestärkt. Und doch wird schlafen oft negativ bewertet.

JACQUELINE ZÜND legt mit «Where We Belong» ihren dritten langen Dokumentarfilm vor. Sie lässt darin fünf Kinder erzählen, wie es ist, wenn sich Eltern trennen. Sie kombiniert Interviews mit Alltagsszenen und fängt damit auch ein, was nicht ausgesprochen wird. Der Film hat an der diesjährigen Berlinale Weltpremiere gefeiert und ist ab dem 14. November in den Schweizer Kinos zu sehen. Er hat der Regisseurin eine Nomination für den Zürcher Filmpreis 2019 eingebracht. Jacqueline Zünd absolvierte die Ringier Journalistenschule und die London Film School. Sie ist 48-jährig, hat einen Sohn und lebt in Zürich. 

Grosseltern

«Eine Beziehung dauert an, auch wenn die Liebe endet»

Wenn sich ihre Eltern trennen, bricht für Kinder erst einmal eine Welt zusammen. Jacqueline Zünd lässt in ihrem aktuellen Film «Where we belong» fünf Betroffene zu Wort kommen. Im Interview spricht die Zürcher Regisseurin auch über die Rolle der Grosseltern.

Frau Zünd, hören wir Erwachsenen Trennungskindern zu wenig zu?
Jacqueline Zünd: Aus meiner Erfahrung wird das Thema von Eltern eher gemieden. Es ist immer noch schambelastet. Die klassische Familie gilt immer noch als ideal, obwohl sie – wie wir wissen – zuweilen Neurosen auslöst. Wenn es um Trennungen geht, kommen vor allem Fachleute zu Wort. Die Sicht der Kinder hat meist wenig Platz.

In Ihrem Film lassen Sie fünf betroffene Kinder erzählen. Was haben Sie von ihnen gelernt?
Am meisten berührt hat mich, wie stark es diese Kinder kümmert, wie es ihren Eltern geht. Sie möchten ihnen keine Sorgen machen und nehmen sich daher zurück. Mich hat überrascht, wie weise sie sind, wie klar sie die Situation erfassen und wie gut sie sich artikulieren können.

Die Kinder spüren genau, was um sie herum geschieht.
Ja, sie haben ein beeindruckendes Sensorium. Man sollte sich mehr trauen, Kindern von getrennten Eltern Fragen zu stellen. Ich war vermutlich die erste Person, die mit den Protagonisten so direkt gesprochen hat. Bei meinem Sohn habe ich das auch zu wenig getan.

Die Protagonisten versuchen, ihre Eltern zu schützen. Sie übernehmen viel Verantwortung. Vielleicht sogar mehr als ihnen guttut?
Das kann ich nicht beurteilen. Sie stellen sich jedenfalls hinten an. Kleinere Kinder tun dies wahrscheinlich stärker als Teenager. Diese können sich eher auflehnen und sagen auch einmal etwas gegen die Eltern. Zum Glück.

Eltern und Grosseltern kommen in Ihrem Film nur indirekt vor. Thomas etwa geht häufig an das Grab seines Grossvaters. Wie wichtig sind Grosseltern in den drei porträtierten Familien?
In einer Familie sind sie sehr wichtig. Da leisten die Grosseltern einen grossen Teil der Betreuungsarbeit. Sie leben in einem Reihenhaus direkt neben ihrer Tochter, welche 100 Prozent erwerbstätig ist. Dass sie sich so intensiv um ihre Enkel kümmern, hat auch mit ihrer italienischen Herkunft zu tun. Bei Thomas ist die Grossmutter ebenfalls zentral. Sie lebt auf dem Bauernhof ihres Sohns und führt den Haushalt. Die Grosseltern der dritten Familie sind weniger präsent, sie wohnen im Ausland.

Sie sind selbst geschieden. Wie haben die Grosseltern Ihres Sohns damals reagiert?
Zu meinen Eltern habe ich eine enge Beziehung. Sie haben den Entscheid verstanden und sich mit ihrer Meinung zurückgehalten. Sie haben sich darauf konzentriert, uns zu unterstützen. Mein Sohn war in dieser Zeit häufiger bei ihnen.

Die Beziehung zwischen Ihrem Sohn und Ihren Eltern hat also nicht gelitten.
Nein, sie ist sogar intensiver geworden. Die Beziehung zur Grossmutter väterlicherseits war von Anfang an weniger stark. Sie wurde durch die Scheidung aber nicht gemindert.

Hat die Arbeit am Film Ihre Sicht auf Ihre Trennung verändert?
Wir sind alle nicht so perfekt, wie wir es gerne wären. Es gab während des Drehs schon Momente, in denen ich dachte, «oh je, das habe ich auch gemacht». Es gehört wohl zum Elternsein, dass man akzeptieren muss, Fehler zu machen.

Man erfährt von den porträtierten Kindern viel Persönliches. Man kommt ihnen – auch durch die Art, wie Sie sie in Szene setzen – sehr nahe. Was haben Sie bewusst weggelassen?
Ich wollte sie stark zeigen. Momente, in denen Tränen geflossen sind, habe ich bewusst weggelassen. Ich wollte die Kinder nicht als Opfer darstellen. Sie sollen sich gross und schön fühlen – wie kleine Stars. Der Film soll nicht pädagogisch daherkommen, er soll gerade Kinder und Jugendliche ansprechen.

Wie haben die fünf Protagonisten reagiert?
Sie fanden den Film cool. Das war ein schöner Moment. Vier sind an die Weltpremiere nach Berlin gekommen. Sie waren zuerst etwas kritisch, dann jedoch zufrieden. Sie sind stolz.

Wie war es für sie, vor der Kamera zu erzählen?
Es war nicht immer einfach. Ich habe dann versucht, sie emotional aufzufangen. In einer Vorführung bin ich kürzlich gefragt worden, wie ich gemerkt hätte, dass die Dreharbeiten am Ende angelangt seien. Eine gute Frage. Die Kinder haben es mir gezeigt. Alle fünf haben irgendwann gesagt «ich mag nicht mehr darüber reden».

Aus Ihrer Erfahrung: Was hilft Kindern bei einer Trennung?
Ich habe belastete Fälle ausgewählt, da diese zum Erzählen spannender sind. Das ist mir aber ganz wichtig: Viele Trennungen laufen gut. Wenn Eltern den Dialog aufrechterhalten und ihre Probleme unter sich lösen, erleben Kinder eine Scheidung relativ schmerzfrei. Ich habe dazu einmal die schöne Beschreibung gelesen: «Vielleicht fühlt sich das nicht mehr nach der heilen Welt der frühen Kindheit an. Aber es ist eine Welt, in der die Gewissheit herrscht, dass Beziehungen halten, auch wenn Dinge zu Ende gehen.»

Bindungen gehen nicht verloren.
Nein. Eine Beziehung dauert an, auch wenn eine Liebe endet. Es kann für Kinder lehrreich sein, zu sehen, dass man sich auf eine gute Art trennen kann. Grosseltern können ihren Enkeln in dieser unsicheren Zeit Halt geben. Sie können für sie da sein, ihnen ein vertrautes Umfeld bieten.

Obwohl fast 40 Prozent aller Ehen geschieden werden, bestehen Scheidungsfamilien gegenüber offenbar immer noch Vorurteile. Woran liegt das?
Die Schweiz ist ziemlich konservativ. Sie hinkt in gesellschaftlichen Entwicklungen hinterher. Das Frauenstimmrecht wurde vergleichsweise spät eingeführt. Ich glaube, in anderen Ländern gibt es weniger Vorurteile. An internationalen Festivals löst der Film ganz andere Reaktionen aus als hier. Gerade nordische Länder haben eine offenere Gesprächskultur. Wir pflegen immer noch ein sehr konservatives Familienbild.

Die Filmszene ist ziemlich männerlastig. Wie nehmen Sie das wahr?
Das ist sie, ja. Die Filmförderung muss unbedingt gleichberechtigter werden. Andere Länder wie Schweden haben eine Quotenregelung eingeführt. Das fände ich auch bei uns sinnvoll, zumindest als Übergangslösung. Man hört häufig das Argument, dass die Qualität entscheide. Das stimmt aber nicht. Es gibt so viele schlechte Filme von Männern. Gleichberechtigt wären wir erst, wenn Frauen ebenso das Recht hätten, schlechte Filme zu machen.

Wie setzt man sich als Frau durch?
Unsicherheit und Selbstzweifel können eine grosse Quelle für Kreativität sein. Wenn es aber um die Finanzierung eines Projekts geht, sollte man sie tunlichst verstecken. Das beherrschen Männer besser als Frauen.

Aargauer Zeitung / Luzerner Zeitung / St. Galler Tagblatt

Auch der Schrecken wird vererbt

Lieblosigkeit, Hunger und Gewalt, aber auch positive Lebensumstände hinterlassen Spuren im Erbgut. Die Epigenetik liefert neue Erkenntnisse darüber, was einen Menschen ausmacht.

Die Gene machen uns zu dem, was wir sind. Sie werden uns vererbt und prägen uns ein Leben lang. Diese Vorstellung erlebte im Jahr 2000 einen Höhepunkt, als in den USA das menschliche Genom entschlüsselt wurde. Forschung und Gesellschaft waren überzeugt: Kennen wir sein Erbgut, kennen wir einen Menschen. Doch die Euphorie verflog rasch. Es zeigte sich, dass die rund 22500 Gene allein zu wenig aussagekräftig sind. Wissenschafter entdeckten, dass Gene nicht nur steuern, sondern auch gesteuert werden–dass Umwelteinflüsse im Erbgut Spuren hinterlassen.

Liebe und Stress wirken bis in die einzelne Zelle

Epigenetische Studien dokumentieren, dass sich auf der Ebene oberhalb des DNA-Strangs entscheidende Prozesse abspielen. Kleinste chemische Anhängsel bewirken, dass einzelne Gene an und andere abgeschaltet werden. «Alles, was wir erleben, schlägt sich auf diesen Schaltern nieder», erklärt der deutsche Wissenschaftsautor Peter Spork. Liebe, Stress, Erziehung, Traumata, aber auch Ernährung und Sport wirkten bis in die einzelnen Zellen hinein. Sie könnten einen Organismus dauerhaft prägen. Dass die Lebensumstände die Regulation der Gene beeinflussen, wiesen Forscher der ETH Zürich am Beispiel von Fruchtfliegen eindrücklich nach. Sie zogen Embryonen während einer gewissen Dauer nicht wie üblich bei 25 Grad, sondern bei 37Grad auf. Als Folge des Hitzeschocks entwickelten die Versuchstiere statt einer weissen eine rote Augenfarbe. Die verantwortlichen DNA-Sequenzen blieben gleich. Was sich anpasste, waren die epigenetischen Marker an deren Oberfläche. Sie veränderten sich dauerhaft: Die Nachkommen der rotäugigen Fruchtfliegen hatten ebenfalls rote Augen. Aber nicht nur körperliche, sondern auch seelische Belastungen prägen die Gene. So berichten Nachkommen von Flüchtlingen beispielsweise von Albträumen, obwohl sie in einem sicheren Land zur Welt gekommen sind. Kinder spüren die Folgen elterlicher Traumata, selbst, wenn ihnen diese verschwiegen werden. Lange ist man davon ausgegangen, dass das Leid über das Verhalten weitergegeben wird. Epigenetische Untersuchungen liefern nun Hinweise darauf, dass dabei ebenso biologische Prozesse im Spiel sind.

Bei Holocaust-Überlebenden stellten Forscher unter anderem epigenetische Veränderungen an einem Gen fest, welches für die Stressverarbeitung zuständig ist. Dieses ist bei ihnen stärker blockiert als bei Juden, welche nicht Opfer der Verfolgung geworden sind. Bei den nach dem Krieg geborenen Kindern beobachtete man genau das Gegenteil. Das besagte Gen ist weniger blockiert; sie leiden eher an stressbedingten Erkrankungen.

Psyche reagiert auf Belastungen

«Gewalt, sexueller Missbrauch, Vernachlässigung und Erniedrigung können zu psychischen Krankheiten führen», sagt Isabelle Mansuy, Hirnforscherin an der Universität und der ETH Zürich. Bei Mäusen habe sich gezeigt, dass einige Folgen negativer Erlebnisse bis zur vierten Generation weitergegeben würden. Die Professorin für Neuroepigenetik gilt als Pionierin ihres Fachs. Im Rahmen ihres bekanntesten Experiments werden neugeborene Mäuse mehrfach unvorbereitet für drei Stunden von ihren Müttern getrennt. Diese werden zur gleichen Zeit mit einer Röhre in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt und kehren entsprechend gestresst zu ihrem Nachwuchs zurück. An den vernachlässigten Babys lassen sich danach deutliche Belastungssymptome beobachten. Sie entwickeln beispielsweise Depressionen, zeigen Lernschwierigkeiten und verhalten sich weniger risikoscheu als Artgenossen, die behütet aufwachsen. Ihr Epigenom weist neue Prägungen auf, welche der nächsten Generationen vererbt werden. Übertrage man dieses Wissen auf den Menschen, könne es Schuldgefühle mindern, sagt Isabelle Mansuy. Psychisch Erkrankte dächten häufig, sie hätten ihr Leben einfach nicht im Griff. «Dabei haben psychische Krankheiten – wie körperliche Leiden–mit den Lebenserfahrungen früherer Generationen zu tun.» Man müsse sie akzeptieren und behandeln. Wie die Forscher am Mausmodell aber ebenso feststellten, können positive Erfahrungen ein Trauma abschwächen. «Ein gutes Umfeld kann positive Veränderungen bewirken», so Mansuy.

Die Chance, zu handeln

Diesen Befund hebt auch Peter Spork hervor: «Wir sind nicht Marionetten unserer Gene.» Das Schicksal eines Menschen sei nicht vorbestimmt. Durch seinen Lebensstil könne er wesentlichen Einfluss nehmen. «Wir haben eine ungeahnte Macht über unser Erbgut und dasjenige unserer Kinder.» Starke Bindungen und positive Erfahrungen machten widerstandsfähig, so Spork. Eltern tun seinen Ausführungen nach gut daran, in einem gesunden Mass auf den Lebensstil ihrer Kinder zu achten. Die Gesellschaft sollte zudem verstärkt in die seelische und körperliche Entwicklung der Kleinsten investieren. Das Wissen um epigenetische Mechanismen eröffne uns die Chance zu handeln, betont Forscherin Mansuy. «Es ist entscheidend, wie wir miteinanderumgehen.»

Grosseltern

Schlafen tut gut

Während der Organismus sich erholt, arbeitet das Hirn intensiv, das Immunsystem wird gestärkt. Und doch wird schlafen oft negativ bewertet.

Wir schlafen, um wach zu sein. Wir ruhen, um Sinneseindrücke zu verarbeiten, Gelerntes einzuordnen und neue Energie zu schöpfen. Mit dem Einschlafen gleiten wir zwar in einen unbewussten Zustand. Geist und Körper bleiben aber aktiv: Sie durchlaufen lebenswichtige Prozesse. «Im Schlaf bildet sich unser Gedächtnis», sagt der deutsche Neurowissenschaftler Jan Born. Dies ist seiner Ansicht nach die wichtigste Funktion der nächtlichen Ruhe. Was wir tagsüber wahrnehmen, wird kontinuierlich mit bestehenden Wissensnetzwerken in Beziehung gesetzt. Es wird abgeglichen und konsolidiert. «Nicht jeder Teilaspekt wird dauerhaft abgespeichert», so der Schlafforscher, der an der Universität Tübingen lehrt. Das Gehirn verfügt über eine begrenzte Speicherkapazität. Es schält daher die Quintessenz einer Wahrnehmung heraus und integriert nur diese. Zahlreiche Untersuchungen belegen, dass insbesondere der Tiefschlaf das Lernen unterstützt. Wer Vokabeln büffelt, erinnert sich besser daran, wenn er danach schläft statt wacht. Im Schlaf nimmt zudem das explizite Wissen zu. Frisch aufgenommene Informationen werden qualitativ umstrukturiert. Born spricht von einem aktiven Prozess: «Etwas, was vor dem Schlaf nicht erkannt worden ist, wird durch den Schlaf bewusst.» In einem Experiment entschlüsselten Probanden beispielsweise die versteckte Struktur von Zahlenreihen. Gedächtnisbildung braucht Zeit und Ruhe. Das erklärt, warum wir, wenn wir schlafen, für äussere Reize kaum empfänglich sind.

Licht prägt den Biorhythmus

Schlaf ist jedoch nicht nur für das Hirn und die mentale Verfassung von essenzieller Bedeutung. Er gibt dem ganzen Organismus Gelegenheit, sich zu erholen. Er stärkt das Immunsystem, schützt das Herz und fördert die Wundheilung. Unser Körper folgt dem Rhythmus von Helligkeit und Dunkelheit, von Tag und Nacht. Nimmt das natürliche Licht gegen den Abend ab, leitet das Gehirn den Ruhezyklus ein. Nun wird Melatonin, das eigentliche Schlafhormon, ausgeschüttet; verschiedene Körperfunktionen werden heruntergefahren. Wie fein tariert unsere innere Uhr ist, merken wir, wenn wir in andere Zeitzonen reisen oder Schichtarbeit leisten.

Individuell und kulturell geprägt

Das individuelle Schlafverhalten ist teilweise genetisch festgelegt. Bereits im Kleinkinderalter zeigt sich, ob jemand einer Lerche oder einer Eule entspricht, ob jemand kurz oder lang, tief oder oberflächlich schläft. Hinzu kommen kulturelle Prägungen. So ist es in Japan nicht verpönt, tagsüber einzunicken. Sei es in der Metro, auf einer Parkbank, in der Schule oder am Arbeitsplatz. Das Nickerchen wird als Beweis dafür gewertet, dass jemand viel geleistet hat. In unseren Breitengraden wird Schlaf eher negativ bewertet. Einzelne Manager und Politiker kokettieren damit, bloss wenige Stunden zu benötigen. «Als Leistungsgesellschaft definieren wir uns über Produktivität», sagt Theo Wehner, emeritierter Professor für Arbeits­ und Organisationspsychologie der ETH Zürich. Da komme der Schlaf schlecht weg: Er werde als verschwendete Zeit wahrgenommen. Wehner spricht von einem fatalen Missverständnis. Der Mensch sei ein tag­ und nachtaktives Wesen. Er verbrauche in der Nacht nur etwa 50 Kilokalorien weniger als am Tag, was vor allem der Hirnaktivität geschuldet sei.

«Schlaf ist etwas für Weicheier» («sleep is for wimps»), pflegte die ehemalige britische Premierministerin Margaret Thatcher zu sagen. Eine Haltung, welche nicht nur der aktuelle amerikanische Präsident teilt. Marco Hafner, Ökonom bei RAND Europe in London, beschreibt die Schweizer Arbeitswelt als Workaholic­Kultur. «Dabei sind Länder, in denen stundenmässig weniger gearbeitet wird, nicht weniger produktiv.» Als Beispiel nennt er nordische Staaten wie Dänemark oder Schweden, wo stärker auf eine gesunde Work­Life­Balance geachtet wird und die übliche wöchentliche Arbeitszeit kürzer ist.

Schlafmangel hat fatale Folgen

Wissenschaftler sind sich einig, dass der Mensch ein gewisses Mass an nächtlicher Ruhe braucht, um leistungsfähig zu bleiben. Bei Erwachsenen gelten zwischen sechs und acht Stunden als normal und angemessen. Zu wenig oder schlechter Schlaf hat negative Auswirkungen auf die körperliche und auf die mentale Verfassung. «Das Immunsystem funktioniert schlechter, man wird schneller krank. Man neigt zu einer Gewichtszunahme, Diabetes oder hohem Blutdruck», sagt Schlafexpertin Sarah Rey. Daneben leiden die Aufmerksamkeit und die Reaktionsfähigkeit, was im Strassenverkehr oder beim Bedienen von Maschinen gefährlich werden kann. Die Lernfähigkeit ist eingeschränkt. Man ist leichter reizbar, fühlt sich eher traurig und zieht sich zurück. «Dies verstärkt schon vorhandene Schlafprobleme», so Rey. Laut aktuellen Zahlen des Bundesamts für Statistik leiden rund 40 Prozent der Schweizerinnen an Ein­ oder Durchschlafstörungen. Bei den Männern sind es rund 28 Prozent. «Wir verhalten uns riskanter und sind fehleranfälliger», ergänzt Arbeitspsychologe Wehner. Die Empathie nehme ab. Damit gehe die Energie für soziale Kontrollprozesse verloren und es komme vermehrt zu unethischem Handeln.

Müde Mitarbeiter kosten

Je übermüdeter jemand sei, desto weniger sei er sich dessen bewusst, stellt Marco Hafner fest. Als er vor fünf Jahren Vater wurde, erlebte er selbst, wie sich kurze Nächte auswirken. Dies nahm er zum Anlass, die individuellen und volkswirtschaftlichen Folgen von Schlafmangel zu untersuchen. Seine Resultate lassen aufhorchen: Wer weniger als sechs Stunden pro Nacht schläft, verliert im Jahr 5 bis 10 Arbeitstage im Vergleich zu jemandem, der sieben bis neun Stunden schläft. Er wird eher krank, lässt sich leichter ablenken und hat generell Mühe, Informationen zu verarbeiten. Der Schweizer Volkswirtschaft entgehen jährlich 4,5 Millionen Arbeitstage; es entstehen ihr Kosten von 5 bis 8 Milliarden Franken. Wirtschaft und Politik seien sich dieser gravierenden Konsequenzen erst wenig bewusst, sagt Hafner. «Es braucht noch einige Anstrengungen, um Vorurteile gegenüber Normal­ und Langschläfern abzubauen.» Die Studienautoren empfehlen beispielsweise flexible Arbeitszeiten, welche es Nachtmenschen erlauben, morgens später am Arbeitsplatz zu erscheinen, dafür abends länger zu arbeiten. Firmen können zudem Schlaftrainings anbieten oder Ruheräume einrichten, um kurze Schlafpausen (power naps) zu ermöglichen. Sie können darüber hinaus Anreize schaffen, damit ihre Mitarbeitenden genügend schlafen oder die geschäftliche Kommunikation nach Feierabend einschränken. Wie erfolgreich solche Massnahmen sind, hängt gemäss Hafner von der jeweiligen Firmenkultur ab. «Wenn der CEO mit wenig Schlaf prahlt, nützen Ruheräume wenig.»

Sensibel thematisieren

Das Thema Schlaf müsse neben Ernährung und Bewegung als drittes Standbein ins betriebliche Gesundheitsmanagement integriert werden, sagt Theo Wehner. Dabei müsse man allerdings sensibel vorgehen, tangiere es doch ein intimes Verhalten. Die Gesellschaft müsse umdenken und Attitüden wie «Schlafen kann ich, wenn ich tot bin» ablegen. Wehner plädiert unter anderem dafür, die Zeitumstellung abzuschaffen und den Schulbeginn für Teenager zu verschieben. Diese seien, hormonell bedingt, keine Frühaufsteher. Überhaupt müsse man stärker auf den Schlaftyp achten. Nicht jeder habe sein Leistungshoch am Morgen, genauso wenig wie nicht jeder gerne mit den Hühnern zu Bett gehe. «Vielleicht müssen wir auch nur unser überhöhtes Steuerungs­ und Kontrollbedürfnis abgeben: Schlaf ist immer auch Kontrollverlust.» Neue Forschungsansätze gehen jedoch in die gegenteilige Richtung. Wissenschaftler arbeiten daran, den Schlaf zu optimieren, indem sie das Gehirn gezielt zu beeinflussen suchen. Hirnströme können von aussen beispielsweise elektrisch oder mit Magnetfeldern stimuliert werden. Je nachdem soll dadurch eine tiefere Entspannung, eine bessere Regeneration oder intensiveres Lernen erreicht werden. Im Handel werden erste Geräte für den Privatgebrauch angeboten. «Die Offenheit der Bevölkerung für solche Technologien ist erstaunlich hoch», sagt Nicole Wenderoth, Professorin für Neuronale Bewegungskontrolle an der ETH. Eine Zukunft sieht sie in solchen Lifestyleprodukten aber bisher nicht. Die messbaren Effekte seien klein. Als vielversprechend bezeichnet sie hingegen das Projekt «Sleep Loop» des Forschungsverbunds «Hochschulmedizin Zürich», mit dem sie sich aktuell beschäftigt. «Unsere Idee ist es, den Schlaf zielgerichtet zu modulieren», sagt sie. Akustische Stimulation soll die Schlafqualität verbessen und dereinst Medikamente ablösen.

«Unser Menschenbild verändert sich»

Miriam Meckel, Professorin für Kommunikationsmanagement an der Universität St. Gallen, warnt davor, das Gehirn effizienter machen zu wollen. Man wisse noch viel zu wenig über das Or­gan, schraube jedoch sorglos daran herum. «Statt besser, schneller und effizienter zu denken, treiben wir uns vielleicht einfach in den Wahnsinn», schreibt sie in ihrem Buch «Mein Kopf gehört mir». Im Gehirn stecke der Kern unserer Persönlichkeit. Dieses zu manipulieren, heisse, die Persönlichkeit zu manipulieren. «Das Gesicht der Menschheit wird sich verändern, wenn wir beginnen, unser Gehirn als Zone stetiger Selbstverbesserung und als ökonomische Ressource zu begreifen. Wir werden einander fremd werden. Uns selbst auch.»

Grosseltern

November 2019

«Eine Beziehung dauert an, auch wenn die Liebe endet»

Wenn sich ihre Eltern trennen, bricht für Kinder erst einmal eine Welt zusammen. Jacqueline Zünd lässt in ihrem aktuellen Film «Where we belong» fünf Betroffene zu Wort kommen. Im Interview spricht die Zürcher Regisseurin auch über die Rolle der Grosseltern.

Grosseltern

«Eine Beziehung dauert an, auch wenn die Liebe endet»

Wenn sich ihre Eltern trennen, bricht für Kinder erst einmal eine Welt zusammen. Jacqueline Zünd lässt in ihrem aktuellen Film «Where we belong» fünf Betroffene zu Wort kommen. Im Interview spricht die Zürcher Regisseurin auch über die Rolle der Grosseltern.

Frau Zünd, hören wir Erwachsenen Trennungskindern zu wenig zu?
Jacqueline Zünd: Aus meiner Erfahrung wird das Thema von Eltern eher gemieden. Es ist immer noch schambelastet. Die klassische Familie gilt immer noch als ideal, obwohl sie – wie wir wissen – zuweilen Neurosen auslöst. Wenn es um Trennungen geht, kommen vor allem Fachleute zu Wort. Die Sicht der Kinder hat meist wenig Platz.

In Ihrem Film lassen Sie fünf betroffene Kinder erzählen. Was haben Sie von ihnen gelernt?
Am meisten berührt hat mich, wie stark es diese Kinder kümmert, wie es ihren Eltern geht. Sie möchten ihnen keine Sorgen machen und nehmen sich daher zurück. Mich hat überrascht, wie weise sie sind, wie klar sie die Situation erfassen und wie gut sie sich artikulieren können.

Die Kinder spüren genau, was um sie herum geschieht.
Ja, sie haben ein beeindruckendes Sensorium. Man sollte sich mehr trauen, Kindern von getrennten Eltern Fragen zu stellen. Ich war vermutlich die erste Person, die mit den Protagonisten so direkt gesprochen hat. Bei meinem Sohn habe ich das auch zu wenig getan.

Die Protagonisten versuchen, ihre Eltern zu schützen. Sie übernehmen viel Verantwortung. Vielleicht sogar mehr als ihnen guttut?
Das kann ich nicht beurteilen. Sie stellen sich jedenfalls hinten an. Kleinere Kinder tun dies wahrscheinlich stärker als Teenager. Diese können sich eher auflehnen und sagen auch einmal etwas gegen die Eltern. Zum Glück.

Eltern und Grosseltern kommen in Ihrem Film nur indirekt vor. Thomas etwa geht häufig an das Grab seines Grossvaters. Wie wichtig sind Grosseltern in den drei porträtierten Familien?
In einer Familie sind sie sehr wichtig. Da leisten die Grosseltern einen grossen Teil der Betreuungsarbeit. Sie leben in einem Reihenhaus direkt neben ihrer Tochter, welche 100 Prozent erwerbstätig ist. Dass sie sich so intensiv um ihre Enkel kümmern, hat auch mit ihrer italienischen Herkunft zu tun. Bei Thomas ist die Grossmutter ebenfalls zentral. Sie lebt auf dem Bauernhof ihres Sohns und führt den Haushalt. Die Grosseltern der dritten Familie sind weniger präsent, sie wohnen im Ausland.

Sie sind selbst geschieden. Wie haben die Grosseltern Ihres Sohns damals reagiert?
Zu meinen Eltern habe ich eine enge Beziehung. Sie haben den Entscheid verstanden und sich mit ihrer Meinung zurückgehalten. Sie haben sich darauf konzentriert, uns zu unterstützen. Mein Sohn war in dieser Zeit häufiger bei ihnen.

Die Beziehung zwischen Ihrem Sohn und Ihren Eltern hat also nicht gelitten.
Nein, sie ist sogar intensiver geworden. Die Beziehung zur Grossmutter väterlicherseits war von Anfang an weniger stark. Sie wurde durch die Scheidung aber nicht gemindert.

Hat die Arbeit am Film Ihre Sicht auf Ihre Trennung verändert?
Wir sind alle nicht so perfekt, wie wir es gerne wären. Es gab während des Drehs schon Momente, in denen ich dachte, «oh je, das habe ich auch gemacht». Es gehört wohl zum Elternsein, dass man akzeptieren muss, Fehler zu machen.

Man erfährt von den porträtierten Kindern viel Persönliches. Man kommt ihnen – auch durch die Art, wie Sie sie in Szene setzen – sehr nahe. Was haben Sie bewusst weggelassen?
Ich wollte sie stark zeigen. Momente, in denen Tränen geflossen sind, habe ich bewusst weggelassen. Ich wollte die Kinder nicht als Opfer darstellen. Sie sollen sich gross und schön fühlen – wie kleine Stars. Der Film soll nicht pädagogisch daherkommen, er soll gerade Kinder und Jugendliche ansprechen.

Wie haben die fünf Protagonisten reagiert?
Sie fanden den Film cool. Das war ein schöner Moment. Vier sind an die Weltpremiere nach Berlin gekommen. Sie waren zuerst etwas kritisch, dann jedoch zufrieden. Sie sind stolz.

Wie war es für sie, vor der Kamera zu erzählen?
Es war nicht immer einfach. Ich habe dann versucht, sie emotional aufzufangen. In einer Vorführung bin ich kürzlich gefragt worden, wie ich gemerkt hätte, dass die Dreharbeiten am Ende angelangt seien. Eine gute Frage. Die Kinder haben es mir gezeigt. Alle fünf haben irgendwann gesagt «ich mag nicht mehr darüber reden».

Aus Ihrer Erfahrung: Was hilft Kindern bei einer Trennung?
Ich habe belastete Fälle ausgewählt, da diese zum Erzählen spannender sind. Das ist mir aber ganz wichtig: Viele Trennungen laufen gut. Wenn Eltern den Dialog aufrechterhalten und ihre Probleme unter sich lösen, erleben Kinder eine Scheidung relativ schmerzfrei. Ich habe dazu einmal die schöne Beschreibung gelesen: «Vielleicht fühlt sich das nicht mehr nach der heilen Welt der frühen Kindheit an. Aber es ist eine Welt, in der die Gewissheit herrscht, dass Beziehungen halten, auch wenn Dinge zu Ende gehen.»

Bindungen gehen nicht verloren.
Nein. Eine Beziehung dauert an, auch wenn eine Liebe endet. Es kann für Kinder lehrreich sein, zu sehen, dass man sich auf eine gute Art trennen kann. Grosseltern können ihren Enkeln in dieser unsicheren Zeit Halt geben. Sie können für sie da sein, ihnen ein vertrautes Umfeld bieten.

Obwohl fast 40 Prozent aller Ehen geschieden werden, bestehen Scheidungsfamilien gegenüber offenbar immer noch Vorurteile. Woran liegt das?
Die Schweiz ist ziemlich konservativ. Sie hinkt in gesellschaftlichen Entwicklungen hinterher. Das Frauenstimmrecht wurde vergleichsweise spät eingeführt. Ich glaube, in anderen Ländern gibt es weniger Vorurteile. An internationalen Festivals löst der Film ganz andere Reaktionen aus als hier. Gerade nordische Länder haben eine offenere Gesprächskultur. Wir pflegen immer noch ein sehr konservatives Familienbild.

Die Filmszene ist ziemlich männerlastig. Wie nehmen Sie das wahr?
Das ist sie, ja. Die Filmförderung muss unbedingt gleichberechtigter werden. Andere Länder wie Schweden haben eine Quotenregelung eingeführt. Das fände ich auch bei uns sinnvoll, zumindest als Übergangslösung. Man hört häufig das Argument, dass die Qualität entscheide. Das stimmt aber nicht. Es gibt so viele schlechte Filme von Männern. Gleichberechtigt wären wir erst, wenn Frauen ebenso das Recht hätten, schlechte Filme zu machen.

Wie setzt man sich als Frau durch?
Unsicherheit und Selbstzweifel können eine grosse Quelle für Kreativität sein. Wenn es aber um die Finanzierung eines Projekts geht, sollte man sie tunlichst verstecken. Das beherrschen Männer besser als Frauen.

JACQUELINE ZÜND legt mit «Where We Belong» ihren dritten langen Dokumentarfilm vor. Sie lässt darin fünf Kinder erzählen, wie es ist, wenn sich Eltern trennen. Sie kombiniert Interviews mit Alltagsszenen und fängt damit auch ein, was nicht ausgesprochen wird. Der Film hat an der diesjährigen Berlinale Weltpremiere gefeiert und ist ab dem 14. November in den Schweizer Kinos zu sehen. Er hat der Regisseurin eine Nomination für den Zürcher Filmpreis 2019 eingebracht. Jacqueline Zünd absolvierte die Ringier Journalistenschule und die London Film School. Sie ist 48-jährig, hat einen Sohn und lebt in Zürich. 

Aargauer Zeitung / Luzerner Zeitung / St. Galler Tagblatt

7. Juni 2019

Auch der Schrecken wird vererbt

Lieblosigkeit, Hunger und Gewalt, aber auch positive Lebensumstände hinterlassen Spuren im Erbgut. Die Epigenetik liefert neue Erkenntnisse darüber, was einen Menschen ausmacht.

Aargauer Zeitung / Luzerner Zeitung / St. Galler Tagblatt

Auch der Schrecken wird vererbt

Lieblosigkeit, Hunger und Gewalt, aber auch positive Lebensumstände hinterlassen Spuren im Erbgut. Die Epigenetik liefert neue Erkenntnisse darüber, was einen Menschen ausmacht.

Die Gene machen uns zu dem, was wir sind. Sie werden uns vererbt und prägen uns ein Leben lang. Diese Vorstellung erlebte im Jahr 2000 einen Höhepunkt, als in den USA das menschliche Genom entschlüsselt wurde. Forschung und Gesellschaft waren überzeugt: Kennen wir sein Erbgut, kennen wir einen Menschen. Doch die Euphorie verflog rasch. Es zeigte sich, dass die rund 22500 Gene allein zu wenig aussagekräftig sind. Wissenschafter entdeckten, dass Gene nicht nur steuern, sondern auch gesteuert werden–dass Umwelteinflüsse im Erbgut Spuren hinterlassen.

Liebe und Stress wirken bis in die einzelne Zelle

Epigenetische Studien dokumentieren, dass sich auf der Ebene oberhalb des DNA-Strangs entscheidende Prozesse abspielen. Kleinste chemische Anhängsel bewirken, dass einzelne Gene an und andere abgeschaltet werden. «Alles, was wir erleben, schlägt sich auf diesen Schaltern nieder», erklärt der deutsche Wissenschaftsautor Peter Spork. Liebe, Stress, Erziehung, Traumata, aber auch Ernährung und Sport wirkten bis in die einzelnen Zellen hinein. Sie könnten einen Organismus dauerhaft prägen. Dass die Lebensumstände die Regulation der Gene beeinflussen, wiesen Forscher der ETH Zürich am Beispiel von Fruchtfliegen eindrücklich nach. Sie zogen Embryonen während einer gewissen Dauer nicht wie üblich bei 25 Grad, sondern bei 37Grad auf. Als Folge des Hitzeschocks entwickelten die Versuchstiere statt einer weissen eine rote Augenfarbe. Die verantwortlichen DNA-Sequenzen blieben gleich. Was sich anpasste, waren die epigenetischen Marker an deren Oberfläche. Sie veränderten sich dauerhaft: Die Nachkommen der rotäugigen Fruchtfliegen hatten ebenfalls rote Augen. Aber nicht nur körperliche, sondern auch seelische Belastungen prägen die Gene. So berichten Nachkommen von Flüchtlingen beispielsweise von Albträumen, obwohl sie in einem sicheren Land zur Welt gekommen sind. Kinder spüren die Folgen elterlicher Traumata, selbst, wenn ihnen diese verschwiegen werden. Lange ist man davon ausgegangen, dass das Leid über das Verhalten weitergegeben wird. Epigenetische Untersuchungen liefern nun Hinweise darauf, dass dabei ebenso biologische Prozesse im Spiel sind.

Bei Holocaust-Überlebenden stellten Forscher unter anderem epigenetische Veränderungen an einem Gen fest, welches für die Stressverarbeitung zuständig ist. Dieses ist bei ihnen stärker blockiert als bei Juden, welche nicht Opfer der Verfolgung geworden sind. Bei den nach dem Krieg geborenen Kindern beobachtete man genau das Gegenteil. Das besagte Gen ist weniger blockiert; sie leiden eher an stressbedingten Erkrankungen.

Psyche reagiert auf Belastungen

«Gewalt, sexueller Missbrauch, Vernachlässigung und Erniedrigung können zu psychischen Krankheiten führen», sagt Isabelle Mansuy, Hirnforscherin an der Universität und der ETH Zürich. Bei Mäusen habe sich gezeigt, dass einige Folgen negativer Erlebnisse bis zur vierten Generation weitergegeben würden. Die Professorin für Neuroepigenetik gilt als Pionierin ihres Fachs. Im Rahmen ihres bekanntesten Experiments werden neugeborene Mäuse mehrfach unvorbereitet für drei Stunden von ihren Müttern getrennt. Diese werden zur gleichen Zeit mit einer Röhre in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt und kehren entsprechend gestresst zu ihrem Nachwuchs zurück. An den vernachlässigten Babys lassen sich danach deutliche Belastungssymptome beobachten. Sie entwickeln beispielsweise Depressionen, zeigen Lernschwierigkeiten und verhalten sich weniger risikoscheu als Artgenossen, die behütet aufwachsen. Ihr Epigenom weist neue Prägungen auf, welche der nächsten Generationen vererbt werden. Übertrage man dieses Wissen auf den Menschen, könne es Schuldgefühle mindern, sagt Isabelle Mansuy. Psychisch Erkrankte dächten häufig, sie hätten ihr Leben einfach nicht im Griff. «Dabei haben psychische Krankheiten – wie körperliche Leiden–mit den Lebenserfahrungen früherer Generationen zu tun.» Man müsse sie akzeptieren und behandeln. Wie die Forscher am Mausmodell aber ebenso feststellten, können positive Erfahrungen ein Trauma abschwächen. «Ein gutes Umfeld kann positive Veränderungen bewirken», so Mansuy.

Die Chance, zu handeln

Diesen Befund hebt auch Peter Spork hervor: «Wir sind nicht Marionetten unserer Gene.» Das Schicksal eines Menschen sei nicht vorbestimmt. Durch seinen Lebensstil könne er wesentlichen Einfluss nehmen. «Wir haben eine ungeahnte Macht über unser Erbgut und dasjenige unserer Kinder.» Starke Bindungen und positive Erfahrungen machten widerstandsfähig, so Spork. Eltern tun seinen Ausführungen nach gut daran, in einem gesunden Mass auf den Lebensstil ihrer Kinder zu achten. Die Gesellschaft sollte zudem verstärkt in die seelische und körperliche Entwicklung der Kleinsten investieren. Das Wissen um epigenetische Mechanismen eröffne uns die Chance zu handeln, betont Forscherin Mansuy. «Es ist entscheidend, wie wir miteinanderumgehen.»

Grosseltern

Juni 2019

Schlafen tut gut

Während der Organismus sich erholt, arbeitet das Hirn intensiv, das Immunsystem wird gestärkt. Und doch wird schlafen oft negativ bewertet.

Grosseltern

Schlafen tut gut

Während der Organismus sich erholt, arbeitet das Hirn intensiv, das Immunsystem wird gestärkt. Und doch wird schlafen oft negativ bewertet.

Wir schlafen, um wach zu sein. Wir ruhen, um Sinneseindrücke zu verarbeiten, Gelerntes einzuordnen und neue Energie zu schöpfen. Mit dem Einschlafen gleiten wir zwar in einen unbewussten Zustand. Geist und Körper bleiben aber aktiv: Sie durchlaufen lebenswichtige Prozesse. «Im Schlaf bildet sich unser Gedächtnis», sagt der deutsche Neurowissenschaftler Jan Born. Dies ist seiner Ansicht nach die wichtigste Funktion der nächtlichen Ruhe. Was wir tagsüber wahrnehmen, wird kontinuierlich mit bestehenden Wissensnetzwerken in Beziehung gesetzt. Es wird abgeglichen und konsolidiert. «Nicht jeder Teilaspekt wird dauerhaft abgespeichert», so der Schlafforscher, der an der Universität Tübingen lehrt. Das Gehirn verfügt über eine begrenzte Speicherkapazität. Es schält daher die Quintessenz einer Wahrnehmung heraus und integriert nur diese. Zahlreiche Untersuchungen belegen, dass insbesondere der Tiefschlaf das Lernen unterstützt. Wer Vokabeln büffelt, erinnert sich besser daran, wenn er danach schläft statt wacht. Im Schlaf nimmt zudem das explizite Wissen zu. Frisch aufgenommene Informationen werden qualitativ umstrukturiert. Born spricht von einem aktiven Prozess: «Etwas, was vor dem Schlaf nicht erkannt worden ist, wird durch den Schlaf bewusst.» In einem Experiment entschlüsselten Probanden beispielsweise die versteckte Struktur von Zahlenreihen. Gedächtnisbildung braucht Zeit und Ruhe. Das erklärt, warum wir, wenn wir schlafen, für äussere Reize kaum empfänglich sind.

Licht prägt den Biorhythmus

Schlaf ist jedoch nicht nur für das Hirn und die mentale Verfassung von essenzieller Bedeutung. Er gibt dem ganzen Organismus Gelegenheit, sich zu erholen. Er stärkt das Immunsystem, schützt das Herz und fördert die Wundheilung. Unser Körper folgt dem Rhythmus von Helligkeit und Dunkelheit, von Tag und Nacht. Nimmt das natürliche Licht gegen den Abend ab, leitet das Gehirn den Ruhezyklus ein. Nun wird Melatonin, das eigentliche Schlafhormon, ausgeschüttet; verschiedene Körperfunktionen werden heruntergefahren. Wie fein tariert unsere innere Uhr ist, merken wir, wenn wir in andere Zeitzonen reisen oder Schichtarbeit leisten.

Individuell und kulturell geprägt

Das individuelle Schlafverhalten ist teilweise genetisch festgelegt. Bereits im Kleinkinderalter zeigt sich, ob jemand einer Lerche oder einer Eule entspricht, ob jemand kurz oder lang, tief oder oberflächlich schläft. Hinzu kommen kulturelle Prägungen. So ist es in Japan nicht verpönt, tagsüber einzunicken. Sei es in der Metro, auf einer Parkbank, in der Schule oder am Arbeitsplatz. Das Nickerchen wird als Beweis dafür gewertet, dass jemand viel geleistet hat. In unseren Breitengraden wird Schlaf eher negativ bewertet. Einzelne Manager und Politiker kokettieren damit, bloss wenige Stunden zu benötigen. «Als Leistungsgesellschaft definieren wir uns über Produktivität», sagt Theo Wehner, emeritierter Professor für Arbeits­ und Organisationspsychologie der ETH Zürich. Da komme der Schlaf schlecht weg: Er werde als verschwendete Zeit wahrgenommen. Wehner spricht von einem fatalen Missverständnis. Der Mensch sei ein tag­ und nachtaktives Wesen. Er verbrauche in der Nacht nur etwa 50 Kilokalorien weniger als am Tag, was vor allem der Hirnaktivität geschuldet sei.

«Schlaf ist etwas für Weicheier» («sleep is for wimps»), pflegte die ehemalige britische Premierministerin Margaret Thatcher zu sagen. Eine Haltung, welche nicht nur der aktuelle amerikanische Präsident teilt. Marco Hafner, Ökonom bei RAND Europe in London, beschreibt die Schweizer Arbeitswelt als Workaholic­Kultur. «Dabei sind Länder, in denen stundenmässig weniger gearbeitet wird, nicht weniger produktiv.» Als Beispiel nennt er nordische Staaten wie Dänemark oder Schweden, wo stärker auf eine gesunde Work­Life­Balance geachtet wird und die übliche wöchentliche Arbeitszeit kürzer ist.

Schlafmangel hat fatale Folgen

Wissenschaftler sind sich einig, dass der Mensch ein gewisses Mass an nächtlicher Ruhe braucht, um leistungsfähig zu bleiben. Bei Erwachsenen gelten zwischen sechs und acht Stunden als normal und angemessen. Zu wenig oder schlechter Schlaf hat negative Auswirkungen auf die körperliche und auf die mentale Verfassung. «Das Immunsystem funktioniert schlechter, man wird schneller krank. Man neigt zu einer Gewichtszunahme, Diabetes oder hohem Blutdruck», sagt Schlafexpertin Sarah Rey. Daneben leiden die Aufmerksamkeit und die Reaktionsfähigkeit, was im Strassenverkehr oder beim Bedienen von Maschinen gefährlich werden kann. Die Lernfähigkeit ist eingeschränkt. Man ist leichter reizbar, fühlt sich eher traurig und zieht sich zurück. «Dies verstärkt schon vorhandene Schlafprobleme», so Rey. Laut aktuellen Zahlen des Bundesamts für Statistik leiden rund 40 Prozent der Schweizerinnen an Ein­ oder Durchschlafstörungen. Bei den Männern sind es rund 28 Prozent. «Wir verhalten uns riskanter und sind fehleranfälliger», ergänzt Arbeitspsychologe Wehner. Die Empathie nehme ab. Damit gehe die Energie für soziale Kontrollprozesse verloren und es komme vermehrt zu unethischem Handeln.

Müde Mitarbeiter kosten

Je übermüdeter jemand sei, desto weniger sei er sich dessen bewusst, stellt Marco Hafner fest. Als er vor fünf Jahren Vater wurde, erlebte er selbst, wie sich kurze Nächte auswirken. Dies nahm er zum Anlass, die individuellen und volkswirtschaftlichen Folgen von Schlafmangel zu untersuchen. Seine Resultate lassen aufhorchen: Wer weniger als sechs Stunden pro Nacht schläft, verliert im Jahr 5 bis 10 Arbeitstage im Vergleich zu jemandem, der sieben bis neun Stunden schläft. Er wird eher krank, lässt sich leichter ablenken und hat generell Mühe, Informationen zu verarbeiten. Der Schweizer Volkswirtschaft entgehen jährlich 4,5 Millionen Arbeitstage; es entstehen ihr Kosten von 5 bis 8 Milliarden Franken. Wirtschaft und Politik seien sich dieser gravierenden Konsequenzen erst wenig bewusst, sagt Hafner. «Es braucht noch einige Anstrengungen, um Vorurteile gegenüber Normal­ und Langschläfern abzubauen.» Die Studienautoren empfehlen beispielsweise flexible Arbeitszeiten, welche es Nachtmenschen erlauben, morgens später am Arbeitsplatz zu erscheinen, dafür abends länger zu arbeiten. Firmen können zudem Schlaftrainings anbieten oder Ruheräume einrichten, um kurze Schlafpausen (power naps) zu ermöglichen. Sie können darüber hinaus Anreize schaffen, damit ihre Mitarbeitenden genügend schlafen oder die geschäftliche Kommunikation nach Feierabend einschränken. Wie erfolgreich solche Massnahmen sind, hängt gemäss Hafner von der jeweiligen Firmenkultur ab. «Wenn der CEO mit wenig Schlaf prahlt, nützen Ruheräume wenig.»

Sensibel thematisieren

Das Thema Schlaf müsse neben Ernährung und Bewegung als drittes Standbein ins betriebliche Gesundheitsmanagement integriert werden, sagt Theo Wehner. Dabei müsse man allerdings sensibel vorgehen, tangiere es doch ein intimes Verhalten. Die Gesellschaft müsse umdenken und Attitüden wie «Schlafen kann ich, wenn ich tot bin» ablegen. Wehner plädiert unter anderem dafür, die Zeitumstellung abzuschaffen und den Schulbeginn für Teenager zu verschieben. Diese seien, hormonell bedingt, keine Frühaufsteher. Überhaupt müsse man stärker auf den Schlaftyp achten. Nicht jeder habe sein Leistungshoch am Morgen, genauso wenig wie nicht jeder gerne mit den Hühnern zu Bett gehe. «Vielleicht müssen wir auch nur unser überhöhtes Steuerungs­ und Kontrollbedürfnis abgeben: Schlaf ist immer auch Kontrollverlust.» Neue Forschungsansätze gehen jedoch in die gegenteilige Richtung. Wissenschaftler arbeiten daran, den Schlaf zu optimieren, indem sie das Gehirn gezielt zu beeinflussen suchen. Hirnströme können von aussen beispielsweise elektrisch oder mit Magnetfeldern stimuliert werden. Je nachdem soll dadurch eine tiefere Entspannung, eine bessere Regeneration oder intensiveres Lernen erreicht werden. Im Handel werden erste Geräte für den Privatgebrauch angeboten. «Die Offenheit der Bevölkerung für solche Technologien ist erstaunlich hoch», sagt Nicole Wenderoth, Professorin für Neuronale Bewegungskontrolle an der ETH. Eine Zukunft sieht sie in solchen Lifestyleprodukten aber bisher nicht. Die messbaren Effekte seien klein. Als vielversprechend bezeichnet sie hingegen das Projekt «Sleep Loop» des Forschungsverbunds «Hochschulmedizin Zürich», mit dem sie sich aktuell beschäftigt. «Unsere Idee ist es, den Schlaf zielgerichtet zu modulieren», sagt sie. Akustische Stimulation soll die Schlafqualität verbessen und dereinst Medikamente ablösen.

«Unser Menschenbild verändert sich»

Miriam Meckel, Professorin für Kommunikationsmanagement an der Universität St. Gallen, warnt davor, das Gehirn effizienter machen zu wollen. Man wisse noch viel zu wenig über das Or­gan, schraube jedoch sorglos daran herum. «Statt besser, schneller und effizienter zu denken, treiben wir uns vielleicht einfach in den Wahnsinn», schreibt sie in ihrem Buch «Mein Kopf gehört mir». Im Gehirn stecke der Kern unserer Persönlichkeit. Dieses zu manipulieren, heisse, die Persönlichkeit zu manipulieren. «Das Gesicht der Menschheit wird sich verändern, wenn wir beginnen, unser Gehirn als Zone stetiger Selbstverbesserung und als ökonomische Ressource zu begreifen. Wir werden einander fremd werden. Uns selbst auch.»

Grosseltern

November 2018

Mit Grand-maman im Bundeshaus

Alice Glauser-Zufferey, Nationalrätin der SVP und zwölffache Grossmutter, hat ihrer Enkelin Iléana Glauser kürzlich ihren Arbeitsplatz in Bern gezeigt. Vom Rummel um den Rücktritt eines Bundesrats liess sich die 13-Jährige wenig beeindrucken.

Vitamin G

November 2018

«Ich habe zwei Leben geführt»

Eva Geiser hat sich sieben Jahre lang um ihre Mutter gekümmert, die an Demenz erkrankt war. Immer mit dem Gefühl, nicht genug zu tun. Geholfen hat ihr der Austausch mit anderen betreuenden Angehörigen.

Schweizer Gemeinde

November 2018

Mittellose Touristen können Gemeinden viel kosten

Ein kranker oder verletzter Tourist kann eine Gemeinde teuer zu stehen kommen. Engelberg (OW) blieb in einem Fall auf fast 350 000 Franken sitzen. Nidwalden begrenzt die Kosten nun auf 50 000 Franken für Gemeinden.

Grosseltern

Mit Grand-maman im Bundeshaus

Alice Glauser-Zufferey, SVP-Nationalrätin und zwölffache Grossmutter, hat ihrer Enkelin Iléana Glauser kürzlich ihren Arbeitsplatz in Bern gezeigt. Vom Rummel um den Rücktritt eines Bundesrats liess sich die 13-Jährige wenig beeindrucken.

An den Marktständen vor dem Bundeshaus werden Kürbisse feilgeboten. Die Sonne lässt den Herbstmorgen milder erscheinen, als er ist. Kurz vor 8 Uhr gehen Alice Glauser-Zufferey und ihre Enkelin Iléana über den Platz. Gemeinsam betreten sie das Parlamentsgebäude, deponieren ihre Jacken in der Garderobe und richten sich in der Wandelhalle ein. Die Waadtländer SVP-Nationalrätin begrüsst Ratskollegen, bedient sich an der Auslage von Tageszeitungen und wirft einen Blick auf das Tagesprogramm. Den Sitzungsbeginn verfolgt sie im Ratssaal. Iléana setzt sich derweil an einen kleinen Marmortisch im Vorraum, packt Bleistift und Notizheft aus und beginnt zu zeichnen. Während das Parlament darüber diskutiert, ob der Milchmarkt gesteuert werden soll, bringt die 13-Jährige feine Striche aufs Papier. Wovon ihr Comic handelt, will sie nicht verraten. Sie entwickle die Geschichte laufend weiter. Alice Glauser-Zufferey befürwortet Milchkontingente und verbindliche Milchpreise. Die Produzenten seien auf bessere Bedingungen angewiesen, sagt sie. Zurzeit hätten viele Mühe, zu überleben. Landwirtschaftliche Themen liegen der Weinbäuerin aus Champvent am Herzen. Sie engagiert sich daneben vor allem in Bildungsfragen. Das duale System sei für die Schweiz ein zentraler Standortfaktor, betont sie. «In Bildung zu investieren, bedeutet, in die Zukunft unseres Landes zu investieren.»

Dass Iléana ihre Grand-maman an diesem Vormittag begleiten kann, hat auch damit zu tun, dass sie von ihren Eltern zu Hause unterrichtet wird. Sie muss sich nicht an fixen Unterrichtszeiten oder Schulferien orientieren. Sie ist bereits am Vortag angereist und hat am Abend auf der Zuschauertribüne verfolgt, wie die grosse Kammer über die Einführung von Lohnanalysen diskutierte. «Es war repetitiv», erzählt sie. Alice Glauser-Zufferey hatte mit ihrem Abstimmungsverhalten Aufmerksamkeit erregt. Entgegen der Parteilinie hatte sie sich grundsätzlich für eine entsprechende Änderung des Gleichstellungsgesetzes ausgesprochen. «Frauen leisten gleich viel wie Männer», sagt sie am Tag danach. «Unternehmen sollen beweisen müssen, dass sie für gleiche Arbeit gleiche Löhne zahlen.»

Der Bereich der Grünen

Nun will sie ihrem zweitältesten Enkelkind das Bundeshaus zeigen. An der reich verzierten Decke der Wandelhalle entdecken die beiden Trauben, wie sie sie zu Hause tonnenweise ernten. Sie diskutieren über die Palmen, die den Raum begrünen. «Bonsais wären schöner», findet Iléana, und Alice Glauser-Zuf- ferey lacht. «Oder wenigstens Pflanzen, die bei uns vorkommen», sagt die 64-Jährige. Auf dem Balkon geniessen sie dann die Aussicht aufs Marzilibad, die Kirchenfeldbrücke und den Gurten. Im warmen Licht der Herbstsonne zeigt sich die Stadt von ihrer schönsten Seite. Zurück in der Wandelhalle erklärt die Politikerin: «Das ist der Bereich der Grünen – der Partei deiner Mutter». Sabine Glauser Krug ist Mitglied des Waadtländer Kantonsrats, der in Lausanne ebenfalls gerade tagt.

Alice Glauser-Zufferey stellt ihrer Enkelin zwei grüne Nationalrätinnen vor, sie wechselt ein paar Worte mit einem Lobbyisten und muss dann zurück in den Rat, um abzustimmen. «Das ist das, was wir machen», sagt sie im Weggehen. «Wir sprechen mit anderen Politikern, haben Sitzungen, debattieren und entscheiden.» Ihre Grossmutter habe bestimmt eine spannende Aufgabe, sagt Iléana. Sie könne etwas bewirken. Zurück im Vorzimmer der SVP wendet sie sich wieder ihrem Zeichenheft zu.

Ein Bildschirm überträgt, wie Ratspräsident Dominique de Bumann das Rücktrittsschreiben von Bundesrat Johann Schneider-Ammann verliest. Als er damit fertig ist, ertönt Applaus. Parlamentarier strömen aus dem Saal, viele telefonieren. Medienschaffende holen Reaktionen ein und beginnen, über mögliche Nachfolger zu spekulieren. Iléana lässt sich davon nicht ablenken. Sie ist ganz in ihren Comic versunken, zeichnet ein Mädchen, das einem Hund direkt in die Augen schaut.
Der Rücktritt des Volkswirtschaftsministers sei allgemein erwartet worden, sagt Alice Glauser-Zufferey. «Es gab einige Anzeichen.» Die Bäuerin war mit seiner Arbeit nicht immer zufrieden. Er habe den Freihandel zu stark forciert, findet sie. Es brauche nun jemanden, der einen Mittelweg finde.
Zeit, den Rundgang fortzusetzen. Mit dem Lift geht es hoch in den dritten Stock zum Konferenzzimmer 301, dem grössten überhaupt. Hier tagt jeweils die SVP-Fraktion, die zurzeit 70 Mitglieder zählt. Der Grossmutter und der Enkelin bleiben allerdings nur wenige Minuten, um sich hinzusetzen und sich vorzustellen, wie hier jeweils diskutiert wird. Dann kündigt der Pager die nächste Abstimmung an. Inzwischen dreht sich die Debatte um Detailfragen der Lohnanalysen.
Iléana nimmt auf einer Bank im Treppenhaus Platz. Irgendwann kommt eine Weibelin mit Schokolade und Pausensnacks vorbei. Doch das Warten dauert an. Als die Nationalrätin endlich zurückkehrt, werfen die beiden noch einen Blick in die Eingangshalle. Sie beobachten unter anderem, wie der Parlamentspräsident Armeniens empfangen und von mehreren Fotografen ins rechte Licht gerückt wird. Auf dem Handy suchen sie danach die nächste Verbindung nach Champvent heraus. Iléana macht sich auf den Heimweg ins kleine Dorf, wo die ganze Familie an derselben Strasse wohnt. «Dass man es untereinander gut hat, ist das Wichtigste», sagt Alice Glauser-Zufferey. Sie ist mit acht Geschwistern aufgewachsen, hat vier Kinder und inzwischen zwölf Enkelkinder. Sie hofft, dass diese dereinst privat und beruflich glücklich werden. Dazu will sie – nicht nur mit ihrer Arbeit in Bern – einen Beitrag leisten.

Vitamin G – Dossier erinnern/vergessen

«Ich habe zwei Leben geführt»

Eva Geiser hat sich sieben Jahre lang um ihre Mutter gekümmert, die an Demenz erkrankt war. Immer mit dem Gefühl, nicht genug zu tun. Geholfen hat ihr der Austausch mit anderen betreuenden Angehörigen.

Es begann mit Terminen, die sich ihre Mutter nicht mehr merken konnte. Einmal schreckte sie aus dem Mittagsschlaf auf, als Handwerker an der Türe klingelten. Ein anderes Mal war ihr ein Notizzettel ein Rätsel, auf dem sie eine Zeit festgehalten hatte. «Dabei hatte sie einmal ein gutes Gedächtnis, sie kannte alle Namen und Telefonnummern», erzählt Eva Geiser. Kurz nach ihrer Pensionierung stellte die Winterthurerin bei ihrer Mutter erste Anzeichen einer Demenz fest. Ihr älterer Bruder, der im Elternhaus sein Atelier gehabt hatte, war eben gestorben. Ihre Mutter trauerte und brauchte im Alltag zunehmend Hilfe. Nach einem Spitalaufenthalt begann Eva Geiser, die damals 88-Jährige zum Einkaufen zu fahren, sie täglich anzurufen und an die Medikamente gegen den Bluthochdruck zu erinnern. Hinzu kamen administrative Aufgaben. Die Tochter erledigte die Rechnungen, füllte die Steuererklärung aus. «Ich führte zwei Leben», sagt sie. «Mein eigenes und das meiner Mutter.» Dabei habe sie stets ein schlechtes Gewissen geplagt. «Ich habe mir vorgeworfen, ich könnte mehr tun.»

Anderen geht es ähnlich

Eva Geiser informierte sich in Zeitungen, im Internet und beim Hausarzt. Sie traf in einer Gruppe andere betreuende Angehörige und tauschte sich mit einer Nachbarin aus, die sich um ihren Vater kümmerte. «Da habe ich gesehen, dass ich mit meiner Situation nicht allein bin.» In der Betreuung ihrer an Demenz erkrankten Mutter war die ehemalige Apothekerin allerdings lange auf sich gestellt. Es waren keine Verwandten da, die sie ab und zu hätten ablösen können. Sie musste sich selbst organisieren. Für die tägliche Körperpflege engagierte sie die Spitex. Daneben konnte sie auf die Unterstützung einer Raumpflegerin und eines Gärtners zählen.

Der Zustand ihrer Mutter verschlechterte sich stetig. Das Gedächtnis liess die Demenzkranke zunehmend im Stich, sie schaffte es nicht mehr, den Alltag zu organisieren. Hatte sie einen guten Moment, realisierte sie, dass sie ohne die Hilfe der Tochter aufgeschmissen wäre. «Alleine hätte ich nicht hierher gefunden», sagte sie einmal nach einer Autofahrt. Und als sie eine Generalvollmacht unterschrieb, meinte sie, «nun bin ich dir ausgeliefert», und lachte.

Dauernd präsent zu sein, belastet

Eva Geiser nahm der einst umtriebigen und geselligen Frau immer mehr ab; sie traf viele Entscheide allein. Das Gefühl, 24 Stunden am Tag für jemanden verantwortlich zu sein, zehrte an ihren Kräften. Als sie schliesslich mit einer schweren Grippe im Bett lag, realisierte sie, dass es so nicht weitergehen konnte. «Ein Schlüsselerlebnis», sagt sie im Rückblick. Nach einem Jahr Wartezeit erhielt sie die Nachricht, dass im nahen Altersheim ein Zimmer frei werde. Kurz vor Weihnachten konnte ihre inzwischen 94-jährige Mutter einziehen.
Sie lebte sich gut ein. Ihre Möbel gaben ihr das Gefühl, in einem heimeligen «Stübli» zu sein, wie sie es aus dem Elternhaus kannte. Die Zimmerzahl konnte sie sich dank einer Eselsbrücke merken. Wenig anfangen konnte sie mit einer alten Freundin, die im gleichen Altersheim lebte und ebenfalls an Demenz litt. Deren Verhalten befremdete sie. Dafür er – zählte sie viel von ihrer abenteuerlichen Hochzeitsreise, die sie nach Südamerika geführt hatte. Vor allem die Pumaspuren, die sie eines Morgens neben ihrem Zelt entdeckt hatte, erwähnte sie gerne. Nach 15 Monaten im Heim starb sie infolge einer Lungenentzündung nur einen Tag vor ihrem 95. Geburtstag.
Ihre Mutter habe einen guten Lebensabend gehabt, sagt Eva Geiser beim Gespräch an ihrem Esstisch. Drei Jahre sind seit dem Tod vergangen. Nun hat die 74-Jährige wieder Kraft und Zeit für eigene Interessen. Für die Malerei etwa, die sie schon oft auf Reisen geführt hat. Die Betreuung habe sie zuweilen überfordert, sagt sie. Zentral sei unter anderem, nicht am guten Willen eines an Demenz erkrankten Menschen zu zweifeln. Zu vielem sei er schlicht nicht mehr fähig. Betroffenen Angehörigen rät sie, sich möglichst früh zu vernetzen und Entlastung zu organisieren. Und: Sie dürften keine Perfektion anstreben. «Irgendwann habe ich mir gesagt, ich mache, was ich kann. Sollte dies nicht reichen, ist es Schicksal.»

Tourismusorte wie Engelberg sind sich gewohnt, für verunglückte oder erkrankte Gäste aus dem Ausland aufkommen zu müssen. In der Regel handelt es sich aber um kleinere Beträge, die meist an die Rega gehen.

Schweizer Gemeinde

Mittellose Touristen  können Gemeinden viel kosten

Ein kranker oder verletzter Tourist kann eine Gemeinde teuer zu stehen kommen. Engelberg (OW) blieb in einem Fall auf fast 350 000 Franken sitzen. Nidwalden begrenzt die Kosten nun auf 50 000 Franken für Gemeinden.

Ein Pensionär aus Übersee bescherte der Gemeinde Engelberg (OW) 2016 eine happige Rechnung. Er erkrankte während seines Urlaubs so schwer, dass er notfallmässig ins Kantonsspital Nidwalden eingeliefert werden musste. Dort wurde er mehrere Wochen auf der Intensivstation gepflegt, ehe er in sein Heimatland zurückgebracht werden konnte. Weil der ausländische Gast finanziell nicht auf Rosen gebettet war, blieben nach Abzug der Leistungen der obligatorischen Reiseversicherung Kosten in der Höhe von 388 900 Franken ungedeckt.

Jahrelang für die Reise gespart

Laut Bundesgesetz ist in einem solchen Fall der Aufenthaltskanton unterstützungspflichtig; manche Stände – darunter Obwalden – reichen die Rechnungen allerdings den Gemeinden weiter. Nachdem der Spitalrat des Kantonsspitals Nidwalden die Kosten um 40 000 Franken reduziert hatte, musste Engelberg letztlich 348 900 Franken übernehmen. «Wir haben alles versucht, um an Geld zu kommen», sagt Gemeindeschreiber Roman Schleiss. Dank der Hilfe der Botschaft gelang es den Behörden, die Familie des Betroffenen zu kontaktieren. Diese konnte indes belegen, dass sie finanziell nicht in der Lage ist, für den Notfalltransport und die medizinischen Leistungen aufzukommen. Sie lebt in bescheidenen Verhältnissen. Die Reise nach Europa mit dem Besuch des Klosterdorfs war ein langjähriger Traum des Erkrankten, für den er entsprechend gespart hatte.

Vor allem Rechnungen der Rega

Dass die Gemeinde einspringen muss, wenn verunfallte oder erkrankte Touristen ihre Rechnungen nicht begleichen, ist für Engelberg an sich nichts Neues. Meist handelt es sich jedoch um kleine Beträge von wenigen Tausend Franken; häufig gehen die Zahlungen an die Rega. «Das gehört zu den Freuden und Leiden eines Tourismusortes», sagt der Gemeindeschreiber. Die Rettungskräfte bemühten sich zwar darum, von den Betroffenen die Personalien zu erhalten, um eine Rechnungsstellung zu ermöglichen. Es entspreche «zum Glück» aber nicht unserer Kultur, dass nur behandelt werde, wer vorgängig belegen könne, dass er zahlungskräftig sei.

Engelberg teilt sein Ski- und Wandergebiet mit Gemeinden in den Kantonen Bern und Nidwalden. Wenige Meter können entscheidend sein, wenn es darum geht, wer für die Soforthilfe an mittellose Ausländer aufkommen muss. «Wir hatten reines Glück, dass der aussergewöhnliche Fall nicht uns getroffen hat», sagt Otmar Odermatt aus dem benachbarten Wolfenschiessen (NW). Schadenssummen in dieser Grössenordnung seien für eine finanzschwache Gemeinde schlicht nicht zu stemmen. Mit einer Motion hat der CVP-Landrat angeregt, dass das Sozialhilfegesetz im Kanton Nidwalden angepasst wird. «Das Risiko muss besser verteilt werden», findet er. Dieser Sicht folgte das Nidwaldner Parlament am 24. Oktober mit 58 zu 0 Stimmen. Die Zuständigkeit für die Nothilfe bleibt zwar bei den Gemeinden, doch der Kanton wird künftig jenen Betrag übernehmen, der 50 000 Franken übersteigt.

Versicherungen lohnen sich nicht

Die Nidwaldner Regierung hatte im Vorfeld auch eine Versicherungslösung geprüft. Da die Prämien allerdings deutlich höher ausgefallen wären als die Ausgaben der Gemeinden in den letzten zehn Jahren, wollte sie diese nicht weiterverfolgen. «Sich gegen solche Fälle zu versichern, ist grundsätzlich möglich», bestätigt Roman Schleiss aus Engelberg. Kosten und Nutzen stünden aber in keinem guten Verhältnis.

Von Kanton zu Kanton anders

Dass die Unterstützungspflicht für mittellose Ausländer schweizweit sehr unterschiedlich geregelt ist, zeigt eine aktuelle Umfrage des Bundesamts für Justiz auf. Wie im Kanton Obwalden sind in Schwyz, in Zug und im Thurgau die Gemeinden alleine unterstützungspflichtig. Umgekehrt wird in Uri, Basel-Stadt, Glarus, Genf, Freiburg und Zürich nur der Kanton zur Kasse gebeten. Daneben kennen viele Stände einen Lastenausgleich zwischen den Gemeinden oder noch häufiger zwischen den Gemeinden und dem Kanton. Im Kanton Aargau sind die Gemeinden beispielsweise für die Fallführung verantwortlich. Der Kanton kommt für den administrativen Aufwand und die materielle Hilfe an betroffene Reisende auf. Es bestünden vielfältige Modelle, um aussergewöhnlich hohe Aufwendungen zu verteilen, stellt das Bundesamt fest. Handlungsbedarf sieht es nicht.

«Der Bund hat nicht die Kompetenz, sich an den Nothilfekosten zu beteiligen», sagt Nationalrat Karl Vogler (CSP, OW), der die Umfrage angeregt hat. «Man müsste dafür die Verfassung ändern, was äusserst aufwendig wäre.» Vogler spricht sich daher dafür aus, dass jene Kantone über die Bücher gehen, die noch keinen Lastenausgleich haben. Alex Höchli, Talammann von Engelberg, hält dies in Obwalden für angezeigt. «Ich sehe nach wie vor eine akute Gefährdung», sagt er. Der Fall, der seine Gemeinde 2016 finanziell über Gebühr belastet habe, habe andernorts bereits Veränderungen angestossen. Nun müsse Obwalden nachziehen. Im Kantonsrat will er demnächst einen entsprechenden Vorstoss einreichen.

Grosseltern

November 2018

Mit Grand-maman im Bundeshaus

Alice Glauser-Zufferey, SVP-Nationalrätin und zwölffache Grossmutter, hat ihrer Enkelin Iléana Glauser kürzlich ihren Arbeitsplatz in Bern gezeigt. Vom Rummel um den Rücktritt eines Bundesrats liess sich die 13-Jährige wenig beeindrucken.

Grosseltern

Mit Grand-maman im Bundeshaus

Alice Glauser-Zufferey, SVP-Nationalrätin und zwölffache Grossmutter, hat ihrer Enkelin Iléana Glauser kürzlich ihren Arbeitsplatz in Bern gezeigt. Vom Rummel um den Rücktritt eines Bundesrats liess sich die 13-Jährige wenig beeindrucken.

An den Marktständen vor dem Bundeshaus werden Kürbisse feilgeboten. Die Sonne lässt den Herbstmorgen milder erscheinen, als er ist. Kurz vor 8 Uhr gehen Alice Glauser-Zufferey und ihre Enkelin Iléana über den Platz. Gemeinsam betreten sie das Parlamentsgebäude, deponieren ihre Jacken in der Garderobe und richten sich in der Wandelhalle ein. Die Waadtländer SVP-Nationalrätin begrüsst Ratskollegen, bedient sich an der Auslage von Tageszeitungen und wirft einen Blick auf das Tagesprogramm. Den Sitzungsbeginn verfolgt sie im Ratssaal. Iléana setzt sich derweil an einen kleinen Marmortisch im Vorraum, packt Bleistift und Notizheft aus und beginnt zu zeichnen. Während das Parlament darüber diskutiert, ob der Milchmarkt gesteuert werden soll, bringt die 13-Jährige feine Striche aufs Papier. Wovon ihr Comic handelt, will sie nicht verraten. Sie entwickle die Geschichte laufend weiter. Alice Glauser-Zufferey befürwortet Milchkontingente und verbindliche Milchpreise. Die Produzenten seien auf bessere Bedingungen angewiesen, sagt sie. Zurzeit hätten viele Mühe, zu überleben. Landwirtschaftliche Themen liegen der Weinbäuerin aus Champvent am Herzen. Sie engagiert sich daneben vor allem in Bildungsfragen. Das duale System sei für die Schweiz ein zentraler Standortfaktor, betont sie. «In Bildung zu investieren, bedeutet, in die Zukunft unseres Landes zu investieren.»

Dass Iléana ihre Grand-maman an diesem Vormittag begleiten kann, hat auch damit zu tun, dass sie von ihren Eltern zu Hause unterrichtet wird. Sie muss sich nicht an fixen Unterrichtszeiten oder Schulferien orientieren. Sie ist bereits am Vortag angereist und hat am Abend auf der Zuschauertribüne verfolgt, wie die grosse Kammer über die Einführung von Lohnanalysen diskutierte. «Es war repetitiv», erzählt sie. Alice Glauser-Zufferey hatte mit ihrem Abstimmungsverhalten Aufmerksamkeit erregt. Entgegen der Parteilinie hatte sie sich grundsätzlich für eine entsprechende Änderung des Gleichstellungsgesetzes ausgesprochen. «Frauen leisten gleich viel wie Männer», sagt sie am Tag danach. «Unternehmen sollen beweisen müssen, dass sie für gleiche Arbeit gleiche Löhne zahlen.»

Der Bereich der Grünen

Nun will sie ihrem zweitältesten Enkelkind das Bundeshaus zeigen. An der reich verzierten Decke der Wandelhalle entdecken die beiden Trauben, wie sie sie zu Hause tonnenweise ernten. Sie diskutieren über die Palmen, die den Raum begrünen. «Bonsais wären schöner», findet Iléana, und Alice Glauser-Zuf- ferey lacht. «Oder wenigstens Pflanzen, die bei uns vorkommen», sagt die 64-Jährige. Auf dem Balkon geniessen sie dann die Aussicht aufs Marzilibad, die Kirchenfeldbrücke und den Gurten. Im warmen Licht der Herbstsonne zeigt sich die Stadt von ihrer schönsten Seite. Zurück in der Wandelhalle erklärt die Politikerin: «Das ist der Bereich der Grünen – der Partei deiner Mutter». Sabine Glauser Krug ist Mitglied des Waadtländer Kantonsrats, der in Lausanne ebenfalls gerade tagt.

Alice Glauser-Zufferey stellt ihrer Enkelin zwei grüne Nationalrätinnen vor, sie wechselt ein paar Worte mit einem Lobbyisten und muss dann zurück in den Rat, um abzustimmen. «Das ist das, was wir machen», sagt sie im Weggehen. «Wir sprechen mit anderen Politikern, haben Sitzungen, debattieren und entscheiden.» Ihre Grossmutter habe bestimmt eine spannende Aufgabe, sagt Iléana. Sie könne etwas bewirken. Zurück im Vorzimmer der SVP wendet sie sich wieder ihrem Zeichenheft zu.

Ein Bildschirm überträgt, wie Ratspräsident Dominique de Bumann das Rücktrittsschreiben von Bundesrat Johann Schneider-Ammann verliest. Als er damit fertig ist, ertönt Applaus. Parlamentarier strömen aus dem Saal, viele telefonieren. Medienschaffende holen Reaktionen ein und beginnen, über mögliche Nachfolger zu spekulieren. Iléana lässt sich davon nicht ablenken. Sie ist ganz in ihren Comic versunken, zeichnet ein Mädchen, das einem Hund direkt in die Augen schaut.
Der Rücktritt des Volkswirtschaftsministers sei allgemein erwartet worden, sagt Alice Glauser-Zufferey. «Es gab einige Anzeichen.» Die Bäuerin war mit seiner Arbeit nicht immer zufrieden. Er habe den Freihandel zu stark forciert, findet sie. Es brauche nun jemanden, der einen Mittelweg finde.
Zeit, den Rundgang fortzusetzen. Mit dem Lift geht es hoch in den dritten Stock zum Konferenzzimmer 301, dem grössten überhaupt. Hier tagt jeweils die SVP-Fraktion, die zurzeit 70 Mitglieder zählt. Der Grossmutter und der Enkelin bleiben allerdings nur wenige Minuten, um sich hinzusetzen und sich vorzustellen, wie hier jeweils diskutiert wird. Dann kündigt der Pager die nächste Abstimmung an. Inzwischen dreht sich die Debatte um Detailfragen der Lohnanalysen.
Iléana nimmt auf einer Bank im Treppenhaus Platz. Irgendwann kommt eine Weibelin mit Schokolade und Pausensnacks vorbei. Doch das Warten dauert an. Als die Nationalrätin endlich zurückkehrt, werfen die beiden noch einen Blick in die Eingangshalle. Sie beobachten unter anderem, wie der Parlamentspräsident Armeniens empfangen und von mehreren Fotografen ins rechte Licht gerückt wird. Auf dem Handy suchen sie danach die nächste Verbindung nach Champvent heraus. Iléana macht sich auf den Heimweg ins kleine Dorf, wo die ganze Familie an derselben Strasse wohnt. «Dass man es untereinander gut hat, ist das Wichtigste», sagt Alice Glauser-Zufferey. Sie ist mit acht Geschwistern aufgewachsen, hat vier Kinder und inzwischen zwölf Enkelkinder. Sie hofft, dass diese dereinst privat und beruflich glücklich werden. Dazu will sie – nicht nur mit ihrer Arbeit in Bern – einen Beitrag leisten.

Vitamin G

November 2018

«Ich habe zwei Leben geführt»

Eva Geiser hat sich sieben Jahre lang um ihre Mutter gekümmert, die an Demenz erkrankt war. Immer mit dem Gefühl, nicht genug zu tun. Geholfen hat ihr der Austausch mit anderen betreuenden Angehörigen.

Vitamin G – Dossier erinnern/vergessen

«Ich habe zwei Leben geführt»

Eva Geiser hat sich sieben Jahre lang um ihre Mutter gekümmert, die an Demenz erkrankt war. Immer mit dem Gefühl, nicht genug zu tun. Geholfen hat ihr der Austausch mit anderen betreuenden Angehörigen.

Es begann mit Terminen, die sich ihre Mutter nicht mehr merken konnte. Einmal schreckte sie aus dem Mittagsschlaf auf, als Handwerker an der Türe klingelten. Ein anderes Mal war ihr ein Notizzettel ein Rätsel, auf dem sie eine Zeit festgehalten hatte. «Dabei hatte sie einmal ein gutes Gedächtnis, sie kannte alle Namen und Telefonnummern», erzählt Eva Geiser. Kurz nach ihrer Pensionierung stellte die Winterthurerin bei ihrer Mutter erste Anzeichen einer Demenz fest. Ihr älterer Bruder, der im Elternhaus sein Atelier gehabt hatte, war eben gestorben. Ihre Mutter trauerte und brauchte im Alltag zunehmend Hilfe. Nach einem Spitalaufenthalt begann Eva Geiser, die damals 88-Jährige zum Einkaufen zu fahren, sie täglich anzurufen und an die Medikamente gegen den Bluthochdruck zu erinnern. Hinzu kamen administrative Aufgaben. Die Tochter erledigte die Rechnungen, füllte die Steuererklärung aus. «Ich führte zwei Leben», sagt sie. «Mein eigenes und das meiner Mutter.» Dabei habe sie stets ein schlechtes Gewissen geplagt. «Ich habe mir vorgeworfen, ich könnte mehr tun.»

Anderen geht es ähnlich

Eva Geiser informierte sich in Zeitungen, im Internet und beim Hausarzt. Sie traf in einer Gruppe andere betreuende Angehörige und tauschte sich mit einer Nachbarin aus, die sich um ihren Vater kümmerte. «Da habe ich gesehen, dass ich mit meiner Situation nicht allein bin.» In der Betreuung ihrer an Demenz erkrankten Mutter war die ehemalige Apothekerin allerdings lange auf sich gestellt. Es waren keine Verwandten da, die sie ab und zu hätten ablösen können. Sie musste sich selbst organisieren. Für die tägliche Körperpflege engagierte sie die Spitex. Daneben konnte sie auf die Unterstützung einer Raumpflegerin und eines Gärtners zählen.

Der Zustand ihrer Mutter verschlechterte sich stetig. Das Gedächtnis liess die Demenzkranke zunehmend im Stich, sie schaffte es nicht mehr, den Alltag zu organisieren. Hatte sie einen guten Moment, realisierte sie, dass sie ohne die Hilfe der Tochter aufgeschmissen wäre. «Alleine hätte ich nicht hierher gefunden», sagte sie einmal nach einer Autofahrt. Und als sie eine Generalvollmacht unterschrieb, meinte sie, «nun bin ich dir ausgeliefert», und lachte.

Dauernd präsent zu sein, belastet

Eva Geiser nahm der einst umtriebigen und geselligen Frau immer mehr ab; sie traf viele Entscheide allein. Das Gefühl, 24 Stunden am Tag für jemanden verantwortlich zu sein, zehrte an ihren Kräften. Als sie schliesslich mit einer schweren Grippe im Bett lag, realisierte sie, dass es so nicht weitergehen konnte. «Ein Schlüsselerlebnis», sagt sie im Rückblick. Nach einem Jahr Wartezeit erhielt sie die Nachricht, dass im nahen Altersheim ein Zimmer frei werde. Kurz vor Weihnachten konnte ihre inzwischen 94-jährige Mutter einziehen.
Sie lebte sich gut ein. Ihre Möbel gaben ihr das Gefühl, in einem heimeligen «Stübli» zu sein, wie sie es aus dem Elternhaus kannte. Die Zimmerzahl konnte sie sich dank einer Eselsbrücke merken. Wenig anfangen konnte sie mit einer alten Freundin, die im gleichen Altersheim lebte und ebenfalls an Demenz litt. Deren Verhalten befremdete sie. Dafür er – zählte sie viel von ihrer abenteuerlichen Hochzeitsreise, die sie nach Südamerika geführt hatte. Vor allem die Pumaspuren, die sie eines Morgens neben ihrem Zelt entdeckt hatte, erwähnte sie gerne. Nach 15 Monaten im Heim starb sie infolge einer Lungenentzündung nur einen Tag vor ihrem 95. Geburtstag.
Ihre Mutter habe einen guten Lebensabend gehabt, sagt Eva Geiser beim Gespräch an ihrem Esstisch. Drei Jahre sind seit dem Tod vergangen. Nun hat die 74-Jährige wieder Kraft und Zeit für eigene Interessen. Für die Malerei etwa, die sie schon oft auf Reisen geführt hat. Die Betreuung habe sie zuweilen überfordert, sagt sie. Zentral sei unter anderem, nicht am guten Willen eines an Demenz erkrankten Menschen zu zweifeln. Zu vielem sei er schlicht nicht mehr fähig. Betroffenen Angehörigen rät sie, sich möglichst früh zu vernetzen und Entlastung zu organisieren. Und: Sie dürften keine Perfektion anstreben. «Irgendwann habe ich mir gesagt, ich mache, was ich kann. Sollte dies nicht reichen, ist es Schicksal.»

Schweizer Gemeinde

November 2018

Mittellose Touristen können Gemeinden viel kosten

Ein kranker oder verletzter Tourist kann eine Gemeinde teuer zu stehen kommen. Engelberg (OW) blieb in einem Fall auf fast 350 000 Franken sitzen. Nidwalden begrenzt die Kosten nun auf 50 000 Franken für Gemeinden.

IGNAZIO CASSIS
(56) ist seit Anfang November 2017 Bundesrat. Er hat die Nachfolge von Didier Burkhalter angetreten. Er leitet das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA). Davor amtete er als Fraktionschef der FDP im Parlament. Cassis ist verheiratet und lebt in Montagnola.

Schweizer Gemeinde

Mittellose Touristen  können Gemeinden viel kosten

Ein kranker oder verletzter Tourist kann eine Gemeinde teuer zu stehen kommen. Engelberg (OW) blieb in einem Fall auf fast 350 000 Franken sitzen. Nidwalden begrenzt die Kosten nun auf 50 000 Franken für Gemeinden.

Ein Pensionär aus Übersee bescherte der Gemeinde Engelberg (OW) 2016 eine happige Rechnung. Er erkrankte während seines Urlaubs so schwer, dass er notfallmässig ins Kantonsspital Nidwalden eingeliefert werden musste. Dort wurde er mehrere Wochen auf der Intensivstation gepflegt, ehe er in sein Heimatland zurückgebracht werden konnte. Weil der ausländische Gast finanziell nicht auf Rosen gebettet war, blieben nach Abzug der Leistungen der obligatorischen Reiseversicherung Kosten in der Höhe von 388 900 Franken ungedeckt.

Jahrelang für die Reise gespart

Laut Bundesgesetz ist in einem solchen Fall der Aufenthaltskanton unterstützungspflichtig; manche Stände – darunter Obwalden – reichen die Rechnungen allerdings den Gemeinden weiter. Nachdem der Spitalrat des Kantonsspitals Nidwalden die Kosten um 40 000 Franken reduziert hatte, musste Engelberg letztlich 348 900 Franken übernehmen. «Wir haben alles versucht, um an Geld zu kommen», sagt Gemeindeschreiber Roman Schleiss. Dank der Hilfe der Botschaft gelang es den Behörden, die Familie des Betroffenen zu kontaktieren. Diese konnte indes belegen, dass sie finanziell nicht in der Lage ist, für den Notfalltransport und die medizinischen Leistungen aufzukommen. Sie lebt in bescheidenen Verhältnissen. Die Reise nach Europa mit dem Besuch des Klosterdorfs war ein langjähriger Traum des Erkrankten, für den er entsprechend gespart hatte.

Vor allem Rechnungen der Rega

Dass die Gemeinde einspringen muss, wenn verunfallte oder erkrankte Touristen ihre Rechnungen nicht begleichen, ist für Engelberg an sich nichts Neues. Meist handelt es sich jedoch um kleine Beträge von wenigen Tausend Franken; häufig gehen die Zahlungen an die Rega. «Das gehört zu den Freuden und Leiden eines Tourismusortes», sagt der Gemeindeschreiber. Die Rettungskräfte bemühten sich zwar darum, von den Betroffenen die Personalien zu erhalten, um eine Rechnungsstellung zu ermöglichen. Es entspreche «zum Glück» aber nicht unserer Kultur, dass nur behandelt werde, wer vorgängig belegen könne, dass er zahlungskräftig sei.

Engelberg teilt sein Ski- und Wandergebiet mit Gemeinden in den Kantonen Bern und Nidwalden. Wenige Meter können entscheidend sein, wenn es darum geht, wer für die Soforthilfe an mittellose Ausländer aufkommen muss. «Wir hatten reines Glück, dass der aussergewöhnliche Fall nicht uns getroffen hat», sagt Otmar Odermatt aus dem benachbarten Wolfenschiessen (NW). Schadenssummen in dieser Grössenordnung seien für eine finanzschwache Gemeinde schlicht nicht zu stemmen. Mit einer Motion hat der CVP-Landrat angeregt, dass das Sozialhilfegesetz im Kanton Nidwalden angepasst wird. «Das Risiko muss besser verteilt werden», findet er. Dieser Sicht folgte das Nidwaldner Parlament am 24. Oktober mit 58 zu 0 Stimmen. Die Zuständigkeit für die Nothilfe bleibt zwar bei den Gemeinden, doch der Kanton wird künftig jenen Betrag übernehmen, der 50 000 Franken übersteigt.

Versicherungen lohnen sich nicht

Die Nidwaldner Regierung hatte im Vorfeld auch eine Versicherungslösung geprüft. Da die Prämien allerdings deutlich höher ausgefallen wären als die Ausgaben der Gemeinden in den letzten zehn Jahren, wollte sie diese nicht weiterverfolgen. «Sich gegen solche Fälle zu versichern, ist grundsätzlich möglich», bestätigt Roman Schleiss aus Engelberg. Kosten und Nutzen stünden aber in keinem guten Verhältnis.

Von Kanton zu Kanton anders

Dass die Unterstützungspflicht für mittellose Ausländer schweizweit sehr unterschiedlich geregelt ist, zeigt eine aktuelle Umfrage des Bundesamts für Justiz auf. Wie im Kanton Obwalden sind in Schwyz, in Zug und im Thurgau die Gemeinden alleine unterstützungspflichtig. Umgekehrt wird in Uri, Basel-Stadt, Glarus, Genf, Freiburg und Zürich nur der Kanton zur Kasse gebeten. Daneben kennen viele Stände einen Lastenausgleich zwischen den Gemeinden oder noch häufiger zwischen den Gemeinden und dem Kanton. Im Kanton Aargau sind die Gemeinden beispielsweise für die Fallführung verantwortlich. Der Kanton kommt für den administrativen Aufwand und die materielle Hilfe an betroffene Reisende auf. Es bestünden vielfältige Modelle, um aussergewöhnlich hohe Aufwendungen zu verteilen, stellt das Bundesamt fest. Handlungsbedarf sieht es nicht.

«Der Bund hat nicht die Kompetenz, sich an den Nothilfekosten zu beteiligen», sagt Nationalrat Karl Vogler (CSP, OW), der die Umfrage angeregt hat. «Man müsste dafür die Verfassung ändern, was äusserst aufwendig wäre.» Vogler spricht sich daher dafür aus, dass jene Kantone über die Bücher gehen, die noch keinen Lastenausgleich haben. Alex Höchli, Talammann von Engelberg, hält dies in Obwalden für angezeigt. «Ich sehe nach wie vor eine akute Gefährdung», sagt er. Der Fall, der seine Gemeinde 2016 finanziell über Gebühr belastet habe, habe andernorts bereits Veränderungen angestossen. Nun müsse Obwalden nachziehen. Im Kantonsrat will er demnächst einen entsprechenden Vorstoss einreichen.

Tourismusorte wie Engelberg sind sich gewohnt, für verunglückte oder erkrankte Gäste aus dem Ausland aufkommen zu müssen. In der Regel handelt es sich aber um kleinere Beträge, die meist an die Rega gehen.

Vitamin G

Mai 2018

«Das Mentale ist entscheidend»

Daniela Eugster kommt in der Welt herum. Die Physiotherapeutin begleitet Spitzensportler in Trainingslager und an Wettkämpfe. Sie fiebert mit ihnen mit und hört ihnen zu, wenn es harzt.

Schweizer Gemeinde

Februar 2018

Wo Pflegefachleute ihre Arbeit selbst organisieren

Buurtzorg, ein Modell aus Holland, versteht Pflege ganzheitlich und setzt auf Teams, die sich selbst organisieren. Es hält die Administration klein und verrechnet einheitliche Stundentarife. Es hat auch in der Schweiz Anhänger.

Grosseltern

Februar 2018

«Sie wussten, was Armut bedeutet»

Bundesrat Ignazio Cassis lebte mit seinen Grosseltern unter einem Dach. Er erinnert sich an sauren Wein, italienische Lieder und einen leckeren Blutkuchen.

DOSSIER | UNTERWEGS

«DAS MENTALE IST ENTSCHEIDEND»

Daniela Eugster kommt in der Welt herum. Die Physiotherapeutin begleitet Spitzensportler in Trainingslager und an Wettkämpfe. Sie fiebert mit ihnen mit und hört ihnen zu, wenn es harzt.

Kopfzerbrechen bereitet Daniela Eugster jeweils nur das Packen. Am meisten Zeit braucht sie für den Koffer mit den Bandagen, Tapes, Kühlbeuteln, Medikamenten, Cremen und den Physioliegen. Hat die Sportphysiotherapeutin alles geplant, gekauft und verstaut, geniesst sie es jedoch, unterwegs zu sein. «Es reisst mich aus dem Alltag heraus.»
Die 31-Jährige verreist beruflich drei bis vier Wochen pro Jahr. Sie betreut unter anderem die Mountainbikerinnen der Schweizer Nationalmannschaft und die National­ liga-A-Unihockeyaner Waldkirch-St. Gallen in Trainingslager und an Wettkämpfen. Sie verbringt viel Zeit mit den Teams und lernt einzelne Mitglieder auch von ihrer privaten Seite kennen. «Die Sportler sind manchmal froh, wenn sie jemandem ihre Sorgen mitteilen können», sagt Eugster. Sie vertrauten ihr teilweise Dinge an, die sie dem Trainer nicht sagten. «Ich komme den Menschen bei meiner Arbeit halt sehr nahe.»

SELBST RÜCKSCHLÄGE ERLEBT

Die Thurgauerin, die 2011 an der ZHAW den Bachelor und zwei Jalire später den Weiterbildungslehrgang Sportphysio­ therapie spt abgeschlossen hat, bringt viel Verständnis mit. Sie hat früher selbst Leistungssport betrieben: Sie war als Geräteturnerin, Mittelstreckenläuferin und Triathletin aktiv. Daher weiss sie zum Beispiel, was es heisst, durch eine Verlet­zung auf dem Weg nach oben gestoppt zu werden. Sie hast selbst erlebt, wie sich in einem solchen Moment der Blick auf die Welt verengen kann. «Da ist das Mentale entscheidend», sagt sie. Gerade jungen Leuten kann sie diesbezüglich etwas mitgeben.
Der intensive Kontakt in den Trainings kommt ihr an den Grossanlässen zugute. Sie kennt die körperlichen Schwach­ stellen der Sportler dann bereits und weiss, was diese von ihr erwarten. «Das beruhigt mich», sagt sie. Immerhin habe sie auch eine gewisse Verantwortung.

IN UNTERSCHIEDLICHEN ROLLEN IM EINSATZ

Letztes Jahr reiste Daniela Eugster mit der Schweizer Mountainbike-Nati an die Weltmeisterschaften nach Australien, wo Jolanda Neff und Nino Schurter Gold holten. In einem Dreier­ Team war sie für 25 Athleten verantwortlich. Sie betreute einzelne Sportler vor und nach den Wettkämpfen physiotherapeutisch, hielt ihnen Eisbeutel bereit und arbeitete an Verpflegungsposten mit. «Ich erledige jeweils vieles, das eigentlich nichts mit meinem Beruf zu tun hat», sagt sie und berichtet von «langen, aber spannenden Tagen». Während eines anderen Rennens begleitete sie eine gestürzte Juniorin ins Spital. Da die Fahrerin minderjährig war, stand sie in engem Kontakt mit den Eltern. Sie vermittelte zwischen Ärzten und Familie und unterschrieb, was zu unterschreiben war. «Da hatte ich wieder eine ganz andere Rolle.»

Wie erfolgreich «ihre» Teams abschneiden, bekommt Daniela Eugster manchmal erst verzögert mit, so stark fokussiert sie auf einzelne Mountainbiker oder Unihockeyaner. «Zu wissen, wie eine Verletzung geschehen ist, kann für meine Arbeit hilfreich sein.» Auch von den Austragungsorten sieht die Physiotherapeutin wenig. Sie bewegt sich vor allem zwischen der Unterkunft und dem Trainings- beziehungsweise Wettkampfareal. Dennoch entdeckt sie viel Neues, lernt von den anwesenden Ärzten und tauscht sich mit Berufskollegen anderer Teams aus. «Das ist eine gute Abwechslung zur Arbeit im 30-Minuten-Takt in der Praxis.» Seit ihrem Studienabschluss ist Daniela Eugster im Zen­trum für Medizin und Sport Medbase beim Säntispark in Abtwil SG tätig. Ihr Arbeitgeber hat ihr die Engagements, die mit Auswärtseinsätzen verbunden sind, vermittelt. Er unterstützt sie, indem er bereit ist, immer wieder auf sie zu verzichten. Sie nimmt in dieser Zeit Ferien, unbezahlten Urlaub oder baut Überstunden ab.

WM IN DER SCHWEIZ

Es sei spannend, sowohl mit Einzel- als auch mit Mannschaftssportlern zu arbeiten, sagt Eugster: «Sie ticken ganz unterschiedlich.» Erstere machen alles für den Tag X. Sie können sich nicht in einem Team verstecken und sind sich gewohnt, ihr Training selbst zu strukturieren. Übungen, die ihnen die Physiotherapeutin aufträgt, machen sie diszipliniert, während Mannschaftssportler eher mal kneifen.

In diesem Jahr freut sich die ZHAW-Absolventin besonders auf die Bike-WM Anfang September in der Lenzerheide. Zu Hause werde ein solcher Wettkampf sicher anders sein als im Ausland, vermutet sie. Sie hat 2016 an der Triathlon-EM in Genf den Medienrummel um Nicola Spirig miterlebt. «Das war schon extrem, wir mussten sie regelrecht abschirmen.»

Durch ihre Arbeit kommt die Physiotherapeutin den Stars näher und sieht, was hinter den Erfolgen steckt. «Sie leisten Extremes, haben aber auch ihre Ängste und Sorgen.»

https://blog.zhaw.ch/vitamin-g/

Pflege, die nach Leistungs- und festen Zeitbudgetprinzipien organisiert ist, als Folge des Schweizer Modells.

BUURTZORG, EIN MODELL AUS HOLLAND

Wo Pflegefachleute ihre Arbeit selbst organisieren

Buurtzorg, ein Modell aus Holland, versteht Pflege ganzheitlich und setzt auf Teams, die sich selbst organisieren. Es hält die Administration klein und verrechnet einheitliche Stundentarife. Es hat auch in der Schweiz Anhänger.

Diese Erfolgsgeschichte beginn mit Un­ zufriedenheit: Der holländische Pfleger Jos de Block ärgerte sich über strikte Ziel- und Zeitvorgaben , viel Bürokratie und eine zunehmende Zersplitterung der Pfl egetätigkeit . Er sah, wie deren Qualität litt, wie sein Beruf entwertet wurde und immer mehr Kolleginnen und Kollegen ausstiegen . 2006 gründete er daher sein eigenes , kleines Spitex-Team, das er «Buurtzorg» (Nachbarschaftshilfe) nannte. Er erinnerte sich an die Gemeindepflegerinnen, die bis in die 80er-Jahre einen grossen Teil der ambulanten Ver­ sorgung geleistet hatten, und gab seinen Mitarbeitenden Autonomie, Entscheidungskompetenz und Verantwortung zurück .

Von A bis Z zuständig

Nach seinem Ansatz organisieren sich vier bis zwölf hoch qualifizierte Pflege­fachleute weitgehend selbst. Sie klären den jeweiligen Pflegebedarf ab, planen ihre Einsätze, stellen neue Teammitglieder ein, bauen lokale Netzwerke auf, tauschen sich mit Ärzten sowie anderen Fachpersonen aus, entwickeln neue Projekte, verwalten ihre Finanzen und kümmern sich um ihre Weiterbildung. Sie betreuen ihre Kundschaft ganzheit­lich: Sie verrichten sowohl einfache pfle­gerische als auch komplexere medizini­sche Tätigkeiten und berücksichtigen daneben persönliche sowie soziale As­pekte . Den Krankenkassen stellen sie nicht die einzelnen Leistungen, sondern den zeitlichen Aufwand in Rechnung. Sie verrechnen einen einheitlichen Stundentarif, der jährlich festgelegt wird.

Mit dem Tablet vernetzt und ohne mittleres Management organisiert Jede Pflegekraft verfügt über ein Tablet und dokumentiert ihre Arbeit auf dem Buurtzorgweb, sodass alle stets auf dem aktuellen Stand sind. Das IT-System dient ebenso dem Austausch mit ande­ren Teams und mit dem Geschäftsführer. Kommt eine Gruppe in einem Punkt nicht weiter, kann sich sie zudem von einem Coach beraten und begleiten las­sen. Bei der Non-Profit-Organisation verdienen die Pflegenden besser als bei herkömmlichen Spitex-Anbietern. Ganz eingespart werden kann die Lohnsumme des mittleren Managements, das im Mo­dell keinen Platz mehr hat.

Forschungsauftrag an Curarete für den Aufbau einer IT-Plattform

Buurtzorg ist erfolgreich. In rund 900 Teams beschäftigt sie aktuell rund 10 000 Mitarbeitende, jährlich betreut sie rund 80000 Kundinnen und Kunden. Sie ist mehrfach als bester Arbeitgeber Hol­lands ausgezeichnet worden. Jos de Block berät inzwischen die Regierung und ist über die Landesgrenzen hinaus bekannt. «Da in kleinenTeams gearbeitet wird, haben die Patienten immer diesel­ben Bezugspersonen; dies führt zu einer hohen Qualität der Pflege, und die Be­schäftigten sind zufriedener», sagt Susi Wiederkehr, Vorstandsmitglied von Cur­arete. Die Non-Profit-Organisation hat de Blocks Grundsätze übernommen. Sie startete 2014 und ist heute in der Region Villmergen AG präsent. Aktuell beschäf­tigt sie sechs Pflegefachfrauen und be­treut sechs Personen. Da sie keinen öffentlichen Auftrag hat, deckt sie die Finanzierungslücke, die durch die tiefen Krankenkassenbeiträge entsteht, mit Spenden. Bei öffentlichen Spitex-Organisationen übernimmt die jeweilige Gemeinde den ungedeckten Betrag. «Wir bemühen uns um Leistungsaufträge», sagt Wiederkehr. Bis jetzt ist allerdings noch keine Zusam­menarbeit zustande gekommen. «Die Bereitschaft, sich für Neues zu öffnen, ist offenbar noch nicht da – wir sind wahr­scheinlich etwas zu früh.» Susi Wiederkehr ist überzeugt, dass das Modell auch in der Schweiz funktioniert. Die Finanzierung des Gesundheitswe­sens sei zwar weniger hoch als in Hol­land, die schlanke Organisationsstruktur bringe jedoch Einsparungen mit sich. Eine wichtige Voraussetzung für die Organisationsstruktur ist die IT-Plattform. Um eine solche zu entwickeln, hat die Kommission für Technologie und Inno­vation (KTI) einen Forschungsauftrag an Curarete vergeben. Die Resultate sollen in etwa einem Jahr vorliegen.

Interesse bei Qualis Vita, aber noch kein Team

Auch die private Spitex-Organisation Qualis Vita liebäugelt mit dem Konzept. «Sich im Pflegeteam selbst zu organisieren und auf den Kern der Pflegetätigkeit zurückzubesinnen, überzeugt mich», sagte Gerda Saxer, Leiterin Pflege, kürzlich an einem Informationsanlass in Bern. Der Markt schreie geradezu nach dem Modell, meinte eine anwesende Spitex-Frau. Sie begegne täglich unzufriedenen Kundinnen und Kunden, die sich nach weniger Personalwechseln und besserer Qualität sehnten. Es gebe viele Argumente für Buurtzorg, bekräftigt Geschäftsführer Rene Stoll. Er warnt jedoch vor übertriebenen Erwartungen: Man werde nicht in einer Wohlfühloase arbeiten, gerade zu Beginn brauche es einen grossen Einsatz. Bis jetzt sind bei der Qualis Vita AG erst wenige Bewerbungen eingegangen. «Für Selbstständige besteht die Hürde im Freiheitsverlust, bei einem solchen Projekt mitzumachen», sagt Stoll. Angestellte von anderen Organisationen fürchteten sich teilweise vor zusätzlichen Aufgaben.

Aktuelle Studie zum Thema

«Von Buurtzorg geht eine unglaubliche Faszination aus», stellt Peter Zängl fest. Der Professor der Fachhochschule Nordwestschweiz hat untersucht, ob sich das Modell auf die hiesigen Verhältnisse übertragen liesse. Als Chancen beschreibt er, dass die Fragmentierung der Pflege aufgelöst wird, dass die Arbeitszufriedenheit steigt und Kosten gespart werden können. Er gibt allerdings zu bedenken, dass kein System für alle Menschen und Situationen geeignet sei. Es gebe immer Gewinner und Verlierer. Zu Letzteren zählt er das nicht so gut qualifizierte Pflegepersonal, das dann weniger gefragt sei. Buurtzorg baue auf Vertrauen auf, sagt der Sozialwissenschaftler weiter, und zwar sowohl unter den Mitarbeitenden als auch zwischen Leistungserbringer und Kostenträger . «Das lässt sich nicht verordnen, es muss sich entwickeln.» Hinzu kommt, dass der Pflegeberuf in Holland wesentlich mehr Ansehen geniesst als in der Schweiz. Das Verhältnis zur Ärzteschaft ist weniger hierarchiebestimmt. Die Leitgedanken von Buurtzorg zu übernehmen, würde einen umfassen­ den Kulturwandel bedeuten. Davor fürchten sich nicht wenige; gerade beim mittleren Kader ist die Skepsis gross. Zängl fände es dennoch reizvoll, das System in der Schweiz umzusetzen – «in einem grösseren Rahmen als die bisherigen Versuche». Dafür bräuchte es allerdings das Wohlwollen von einzelnen Krankenkassen, Kantonen und Spitex-Organisationen. «Man muss es ein­ fach einmal ausprobieren.»

Hoffen auf Pioniergemeinden

Susy Greuter vom Thinktank Denknetz hofft, dass sich einzelne Pioniergemeinden finden werden, die ein Buurtzorg-Experiment mit einem Leistungsauftrag an eine entsprechende Organisation wagen. Sie sieht im Modell zahlreiche Vorteile: «Das grosse Vertrauensverhältnis zwischen Spitex-Mitarbeiterin und betreuter Person weckt Selbstheilungskräfte», sagt sie. Das Ganzheitliche entspreche dem Berufsverständnis der meisten Pflegefachleute und sei immer noch das, was in der Schweiz gelehrt werde. In der Praxis werde hierzulande jedoch vor allem körperbezogen und zerteilt nach Kompetenzstufen gepflegt. Die Pflegenden kämen – abgelenkt von der ständigen Registrierungspflicht – kaum mehr dazu, einfach zu beobachten, wie es jemandem gehe. Für Gespräche oder einen gemeinsamen Kaffee opferten sie häufig ihre Freizeit. So voll des Lobes Susy Greuter für den Ansatz von Jos de Block ist – angesichts der zahlreichen privaten Krankenkassen sowie der heutigen Pflegefinanzierung ist sie skeptisch, dass er sich in der Schweiz realisieren lässt.

Gemeinden könnten einiges bewegen

Die Pflege sei «skandalös unterfinanziert», sagt Ökonomin Mascha Madörin. Um den Ansatz zu finanzieren, müssten die öffentlichen Beiträge ihrer Ansicht nach deutlich erhöht werden. «Wenn sich Gemeinden zusammentun, besser organisieren und etwas Geld in die Hand nehmen würden, könnte man einiges erreichen.» Für Madörin ist Buurtzorg eines der überzeugendsten Modelle. «Aufgrund der Krankenkassentarife muss unsere Spitex ein Abfertigungsprogramm abspulen.» Es sei strikt vorgeschrieben, was getan werden müsse. Pflegende könnten nur noch beschränkt situationsgerecht arbeiten. Ein wesentlicher Aspekt guter Pflege komme dabei abhanden. Das holländische Konzept ist ihrer Ansicht nach wirtschaftlicher als eine Pflege, die nach Leistungs- und festen Zeitbudgetprinzipien organisiert ist. «Sie ist wirtschaftlicher, nicht weil Leistungsmengen abgebaut werden, sondern weil die Logik der Pflege und ihre Arbeitsprozesse adäquat berücksichtigt werden.»

IGNAZIO CASSIS
(56) ist seit Anfang November 2017 Bundesrat. Er hat die Nachfolge von Didier Burkhalter angetreten. Er leitet das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA). Davor amtete er als Fraktionschef der FDP im Parlament. Cassis ist verheiratet und lebt in Montagnola.

«Sie wussten, was Armut bedeutet»

Bundesrat Ignazio Cassis lebte mit seinen Grosseltern unter einem Dach. Er erinnert sich an sauren Wein, italienische Lieder und einen leckeren Blutkuchen.

Mein Grossvater väterlicherseits war ein grosser, muskulöser Mann. Als Pächter eines Bauernbetriebs arbeitete er viel draussen auf dem Feld oder im Weinberg. Dabei sang er italienische Lieder, die mir bis heute im Kopf geblieben sind.
Seinen morgendlichen Kaffee trank er mit einem Gutsch Wein. Das war für ihn normal. Im Tessin hat man den Wein damals eigentlich immer gemischt, häufig mit Gazzosa. Das war die einzige Möglichkeit, nicht krank zu werden. Der «vino nostrano» war nämlich oft sehr sauer, für die Magenschleimhaut kaum erträglich. Wenn ich heute Touristen in den Grotti sehe, die unseren ausgezeichneten Merlot mit Gazzosa mischen, tut mir das im Herzen weh. Grossvaters Reserve ging jeweils schon Ende Frühling zur Neige. Betrunken war er allerdings nie. Seine Frau nannte er Padrona (Hausherrin). Das hat mich fasziniert, durfte sie doch nicht einmal abstimmen.
Wir lebten in Sessa im gleichen Haus. Dadurch hatten wir einen sehr engen Kontakt. Die Grosseltern mütterlicherseits sah ich dagegen nur während der Ferien. Sie lebten in Bergamo, in Norditalien.

DER BLUTKUCHEN SCHMECKTE

In Sessa hatten wir oft Besuch. Bei einer Tasse Tee wurden sonntags Geschichten erzählt, und niemand wusste, wie viel davon der Wahrheit entsprach. Meine Nonna führte im Dorf drei Jahrzehnte lang das Restaurant Unione. Wenn im November jeweils das Schwein geschlachtet wurde, kochte sie einen Blutkuchen. Das war ihre Spezialität, die mir sehr schmeckte. Meine drei Schwestern ekelten sich hingegen davor.
Meine Grosseltern lebten noch in einer total anderen Welt. Sie wussten, was Armut bedeutet. Als Primarschüler hätte ich mit ihnen gerne über historische Ereignisse wie die Weltwirtschaftskrise der 30er-Jahre gesprochen. Sie konnten mir aber nichts darüber erzählen. Sie hatten damals genug Probleme damit gehabt, ausreichend Brot zum Essen und Holz zum Heizen zu bekommen. Meine Grossmutter kritisierte mich später einmal, als ich als Jugendlicher einige Schallplatten kaufte. «Du könntest krank werden und das Geld brauchen», sagte sie und lehrte mich Eigenverantwortung. Das ist mir geblieben wie auch das Bodenständige und das Pragmatische. Mein Grossvater starb, als ich acht Jahre alt war. Meine Grossmutter war viele Jahre verwitwet. Sie wohnte zu Hause, bis sie 90 Jahre alt war. Dann lebte sie noch zwei Jahre im Pflegeheim von Castelrotto, wo ich sie oft besuchte.

Vitamin G

Mai 2018

«Das Mentale ist entscheidend»

Daniela Eugster kommt in der Welt herum. Die Physiotherapeutin begleitet Spitzensportler in Trainingslager und an Wettkämpfe. Sie fiebert mit ihnen mit und hört ihnen zu, wenn es harzt.

DOSSIER | UNTERWEGS

«DAS MENTALE IST ENTSCHEIDEND»

Daniela Eugster kommt in der Welt herum. Die Physiotherapeutin begleitet Spitzensportler in Trainingslager und an Wettkämpfe. Sie fiebert mit ihnen mit und hört ihnen zu, wenn es harzt.

Kopfzerbrechen bereitet Daniela Eugster jeweils nur das Packen. Am meisten Zeit braucht sie für den Koffer mit den Bandagen, Tapes, Kühlbeuteln, Medikamenten, Cremen und den Physioliegen. Hat die Sportphysiotherapeutin alles geplant, gekauft und verstaut, geniesst sie es jedoch, unterwegs zu sein. «Es reisst mich aus dem Alltag heraus.»
Die 31-Jährige verreist beruflich drei bis vier Wochen pro Jahr. Sie betreut unter anderem die Mountainbikerinnen der Schweizer Nationalmannschaft und die National­ liga-A-Unihockeyaner Waldkirch-St. Gallen in Trainingslager und an Wettkämpfen. Sie verbringt viel Zeit mit den Teams und lernt einzelne Mitglieder auch von ihrer privaten Seite kennen. «Die Sportler sind manchmal froh, wenn sie jemandem ihre Sorgen mitteilen können», sagt Eugster. Sie vertrauten ihr teilweise Dinge an, die sie dem Trainer nicht sagten. «Ich komme den Menschen bei meiner Arbeit halt sehr nahe.»

SELBST RÜCKSCHLÄGE ERLEBT

Die Thurgauerin, die 2011 an der ZHAW den Bachelor und zwei Jalire später den Weiterbildungslehrgang Sportphysio­ therapie spt abgeschlossen hat, bringt viel Verständnis mit. Sie hat früher selbst Leistungssport betrieben: Sie war als Geräteturnerin, Mittelstreckenläuferin und Triathletin aktiv. Daher weiss sie zum Beispiel, was es heisst, durch eine Verlet­zung auf dem Weg nach oben gestoppt zu werden. Sie hast selbst erlebt, wie sich in einem solchen Moment der Blick auf die Welt verengen kann. «Da ist das Mentale entscheidend», sagt sie. Gerade jungen Leuten kann sie diesbezüglich etwas mitgeben.
Der intensive Kontakt in den Trainings kommt ihr an den Grossanlässen zugute. Sie kennt die körperlichen Schwach­ stellen der Sportler dann bereits und weiss, was diese von ihr erwarten. «Das beruhigt mich», sagt sie. Immerhin habe sie auch eine gewisse Verantwortung.

IN UNTERSCHIEDLICHEN ROLLEN IM EINSATZ

Letztes Jahr reiste Daniela Eugster mit der Schweizer Mountainbike-Nati an die Weltmeisterschaften nach Australien, wo Jolanda Neff und Nino Schurter Gold holten. In einem Dreier­ Team war sie für 25 Athleten verantwortlich. Sie betreute einzelne Sportler vor und nach den Wettkämpfen physiotherapeutisch, hielt ihnen Eisbeutel bereit und arbeitete an Verpflegungsposten mit. «Ich erledige jeweils vieles, das eigentlich nichts mit meinem Beruf zu tun hat», sagt sie und berichtet von «langen, aber spannenden Tagen». Während eines anderen Rennens begleitete sie eine gestürzte Juniorin ins Spital. Da die Fahrerin minderjährig war, stand sie in engem Kontakt mit den Eltern. Sie vermittelte zwischen Ärzten und Familie und unterschrieb, was zu unterschreiben war. «Da hatte ich wieder eine ganz andere Rolle.»

Wie erfolgreich «ihre» Teams abschneiden, bekommt Daniela Eugster manchmal erst verzögert mit, so stark fokussiert sie auf einzelne Mountainbiker oder Unihockeyaner. «Zu wissen, wie eine Verletzung geschehen ist, kann für meine Arbeit hilfreich sein.» Auch von den Austragungsorten sieht die Physiotherapeutin wenig. Sie bewegt sich vor allem zwischen der Unterkunft und dem Trainings- beziehungsweise Wettkampfareal. Dennoch entdeckt sie viel Neues, lernt von den anwesenden Ärzten und tauscht sich mit Berufskollegen anderer Teams aus. «Das ist eine gute Abwechslung zur Arbeit im 30-Minuten-Takt in der Praxis.» Seit ihrem Studienabschluss ist Daniela Eugster im Zen­trum für Medizin und Sport Medbase beim Säntispark in Abtwil SG tätig. Ihr Arbeitgeber hat ihr die Engagements, die mit Auswärtseinsätzen verbunden sind, vermittelt. Er unterstützt sie, indem er bereit ist, immer wieder auf sie zu verzichten. Sie nimmt in dieser Zeit Ferien, unbezahlten Urlaub oder baut Überstunden ab.

WM IN DER SCHWEIZ

Es sei spannend, sowohl mit Einzel- als auch mit Mannschaftssportlern zu arbeiten, sagt Eugster: «Sie ticken ganz unterschiedlich.» Erstere machen alles für den Tag X. Sie können sich nicht in einem Team verstecken und sind sich gewohnt, ihr Training selbst zu strukturieren. Übungen, die ihnen die Physiotherapeutin aufträgt, machen sie diszipliniert, während Mannschaftssportler eher mal kneifen.

In diesem Jahr freut sich die ZHAW-Absolventin besonders auf die Bike-WM Anfang September in der Lenzerheide. Zu Hause werde ein solcher Wettkampf sicher anders sein als im Ausland, vermutet sie. Sie hat 2016 an der Triathlon-EM in Genf den Medienrummel um Nicola Spirig miterlebt. «Das war schon extrem, wir mussten sie regelrecht abschirmen.»

Durch ihre Arbeit kommt die Physiotherapeutin den Stars näher und sieht, was hinter den Erfolgen steckt. «Sie leisten Extremes, haben aber auch ihre Ängste und Sorgen.»

https://blog.zhaw.ch/vitamin-g/

Schweizer Gemeinde

Februar 2018

Wo Pflegefachleute ihre Arbeit selbst organisieren

Buurtzorg, ein Modell aus Holland, versteht Pflege ganzheitlich und setzt auf Teams, die sich selbst organisieren. Es hält die Administration klein und verrechnet einheitliche Stundentarife. Es hat auch in der Schweiz Anhänger.

Pflege, die nach Leistungs- und festen Zeitbudgetprinzipien organisiert ist, als Folge des Schweizer Modells.

BUURTZORG, EIN MODELL AUS HOLLAND

Wo Pflegefachleute ihre Arbeit selbst organisieren

Buurtzorg, ein Modell aus Holland, versteht Pflege ganzheitlich und setzt auf Teams, die sich selbst organisieren. Es hält die Administration klein und verrechnet einheitliche Stundentarife. Es hat auch in der Schweiz Anhänger.

Diese Erfolgsgeschichte beginn mit Un­ zufriedenheit: Der holländische Pfleger Jos de Block ärgerte sich über strikte Ziel- und Zeitvorgaben , viel Bürokratie und eine zunehmende Zersplitterung der Pfl egetätigkeit . Er sah, wie deren Qualität litt, wie sein Beruf entwertet wurde und immer mehr Kolleginnen und Kollegen ausstiegen . 2006 gründete er daher sein eigenes , kleines Spitex-Team, das er «Buurtzorg» (Nachbarschaftshilfe) nannte. Er erinnerte sich an die Gemeindepflegerinnen, die bis in die 80er-Jahre einen grossen Teil der ambulanten Ver­ sorgung geleistet hatten, und gab seinen Mitarbeitenden Autonomie, Entscheidungskompetenz und Verantwortung zurück .

Von A bis Z zuständig

Nach seinem Ansatz organisieren sich vier bis zwölf hoch qualifizierte Pflege­fachleute weitgehend selbst. Sie klären den jeweiligen Pflegebedarf ab, planen ihre Einsätze, stellen neue Teammitglieder ein, bauen lokale Netzwerke auf, tauschen sich mit Ärzten sowie anderen Fachpersonen aus, entwickeln neue Projekte, verwalten ihre Finanzen und kümmern sich um ihre Weiterbildung. Sie betreuen ihre Kundschaft ganzheit­lich: Sie verrichten sowohl einfache pfle­gerische als auch komplexere medizini­sche Tätigkeiten und berücksichtigen daneben persönliche sowie soziale As­pekte . Den Krankenkassen stellen sie nicht die einzelnen Leistungen, sondern den zeitlichen Aufwand in Rechnung. Sie verrechnen einen einheitlichen Stundentarif, der jährlich festgelegt wird.

Mit dem Tablet vernetzt und ohne mittleres Management organisiert Jede Pflegekraft verfügt über ein Tablet und dokumentiert ihre Arbeit auf dem Buurtzorgweb, sodass alle stets auf dem aktuellen Stand sind. Das IT-System dient ebenso dem Austausch mit ande­ren Teams und mit dem Geschäftsführer. Kommt eine Gruppe in einem Punkt nicht weiter, kann sich sie zudem von einem Coach beraten und begleiten las­sen. Bei der Non-Profit-Organisation verdienen die Pflegenden besser als bei herkömmlichen Spitex-Anbietern. Ganz eingespart werden kann die Lohnsumme des mittleren Managements, das im Mo­dell keinen Platz mehr hat.

Forschungsauftrag an Curarete für den Aufbau einer IT-Plattform

Buurtzorg ist erfolgreich. In rund 900 Teams beschäftigt sie aktuell rund 10 000 Mitarbeitende, jährlich betreut sie rund 80000 Kundinnen und Kunden. Sie ist mehrfach als bester Arbeitgeber Hol­lands ausgezeichnet worden. Jos de Block berät inzwischen die Regierung und ist über die Landesgrenzen hinaus bekannt. «Da in kleinenTeams gearbeitet wird, haben die Patienten immer diesel­ben Bezugspersonen; dies führt zu einer hohen Qualität der Pflege, und die Be­schäftigten sind zufriedener», sagt Susi Wiederkehr, Vorstandsmitglied von Cur­arete. Die Non-Profit-Organisation hat de Blocks Grundsätze übernommen. Sie startete 2014 und ist heute in der Region Villmergen AG präsent. Aktuell beschäf­tigt sie sechs Pflegefachfrauen und be­treut sechs Personen. Da sie keinen öffentlichen Auftrag hat, deckt sie die Finanzierungslücke, die durch die tiefen Krankenkassenbeiträge entsteht, mit Spenden. Bei öffentlichen Spitex-Organisationen übernimmt die jeweilige Gemeinde den ungedeckten Betrag. «Wir bemühen uns um Leistungsaufträge», sagt Wiederkehr. Bis jetzt ist allerdings noch keine Zusam­menarbeit zustande gekommen. «Die Bereitschaft, sich für Neues zu öffnen, ist offenbar noch nicht da – wir sind wahr­scheinlich etwas zu früh.» Susi Wiederkehr ist überzeugt, dass das Modell auch in der Schweiz funktioniert. Die Finanzierung des Gesundheitswe­sens sei zwar weniger hoch als in Hol­land, die schlanke Organisationsstruktur bringe jedoch Einsparungen mit sich. Eine wichtige Voraussetzung für die Organisationsstruktur ist die IT-Plattform. Um eine solche zu entwickeln, hat die Kommission für Technologie und Inno­vation (KTI) einen Forschungsauftrag an Curarete vergeben. Die Resultate sollen in etwa einem Jahr vorliegen.

Interesse bei Qualis Vita, aber noch kein Team

Auch die private Spitex-Organisation Qualis Vita liebäugelt mit dem Konzept. «Sich im Pflegeteam selbst zu organisieren und auf den Kern der Pflegetätigkeit zurückzubesinnen, überzeugt mich», sagte Gerda Saxer, Leiterin Pflege, kürzlich an einem Informationsanlass in Bern. Der Markt schreie geradezu nach dem Modell, meinte eine anwesende Spitex-Frau. Sie begegne täglich unzufriedenen Kundinnen und Kunden, die sich nach weniger Personalwechseln und besserer Qualität sehnten. Es gebe viele Argumente für Buurtzorg, bekräftigt Geschäftsführer Rene Stoll. Er warnt jedoch vor übertriebenen Erwartungen: Man werde nicht in einer Wohlfühloase arbeiten, gerade zu Beginn brauche es einen grossen Einsatz. Bis jetzt sind bei der Qualis Vita AG erst wenige Bewerbungen eingegangen. «Für Selbstständige besteht die Hürde im Freiheitsverlust, bei einem solchen Projekt mitzumachen», sagt Stoll. Angestellte von anderen Organisationen fürchteten sich teilweise vor zusätzlichen Aufgaben.

Aktuelle Studie zum Thema

«Von Buurtzorg geht eine unglaubliche Faszination aus», stellt Peter Zängl fest. Der Professor der Fachhochschule Nordwestschweiz hat untersucht, ob sich das Modell auf die hiesigen Verhältnisse übertragen liesse. Als Chancen beschreibt er, dass die Fragmentierung der Pflege aufgelöst wird, dass die Arbeitszufriedenheit steigt und Kosten gespart werden können. Er gibt allerdings zu bedenken, dass kein System für alle Menschen und Situationen geeignet sei. Es gebe immer Gewinner und Verlierer. Zu Letzteren zählt er das nicht so gut qualifizierte Pflegepersonal, das dann weniger gefragt sei. Buurtzorg baue auf Vertrauen auf, sagt der Sozialwissenschaftler weiter, und zwar sowohl unter den Mitarbeitenden als auch zwischen Leistungserbringer und Kostenträger . «Das lässt sich nicht verordnen, es muss sich entwickeln.» Hinzu kommt, dass der Pflegeberuf in Holland wesentlich mehr Ansehen geniesst als in der Schweiz. Das Verhältnis zur Ärzteschaft ist weniger hierarchiebestimmt. Die Leitgedanken von Buurtzorg zu übernehmen, würde einen umfassen­ den Kulturwandel bedeuten. Davor fürchten sich nicht wenige; gerade beim mittleren Kader ist die Skepsis gross. Zängl fände es dennoch reizvoll, das System in der Schweiz umzusetzen – «in einem grösseren Rahmen als die bisherigen Versuche». Dafür bräuchte es allerdings das Wohlwollen von einzelnen Krankenkassen, Kantonen und Spitex-Organisationen. «Man muss es ein­ fach einmal ausprobieren.»

Hoffen auf Pioniergemeinden

Susy Greuter vom Thinktank Denknetz hofft, dass sich einzelne Pioniergemeinden finden werden, die ein Buurtzorg-Experiment mit einem Leistungsauftrag an eine entsprechende Organisation wagen. Sie sieht im Modell zahlreiche Vorteile: «Das grosse Vertrauensverhältnis zwischen Spitex-Mitarbeiterin und betreuter Person weckt Selbstheilungskräfte», sagt sie. Das Ganzheitliche entspreche dem Berufsverständnis der meisten Pflegefachleute und sei immer noch das, was in der Schweiz gelehrt werde. In der Praxis werde hierzulande jedoch vor allem körperbezogen und zerteilt nach Kompetenzstufen gepflegt. Die Pflegenden kämen – abgelenkt von der ständigen Registrierungspflicht – kaum mehr dazu, einfach zu beobachten, wie es jemandem gehe. Für Gespräche oder einen gemeinsamen Kaffee opferten sie häufig ihre Freizeit. So voll des Lobes Susy Greuter für den Ansatz von Jos de Block ist – angesichts der zahlreichen privaten Krankenkassen sowie der heutigen Pflegefinanzierung ist sie skeptisch, dass er sich in der Schweiz realisieren lässt.

Gemeinden könnten einiges bewegen

Die Pflege sei «skandalös unterfinanziert», sagt Ökonomin Mascha Madörin. Um den Ansatz zu finanzieren, müssten die öffentlichen Beiträge ihrer Ansicht nach deutlich erhöht werden. «Wenn sich Gemeinden zusammentun, besser organisieren und etwas Geld in die Hand nehmen würden, könnte man einiges erreichen.» Für Madörin ist Buurtzorg eines der überzeugendsten Modelle. «Aufgrund der Krankenkassentarife muss unsere Spitex ein Abfertigungsprogramm abspulen.» Es sei strikt vorgeschrieben, was getan werden müsse. Pflegende könnten nur noch beschränkt situationsgerecht arbeiten. Ein wesentlicher Aspekt guter Pflege komme dabei abhanden. Das holländische Konzept ist ihrer Ansicht nach wirtschaftlicher als eine Pflege, die nach Leistungs- und festen Zeitbudgetprinzipien organisiert ist. «Sie ist wirtschaftlicher, nicht weil Leistungsmengen abgebaut werden, sondern weil die Logik der Pflege und ihre Arbeitsprozesse adäquat berücksichtigt werden.»

Grosseltern

Februar 2018

«Sie wussten, was Armut bedeutet»

Bundesrat Ignazio Cassis lebte mit seinen Grosseltern unter einem Dach. Er erinnert sich an sauren Wein, italienische Lieder und einen leckeren Blutkuchen.

IGNAZIO CASSIS
(56) ist seit Anfang November 2017 Bundesrat. Er hat die Nachfolge von Didier Burkhalter angetreten. Er leitet das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA). Davor amtete er als Fraktionschef der FDP im Parlament. Cassis ist verheiratet und lebt in Montagnola.

«Sie wussten, was Armut bedeutet»

Bundesrat Ignazio Cassis lebte mit seinen Grosseltern unter einem Dach. Er erinnert sich an sauren Wein, italienische Lieder und einen leckeren Blutkuchen.

Mein Grossvater väterlicherseits war ein grosser, muskulöser Mann. Als Pächter eines Bauernbetriebs arbeitete er viel draussen auf dem Feld oder im Weinberg. Dabei sang er italienische Lieder, die mir bis heute im Kopf geblieben sind.
Seinen morgendlichen Kaffee trank er mit einem Gutsch Wein. Das war für ihn normal. Im Tessin hat man den Wein damals eigentlich immer gemischt, häufig mit Gazzosa. Das war die einzige Möglichkeit, nicht krank zu werden. Der «vino nostrano» war nämlich oft sehr sauer, für die Magenschleimhaut kaum erträglich. Wenn ich heute Touristen in den Grotti sehe, die unseren ausgezeichneten Merlot mit Gazzosa mischen, tut mir das im Herzen weh. Grossvaters Reserve ging jeweils schon Ende Frühling zur Neige. Betrunken war er allerdings nie. Seine Frau nannte er Padrona (Hausherrin). Das hat mich fasziniert, durfte sie doch nicht einmal abstimmen.
Wir lebten in Sessa im gleichen Haus. Dadurch hatten wir einen sehr engen Kontakt. Die Grosseltern mütterlicherseits sah ich dagegen nur während der Ferien. Sie lebten in Bergamo, in Norditalien.

DER BLUTKUCHEN SCHMECKTE

In Sessa hatten wir oft Besuch. Bei einer Tasse Tee wurden sonntags Geschichten erzählt, und niemand wusste, wie viel davon der Wahrheit entsprach. Meine Nonna führte im Dorf drei Jahrzehnte lang das Restaurant Unione. Wenn im November jeweils das Schwein geschlachtet wurde, kochte sie einen Blutkuchen. Das war ihre Spezialität, die mir sehr schmeckte. Meine drei Schwestern ekelten sich hingegen davor.
Meine Grosseltern lebten noch in einer total anderen Welt. Sie wussten, was Armut bedeutet. Als Primarschüler hätte ich mit ihnen gerne über historische Ereignisse wie die Weltwirtschaftskrise der 30er-Jahre gesprochen. Sie konnten mir aber nichts darüber erzählen. Sie hatten damals genug Probleme damit gehabt, ausreichend Brot zum Essen und Holz zum Heizen zu bekommen. Meine Grossmutter kritisierte mich später einmal, als ich als Jugendlicher einige Schallplatten kaufte. «Du könntest krank werden und das Geld brauchen», sagte sie und lehrte mich Eigenverantwortung. Das ist mir geblieben wie auch das Bodenständige und das Pragmatische. Mein Grossvater starb, als ich acht Jahre alt war. Meine Grossmutter war viele Jahre verwitwet. Sie wohnte zu Hause, bis sie 90 Jahre alt war. Dann lebte sie noch zwei Jahre im Pflegeheim von Castelrotto, wo ich sie oft besuchte.

Grosseltern

November 2017

Was Geschichten auslösen

Starke Mädchen erleben in ihren Büchern spannende Abenteuer: Bestseller-Autorin Federica de Cesco hat damit in jungen Jahren Neuland betreten – und Kritiker erzürnt. Heute fehlen den Buben Vorbilder…

Vitamin

November 2017

Gesundheitsberufe im Wandel

Sie wecken hohe Erwartungen und lösen Skepsis aus: Roboter gewinnen im Gesundheitswesen an Bedeutung. Bewusst und gezielt eingesetzt, helfen sie Patienten und entlasten das Personal…

Impact

September 2017

Selbstständig oder angestellt?

Uber, Airbnb und Co., die via Internet Aufträge vermitteln, schaffen neuartige Arbeitsverhältnisse, die nicht umstritten sind…

FEDERICA DE CESCO (79) schaffte den Durchbruch als Autorin bereits mit 16 Jahren. Eine Berufsberaterin ermunterte sie damals, das Manuskript «Der rote Seidenschal» einem Verlag zu schicken. Inzwischen zählt sie zu den meistgelesenen Jugendbuchautoren im deutschen Sprachraum. Sie hat über 80 Bücher veröffentlicht. Davon richten sich einige auch an Erwachsene, so etwa ihr aktuellstes Werk «Die neunte Sonne» (2015) und der Spionageroman «Der englische Liebhaber», der 2018 erscheinen wird. De Cesco schreibt täglich vier bis fünf Stunden und braucht dazu Kaffee, schwarze

Federica de Cesco, ist Ihnen immer wohl bei dem, was Ihre Geschichten bei Kindern und Jugendlichen auslösen?
De Cesco: Was sie häufig auslösen, ist eine Lust am Schreiben. In Einzelfällen hat diese tatsächlich zu einem Buch geführt. Meistens endet sie aber mit einem Manuskript, das leider nicht sehr persönlich ist, weil es etwa den «roten Seidenschal» oder Harry Potter zu imitieren versucht. Im besten Fall regen meine Bücher die Fantasie an, im schlimmsten Fall träumen die Kinder in der Schule vor sich hin. Das habe ich auch getan.

Ihre Bücher wecken aber auch Abenteuerlust.
Das stimmt. Einige Kinder schreiben mir, «ich will zu den Tuareg gehen». Dann antworte ich ihnen, «dafür ist es 40 Jahre zu spät». Die Tuareg machen jetzt leider mit irgendwelchen Dschihadisten gemeinsame Sache. Sie haben es nie geschafft, einen eigenen Staat zu gründen. Schade! Nichts dagegen habe ich, wenn Kinder zu den Indianern reisen möchten.

Haben Sie eine Verantwortung als Autorin?
Ich habe eine Verantwortung, die ich stark spüre. Deswegen kommen in meinen Büchern keine Leichen vor, die blutüberströmt und womöglich zerstü- ckelt in einem Wald liegen. Das mag ich nicht. Gewisse Kritiker werfen mir vor, dass ich eine heile Welt vorgaukle. Wann war die Welt denn heil? Im Ersten Weltkrieg? Im Zweiten Weltkrieg? Im Mittelalter? Bei den Römern? Wir können froh sein, dass Kinder heute in einer relativ guten Zeitepoche leben und nicht mit den brutalen Realitäten des Lebens konfrontiert werden. Fragt sich, wie lange das noch so bleibt. Sie erzählen aber durchaus von Kriegen, Ungerechtigkeiten… Genau. Es ist nicht alles rosarot. Aber ich bin immer bestrebt, dass am Schluss Hoffnung besteht – dass die jungen Protagonisten nicht in ein dunkles Loch fallen.

Haben Sie eine pädagogische Absicht?
Auf alle Fälle. Ehre ist mir wichtig. Ich zitiere gerne Miyamoto Musashi, den berühmtesten aller Schwertkämpfer. Er sagte: «Tue nie etwas, worüber du dich vor dir selbst schämen müsstest». Das schraubt die Ansprüche sehr hoch. Am Ende seines Lebens hat er zudem postuliert: «Du musst siegen, ohne zu kämpfen». Das heisst, mit dem Kopf siegen. Einen brutalen Gegner muss man neutralisieren, ohne ihn in Stücke zu hacken. Er soll zur Einsicht gelangen, «ich bin noch nicht auf diesem Niveau und sollte mich anstrengen, um ein vollwertiger Mensch zu werden».

Es geht Ihnen darum, gewisse Werte zu vermitteln.
Absolut. Was die Mädchen betrifft, lautet meine Botschaft: Seid bitte nicht bescheiden! Bescheidene und gehorsame Mädchen werden ausgenutzt. Seid grossmütig, aber verlangt etwas und lasst euch nicht in eine Schablone pressen.

Sie haben drei Enkelkinder, das älteste ist 28, das jüngste 15 Jahre alt. Zählen sie zu Ihren Lesern?
Nein. Sie haben meine Bücher wenig gelesen. Ich nehme an, aus irgendwelchen Hemmungen heraus. Aber sie hören fasziniert zu, wenn mein Mann, etwas zurückhaltender, und ich, etwas überschäumender, von den Tuareg oder von Japan erzählen. Dann wollen sie immer mehr wissen.

Ihre Enkel teilen demnach Ihre Faszination für fremde Kulturen. Mein jüngster Enkel interessiert sich für Katana, das japanische Schwert. Er lässt sich gerne schildern, wie dieses geschmiedet wird. Bei uns arbeiten Schmiede in der Regel in einer dunklen Werkstatt, in der allerlei herumliegt. In Japan muss der Schmied erst einmal ein Bad nehmen, er muss saubere, weisse Kleider anziehen und strenge Sauberkeitsriten einhalten. Die Schwertschmiede ist ein Ort der totalen Reinlichkeit. Das Schwert dient dem Schutz vor sich selbst. Es dient dazu, die bösen Gedanken zu erschneiden.

Wie ist der Kontakt zu Ihren Enkeln? Mein Mann und ich haben das Problem, dass wir Grosseltern sind, die nicht ganz in das Schema passen. Unsere Enkelkinder wissen nicht so recht, wie sie mit uns umgehen sollen (lacht). Früher waren wir kaum da. Wir waren viel auf Reisen, nun sind wir etwas ruhiger geworden.

Sie hatten selbst eine Grossmutter, die Ihnen häufig vorgelesen hat. Ja, sie war noch eine Grossmutter alter Schule. Sie war aus Münster und hat mir Grimms Märchen vorgelesen. Irgendwann hatte sie genug. Sie knallte mir das Buch vor die Nase und sagte, «da, lies jetzt selbst». Da stand ich wie der Ochse vor dem Berg. Weil ich jedoch weiterlesen wollte, habe ich es mir beigebracht. Das Buch war in gotischer Schrift geschrieben. Für Mädchen gab es damals nicht viel. Alles Spannende war für Buben. Ich las Winnetou, der mir irgendwann auf die Nerven ging. Es gefiel mir nicht, dass er Christ werden und sterben musste. Mark Twain und Charles Dickens habe ich mit Leidenschaft gelesen.

Mit Ihrem Erstling «Der rote Seidenschal» und vielen weiteren Büchern haben Sie starke Vorbilder für Mädchen geschaffen. Welche Reaktionen erhielten Sie darauf? In Belgien, wo ich damals lebte, krähte kein Hahn danach. Die Bücher waren erfolgreich, weil es Abenteuerbücher waren. Mein damaliger Verlag publizierte eine Reihe, die sich bewusst an Mädchen richtete. Dafür habe ich elf Romane geschrieben. Die Schweizer Zensoren liefen später jedoch Sturm. «Das ist doch verwerflich», meinten sie. «Da kommt Körperkontakt vor». Die Protagonisten halten einmal Händchen. «Das Mädchen zieht Hosen an und lebt mit einem jungen Mann in der Wüste – wie bitte?» Sie kritisierten dies als schlechtes Vorbild für die Schweizer Mädchen – und diese haben sich natürlich darauf gestürzt.

Die Kritik war beste Werbung. Das war’s (lacht). Meine erste Lesung fand in der Innerschweiz statt. Ich kam direkt aus Belgien und trug Hosen mit Schottenmuster. Die Lehrerin und die Klasse machten grosse Augen, da die Mädchen alle mit Jupe und Wollstrümpfen in den Bänken sassen. Ich fragte sie, «friert ihr denn nicht am Po?» Peinliches Schweigen.

Sie haben in all den Jahren viel für die Mädchen getan. Sie hätten auch in die Politik gehen können. Das stimmt. Das habe ich mir zu spät überlegt. Ich habe vor 10, 15 Jahren gedacht, ich sollte mal auf den Tisch hauen. Ich hätte einiges zu sagen. Ich finde etwa, dass die Hälfte des Bundesrates weiblich sein muss.

Heisst das, man müsste nun mehr für die Buben tun?
Ja. Buben und Mädchen gehören zusammen. Sie müssen zusammen agieren. In der zukünftigen Welt sollen Männer und Frauen in Eintracht leben. Ich finde es sehr gut, wenn Männer Windeln wechseln. Das finde ich total männlich.

Und die aktuelle Jugendliteratur?
Was ich nicht mag, sind Krimis und Fantasy-Romane. Es wimmelt von Harry-Potter-Imitationen. Es gibt genug Abenteuer, die in der realen Welt bestanden werden können. Man sollte Kindern wieder mehr historische Geschichten erzählen, die Bezug zur heutigen Wirklichkeit nehmen.

Sie lesen immer noch in Schulen vor. Wie sind Kinder und Jugendliche als Publikum?
Sie sind sehr aufmerksame, wissbegierige Beobachter. Ein Bub fragte mich einmal, wie das Klima in der Sahara sei. Ich antwortete ihm, dass es tagsüber heiss sei und die Temperatur nachts zuweilen unter null Grad sinke. Da hob er wieder die Hand und fragte: «Wieso haben Sie ein Buch geschrieben, das «Sterne über heissem Sand» heisst?» (lachte) Da habe ich mich aus der Affäre gezogen, indem ich ihm sagte, dass der Titel vom Verlag stamme. Und das stimmt sogar.

Sie schreiben für Erwachsene und für Kinder. Was sind die Unterschiede?
Kinderbücher zu schreiben, ist schwieriger. Kinder sind äusserst wissbegierig, haben aber einen beschränkten Wortschatz. Da muss ich mir häufig den Kopf zerbrechen. Ich versuche, nicht zu viele Landschaftsbeschreibungen zu machen, was mir manchmal schwerfällt. Die Liebesszenen sind eher verhalten. Kürzlich brachte der Arena Verlag mein Buch «Kel Rela. Im Herzen der Sahara», das ich vor 20 Jahren geschrieben hatte, neu heraus. Er bat mich, die Liebesszenen etwas expliziter zu machen. Er versah das Buch mit Post-its an jenen Stellen, die ich überarbeiten sollte. Da stand darauf, «Bitte mehr Sex». Ich dachte, das darf doch nicht wahr sein – und habe ein bisschen mehr Liebe hineingeschrieben. Die Liebesszenen in den heutigen Jugendbüchern orientieren sich leider stark an amerikanischen Vorbildern. Gewisse Stereotypen kann ich nicht lesen, ohne einen Lachkrampf zu kriegen.

Haben Sie als Autorin erreicht, was Sie erreichen wollten?
Alles in allem ja. Einige meiner älteren Bücher werden nun neu aufgelegt. Das Buch «Aischa» beispielsweise. Ich habe es vor 20 Jahren geschrieben. Damals krähte kein Hahn danach. Das Mädchen legt sein Kopftuch ab und wirft es schliesslich in den Müll. Es schläft mit einem Vietnamesen und isst bei seiner jüdischen Freundin Schweinefleisch. In dieser jüdischen Familie kocht die vietnamesische Mutter eben Schweinefleisch. Kurzum, Aischa macht alles, was sich angeblich nicht gehört und wie ich es auch machen würde.

Gibt es in der heutigen Kinder- und Jugendliteratur ausreichend starke Mädchen- und Frauenfiguren?
Einige Verlage geben sich Mühe, Mädchen zu promoten. Das tun sie jedoch meist auf Kosten der Buben. Jetzt lesen wir häufig von starken Mädchen und weinerlichen Buben. Das ist auch nicht richtig. Die aktuelle Literatur vernachlässigt die Buben ein bisschen. Ihnen fehlen Vorbilder.

WIE NEUE TECHNOLOGIEN THERAPIE UND PFLEGE VERÄNDERN

Sie wecken hohe Erwartungen und lösen Skepsis aus: Roboter gewinnen im Gesundheitswesen an Bedeutung. Bewusst und gezielt eingesetzt, helfen sie Patienten und entlasten das Personal.

Richtig gehen, schnell vorwärtskommen und mit einem Zauberstab Punkte sammeln. Kinder, die eine Hirn­schädigung haben, trainieren im Rehabilitationszen­trum des Universitäts-Kinderspitals Zürich in Affoltern am Albis mit modernsten Mitteln. Der Lokomat, ein Gang­roboter, unterstützt die jungen Patienten, gibt ihnen Sicher­heit und ermöglicht unzählige Wiederholungen. Das Com­puterspiel «Zauberschloss» weckt ihr Interesse und fordert sie heraus. «Kinder sehen nicht ein, weshalb sie möglichst korrekte Gehbewegungen üben sollen», sagt Forschungslei­ter Hubertus van Hedel. «Sie wollen in erster Linie rasch ans Ziel kommen.» Die virtuelle Welt helfe, sie zu motivieren. Das Rehabilitationszentrum, das als einziges in der Schweiz auf Kinder spezialisiert ist, setzt bereits seit zwölf Jahren mo­derne Technik ein und erforscht, was diese bewirkt. Praxis und Forschung sind hier eng verknüpft, nur weni-
ge Schritte trennen die Abteilungen.

NICHT FÜR ALLE GEEIGNET
Auf der Therapiestation stehen nicht nur Gangroboter, sondern auch die neusten Trai­ningsgeräte für Hände, Arme und Schultern. Ob sie in einem Fall angewendet werden, hängt rmter anderem von den sensomotorischen oder kogniti­ven Beeinträchtigungen ab. Ausschlaggebend ist etwa, ob sich ein Kind darauf einlassen kann. Manchen Kindern sind mas­sige Roboter schlicht nicht geheuer, andere verstehen einzel­ne Spiele nicht. «Je nach Kind kann man mit einem Gerät unterschiedliche Fähigkeiten trainieren», sagt van Hede!. Entscheidend sei, dass die Therapeuten ihre Patienten ge­nau kennen, individuelle Ziele festlegen und den Trainings­roboter entsprechend einsetzen. Van Hedel warnt vor zu hohen Erwartungen, wie er sie bei Eltern immer wieder wahrnimmt. «Die Geräte sind keine Wunder-, sondern Therapiemittel.» Sie eignen sich gut, um Körperfunktionen zu trainieren. Um diese dann in alltagsre­levante Handlungen umzusetzen, brauche es daneben nach wie vor eine klassische Therapie. Zudem bestehe die Gefahr, dass sich der Gesundheitszustand wieder verschlechtere, wenn jemand nicht mehr regelmässig übe. «Heute liegen Patienten zu viel», stellt Eveline Graf, wis­senschaftliche Mitarbeiterin am ZHAW-Institut für Physio­therapie, fest. Modeme Hilfsmittel könnten helfen, dem ent­gegenzuwirken. Sie ermöglichen mehr Wiederholungen als eine klassische Therapie, die von den Therapeuten körper­lich einiges abverlangt. Es lassen sich entsprechend grössere Effekte erzielen. Dazu kommt, dass die Hightech-Geräte den Zustand eines Patienten wnfassender dokumentieren. Die Technologisierung verändere das Berufsbild, sagt die Bewe­gungswissenschaftlerin. Sie spricht von einer Ergänzung und Entlastung, die den Fachkräftemangel abzufedern helfe. Eine Physio- oder eine Ergotherapeutin werde kiinftig nicht mehr so stark Hand anlegen, sondern ver­mehrt coachen und überwachen. Dass der­einst weniger Therapeuten gefragt sein werden, glaubt sie nicht. Der menschliche Kontakt lasse sich nicht ersetzen. Durch die Überalterung nehme die Zahl potenzieller Patienten zudem zu. «Die Veränderungen finden statt. Wir haben nun die Möglichkeit, unsere Zukunft mitzugestalten.» 

AUSTAUSCH MUSS SICH VERBESSERN
Am Rehabilitationszentrum in Affoltem lässt sich beobach­ten, wohin die Entwicklung geht. Ergo- und Physiotherapeu­ten arbeiten nach wie vor konventionell, nehmen in den ro­boter- und computergestützten Trainings aber neue Aufga­ben wahr. Sie stellen die Geräte individuell ein, selektieren die richtige Software und achten darauf, dass die Nutzer die Bewegungen korrekt ausführen. «Die Therapeuten sind nicht ersetzbar», sagt Rehabilitationsexperte van Hede!. In Zukunft bräuchten sie zusätzlich technologisches Wissen. Gerade junge Berufsleute seien dafür offen, wenn sie in der Ausbildung erste Erfahrungen sammelten. Technologisch versierte Therapeuten könnten Hersteller künftig auch dabei unterstützen, die Geräte benutzerfrenndlicher zu machen. Robert Riener, Professor für Sensomotorische Systeme an der ETH und der Universität Zürich, beurteilt die Zusam­menarbeit von Ingenieuren mit Ärzten und Patienten immer noch als enttäuschend. «Viele Entwickler sind zu eitel, um auf die Nutzer zuzugehen.» Als Folge davon scheitere ein Teil der Projekte -nur ein Prozent aller Ideen schaffe es zum Produkt. Um Gegensteuer zu geben, hat der Biomechaniker 2016 den Cybathlon initiiert – ein Wettkampf, an dem For­schende und Menschen mit Beeinträchtigungen gemeinsam ausloten, was robotische Unterstützungsgeräte taugen. In der Schweiz sei genug Geld für Forschung und Entwicklung vorhanden, sagt Riener. Er wünsche sich jedoch mehr Unter­stützung von den Versicherungen. Diese finanzierten zwar teure Medikamente fiir kurzfristige Interventionen mit häu­fig fragwiirdiger Wirkung; gehe es aber darum, nachhaltig mehr Lebensqualität durch Bewegungstherapie zu ermögli­chen, seien sie zurückhaltend.

«VIELE DENKEN AN TERMINATOR» 
Nicht nur als Trainings- und Unterstützungsgeräte gewinnen Roboter im Gesnndheitswesen an Bedeutung. Im Haus­dienst entlasten sie das Personal etwa, indem sie Wäsche transportieren. «In der Logistik sind sie gross im Kommen», sagt Ursula Meidert, die am ZHAW-Institut für Ergotherapie zu neuen Technologien forscht. Roboter könnten vermehrt physisch strenge Tätigkeiten übernehmen und dazu beitra­gen, dass Pflegende weniger gesundheitliche Probleme be­kämen. «Das könnte Austritte aus dem Beruf verhindern.» Einen positiven Effekt auf die Verweildauer haben mögli­cherweise auch Telepräsenz- nnd Assistenzroboter, wenn sie es Müttern und Vätern erleichtern, von zu Hause zu arbeiten. Bei allen positiven Effekten: Der Einsatz von Robotik weckt auch Befürchtungen. Es stellen sich Fragen des Daten­schutzes und der Ethik-gerade bei vulnerablen Gruppen wie Kindern oder Betagten. Am umstrittensten sind sozial inter­agierende Roboter. Kritiker befiirchten, dass sie genutzt wer­den, um Personen ruhigzustellen. «Sie schaffen einen Zu­gang zu Menschen, die man sonst nicht erreicht», entgegnet Meidert und erwähnt autistische Kinder und demente Perso­nen. Das sei eine Chance. Derartige Roboter würden nicht wie Kuscheltiere abgegeben, sondern stets in strukturierten Situationen eingesetzt. «Reagiert jemand ängstlich, greift das Personal sofort ein», so die Forscherin. Die Skepsis wei­ter Teile der Bevölkerung habe mit Unwissen zu tun. «In un­serer Kultur werden Roboter oft negativ wahrgenommen, viele denken an Terminator.» Entscheidend sei es, medizini­sches Personal zu schulen und Konzepte für den Einsatz von Robotik zu entwickeln. «Wenn man konkret aufzeigt, was Roboter bewirken können, nimmt die Ablehnung ab.» //

CROWDWORKING

Selbstständig oder angestellt?

Uber, Airbn b und Co., die via Internet Aufträge vermitteln, schaffen neuartige Arbeitsverhältnisse, die nicht unumstritten sind.

Uber stösst weltweit auf Wider­stand. Das Unternehmen, das über eine App Fahrdienste vermittelt, versteht sich nicht als Arbeitgeber. Es weigert sich folglich, Sozialab­gaben zu leisten und arbeitsrecht­liche Schutzvorgaben zu akzeptie­ren. Die Chauffeure geniessen bei­spielsweise keinen Anspruch auf Ruhezeiten und können von einem Moment auf den anderen ausge­schlossen werden. Taxiunterneh­men ist dies ein Dorn im Auge. «Die Digitalisierung der Wirtschaft führt zu neuen Arbeitsformen», sagt Phi­lipp Egli, Leiter des ZHAW-Zen­trums für Sozialrecht (ZSR). Diese bewegten sich häufig an der Gren­ze zwischen selbstständiger und un­selbstständiger Tätigkeit. Daraus er­gebe sich Klärungsbedarf.

Aufträge werden online vergeben
Mit seinem Team arbeitet Egli an einem Ratgeber zum Thema Crowd­working. Darunter fallen vieler­lei Tätigkeiten, die übers Internet vermittelt werden und teilweise nur minimal entschädigt werden. «Die EU geht von einem starken Wachstum solcher Arbeitsverhält­nisse aus», sagt Egli. Für die Schweiz gebe es bislang kaum Erhebungen. Zusammen mit Christoph Hauser, Wirtschaftsprofessor an der Hoch­schule Luzern, ist er daher daran, ein Forschungsprojekt aufzugleisen (siehe Box). Dieses soll aufzeigen, wie stark Crowdworking hierzulan­de verbreitet ist, welche Risiken sich daraus ergeben und wie der Gesetz­geber reagieren könnte. Entschei­dungsträger und Betroffene wollen sie damit gleichermassen erreichen. Uber bestimmt derzeit die Schlag­zeilen. Doch auch bei Pflegerinnen, Reinigungskräften oder Mikrojob­bern, die online zu ihren Aufträgen gelangen, stellt sich die Frage, ob sie selbstständig oder unselbstständig tätig sind. Die Gesetzgebung gibt zwar gewisse Kriterien vor. Gemäss Arbeitsrecht gilt als selbstständig, wer nicht in einen Betrieb einge­gliedert ist und keine Weisungen entgegennehmen muss. Das Sozial­versicherungsrecht qualifiziert als selbstständig, wer ein unternehme­risches Risiko trägt und seine Ar­beit frei organisieren kann. Viele Be­schäftigungsverhältnisse bewegen sich aber irgendwo dazwischen. Das Bundesgericht hat sich bereits mit Dutzenden Konstellati­onen befasst, so etwa mit dem Fall von Franchisenehmern. Sie stün­den faktisch in einem ähnlichen Abhängigkeitsverhältnis vom Fran­chisegeber wie ein Arbeitnehmer von seinem Arbeitgeber, urteilte es. Daher sei es gerechtfertigt, dass sie von arbeitsrechtlichen Schutz­vorschriften profitierten und zum Beispiel vor einer missbräuch­lichen Kündigung geschützt seien. Wegweisende Entscheide fällten die Lausanner Richter des Weiteren in Bezug auf freie Journalisten. Die­se sind arbeitsorganisatorisch zwar nicht in einen Verlag oder in eine Redaktion eingebunden. Arbeiten sie jedoch regelmässig für einen Arbeitgeber, sind sie von diesem wirtschaftlich abhängig. Versiche­rungstechnisch werden sie daher meist als unselbstständig einge­stuft. Dasselbe gilt für Dolmetscher, Telefonmarketing-Angestellte so­wie gewisse EDV-Spezialisten.

Komplexe Konstrukte
Entscheidend sei das jeweilige Arbeitsverhältnis, sagt ZHAW-Ver­treter und Anwalt Egli. Dieses gelte es genau unter die Lupe zu nehmen. «Die Rechtsprechung hat die Ten­denz, Arbeitsformen bei wirtschaft­licher Abhängigkeit einer Partei zu­mindest als arbeitnehmerähnlich zu qualifizieren.» Dahinter stehe die Absicht, Erwerbstätige möglichst ab­zusichern. Mit der Digitalisierung müsse man das Rad nicht neu erfin­den, sagt er. Allerdings ergäben sich neue Schwierigkeiten. Dazu zähl­ten etwa die Rolle der Plattformen oder die internationale Vernetzung. Crowdworking-Plattformen wie Amazon Mechanical Turk, die Kleinstaufträge vergeben, haben ihren Hauptserver oft in den USA. Die Mikrojobber arbeiten ortsun­gebunden und sind typischerweise in Niedriglohnländern wie Indien, China oder Russland zu finden. Sie sozialrechtlich besser abzusichern, ist entsprechend schwierig. Eine Möglichkeit wäre, dass sich die Staa­ten auf griffige internationale Min­deststandards einigten. «Doch die­ser Weg ist noch weit», sagt Egli. Im­merhin sei das Thema auf die Agen­da internationaler Akteure wie der Europäischen Union und der Inter­nationalen Arbeitsorganisation ge­rückt. Zudem gebe es Initiativen der Zivilgesellschaft für eine faire digi­tale Wirtschaft. Auch Uber ist international ver­netzt. Der Fahrdienstvermittler ist in San Francisco gegründet wor­den, Uber Schweiz untersteht einer Holding in Amsterdam. Geht es nach der Schweizerischen Unfallversiche­rung (Suva) soll das Unternehmen hierzulande künftig Sozialabgaben leisten. Sie spricht von einem kla­ren Abhängigkeitsverhältnis: «Will der Fahrer keine schwerwiegenden negativen Konsequenzen tragen, müssen sämtliche Weisungen, Vor­gaben, Hinweise und Empfehlungen von Uber beachtet werden.»

«Umfassende Kontrolle»
Nicht ein einzelnes Kriterium führe zu einer solchen Beurteilung, sagt ZSR-Leiter Egli. Ausschlaggebend sei vielmehr, wie stark der Betrof­fene insgesamt eingebunden sei. Tatsächlich haben sich Uber-Fah­rer an vielerlei Vorgaben zu halten. Diese betreffen nicht nur die Preis­gestaltung und die Abrechnungsart, sondern auch das Fahrzeug und ihr Verhalten. Die Suva kommt zum Schluss, dass Uber eine umfassende Kontrolle über die Fahrer ausübe und diese daher nicht als selbststän­dig qualifiziert werden könnten. Im Kanton Zürich, wo über 1000 Uber­Chauffeure im Einsatz stehen, soll die Firma folglich Beiträge für die AHV, die Arbeitslosenkasse und die Unfallversicherung zahlen. Die Sozialversicherungsanstalt (SVA) verlangt eine Nachdeklaration.

Bundesgericht dürfte letztes Wort haben
Uber hat kürzlich mit einem eige­nen Gutachten reagiert. Wie das Un­ternehmen betont die Lausanner Professorin Bettina Kahil-Wolff da­rin die Merkmale einer selbstständigen Tätigkeit. Die Fahrer könnten selbst entscheiden, ob, wann, wie oft und wo sie Einsätze übernähmen, schreibt sie in dem Auftragsgutach­ten. Sie seien zudem frei, für Kon­kurrenten zu arbeiten, und trügen ein gewisses unternehmerisches Risiko. Der Fall beschäftigt die Juristen – nicht nur in der Schweiz, wo sich letztlich das Bundesgericht da­mit befassen dürfte. In Spanien und Holland ist der Dienst ver­boten, in Frankreich ist er nur noch eingeschränkt zugelassen. «Die Rechtsentwicklungen in ande­ren Staaten werden von der Justiz durchaus wahrgenommen», sagt Egli. Einzelne Urteile würden in der Schweizer Lehre thematisiert. Aller­dings könne der rechtliche bezie­hungsweise regulatorische Kontext je nach Land doch sehr unterschied­lich sein. Egli spricht daher von einer «Inspirationsquelle, die mit Vorsicht zu geniessen ist».

Grosseltern

November 2017

Was Geschichten auslösen

Starke Mädchen erleben in ihren Büchern spannende Abenteuer: Bestseller-Autorin Federica de Cesco hat damit in jungen Jahren Neuland betreten – und Kritiker erzürnt. Heute fehlen den Buben Vorbilder…

FEDERICA DE CESCO (79) schaffte den Durchbruch als Autorin bereits mit 16 Jahren. Eine Berufsberaterin ermunterte sie damals, das Manuskript «Der rote Seidenschal» einem Verlag zu schicken. Inzwischen zählt sie zu den meistgelesenen Jugendbuchautoren im deutschen Sprachraum. Sie hat über 80 Bücher veröffentlicht. Davon richten sich einige auch an Erwachsene, so etwa ihr aktuellstes Werk «Die neunte Sonne» (2015) und der Spionageroman «Der englische Liebhaber», der 2018 erscheinen wird. De Cesco schreibt täglich vier bis fünf Stunden und braucht dazu Kaffee, schwarze

Federica de Cesco, ist Ihnen immer wohl bei dem, was Ihre Geschichten bei Kindern und Jugendlichen auslösen?
De Cesco: Was sie häufig auslösen, ist eine Lust am Schreiben. In Einzelfällen hat diese tatsächlich zu einem Buch geführt. Meistens endet sie aber mit einem Manuskript, das leider nicht sehr persönlich ist, weil es etwa den «roten Seidenschal» oder Harry Potter zu imitieren versucht. Im besten Fall regen meine Bücher die Fantasie an, im schlimmsten Fall träumen die Kinder in der Schule vor sich hin. Das habe ich auch getan.

Ihre Bücher wecken aber auch Abenteuerlust.
Das stimmt. Einige Kinder schreiben mir, «ich will zu den Tuareg gehen». Dann antworte ich ihnen, «dafür ist es 40 Jahre zu spät». Die Tuareg machen jetzt leider mit irgendwelchen Dschihadisten gemeinsame Sache. Sie haben es nie geschafft, einen eigenen Staat zu gründen. Schade! Nichts dagegen habe ich, wenn Kinder zu den Indianern reisen möchten.

Haben Sie eine Verantwortung als Autorin?
Ich habe eine Verantwortung, die ich stark spüre. Deswegen kommen in meinen Büchern keine Leichen vor, die blutüberströmt und womöglich zerstü- ckelt in einem Wald liegen. Das mag ich nicht. Gewisse Kritiker werfen mir vor, dass ich eine heile Welt vorgaukle. Wann war die Welt denn heil? Im Ersten Weltkrieg? Im Zweiten Weltkrieg? Im Mittelalter? Bei den Römern? Wir können froh sein, dass Kinder heute in einer relativ guten Zeitepoche leben und nicht mit den brutalen Realitäten des Lebens konfrontiert werden. Fragt sich, wie lange das noch so bleibt. Sie erzählen aber durchaus von Kriegen, Ungerechtigkeiten… Genau. Es ist nicht alles rosarot. Aber ich bin immer bestrebt, dass am Schluss Hoffnung besteht – dass die jungen Protagonisten nicht in ein dunkles Loch fallen.

Haben Sie eine pädagogische Absicht?
Auf alle Fälle. Ehre ist mir wichtig. Ich zitiere gerne Miyamoto Musashi, den berühmtesten aller Schwertkämpfer. Er sagte: «Tue nie etwas, worüber du dich vor dir selbst schämen müsstest». Das schraubt die Ansprüche sehr hoch. Am Ende seines Lebens hat er zudem postuliert: «Du musst siegen, ohne zu kämpfen». Das heisst, mit dem Kopf siegen. Einen brutalen Gegner muss man neutralisieren, ohne ihn in Stücke zu hacken. Er soll zur Einsicht gelangen, «ich bin noch nicht auf diesem Niveau und sollte mich anstrengen, um ein vollwertiger Mensch zu werden».

Es geht Ihnen darum, gewisse Werte zu vermitteln.
Absolut. Was die Mädchen betrifft, lautet meine Botschaft: Seid bitte nicht bescheiden! Bescheidene und gehorsame Mädchen werden ausgenutzt. Seid grossmütig, aber verlangt etwas und lasst euch nicht in eine Schablone pressen.

Sie haben drei Enkelkinder, das älteste ist 28, das jüngste 15 Jahre alt. Zählen sie zu Ihren Lesern?
Nein. Sie haben meine Bücher wenig gelesen. Ich nehme an, aus irgendwelchen Hemmungen heraus. Aber sie hören fasziniert zu, wenn mein Mann, etwas zurückhaltender, und ich, etwas überschäumender, von den Tuareg oder von Japan erzählen. Dann wollen sie immer mehr wissen.

Ihre Enkel teilen demnach Ihre Faszination für fremde Kulturen. Mein jüngster Enkel interessiert sich für Katana, das japanische Schwert. Er lässt sich gerne schildern, wie dieses geschmiedet wird. Bei uns arbeiten Schmiede in der Regel in einer dunklen Werkstatt, in der allerlei herumliegt. In Japan muss der Schmied erst einmal ein Bad nehmen, er muss saubere, weisse Kleider anziehen und strenge Sauberkeitsriten einhalten. Die Schwertschmiede ist ein Ort der totalen Reinlichkeit. Das Schwert dient dem Schutz vor sich selbst. Es dient dazu, die bösen Gedanken zu erschneiden.

Wie ist der Kontakt zu Ihren Enkeln? Mein Mann und ich haben das Problem, dass wir Grosseltern sind, die nicht ganz in das Schema passen. Unsere Enkelkinder wissen nicht so recht, wie sie mit uns umgehen sollen (lacht). Früher waren wir kaum da. Wir waren viel auf Reisen, nun sind wir etwas ruhiger geworden.

Sie hatten selbst eine Grossmutter, die Ihnen häufig vorgelesen hat. Ja, sie war noch eine Grossmutter alter Schule. Sie war aus Münster und hat mir Grimms Märchen vorgelesen. Irgendwann hatte sie genug. Sie knallte mir das Buch vor die Nase und sagte, «da, lies jetzt selbst». Da stand ich wie der Ochse vor dem Berg. Weil ich jedoch weiterlesen wollte, habe ich es mir beigebracht. Das Buch war in gotischer Schrift geschrieben. Für Mädchen gab es damals nicht viel. Alles Spannende war für Buben. Ich las Winnetou, der mir irgendwann auf die Nerven ging. Es gefiel mir nicht, dass er Christ werden und sterben musste. Mark Twain und Charles Dickens habe ich mit Leidenschaft gelesen.

Mit Ihrem Erstling «Der rote Seidenschal» und vielen weiteren Büchern haben Sie starke Vorbilder für Mädchen geschaffen. Welche Reaktionen erhielten Sie darauf? In Belgien, wo ich damals lebte, krähte kein Hahn danach. Die Bücher waren erfolgreich, weil es Abenteuerbücher waren. Mein damaliger Verlag publizierte eine Reihe, die sich bewusst an Mädchen richtete. Dafür habe ich elf Romane geschrieben. Die Schweizer Zensoren liefen später jedoch Sturm. «Das ist doch verwerflich», meinten sie. «Da kommt Körperkontakt vor». Die Protagonisten halten einmal Händchen. «Das Mädchen zieht Hosen an und lebt mit einem jungen Mann in der Wüste – wie bitte?» Sie kritisierten dies als schlechtes Vorbild für die Schweizer Mädchen – und diese haben sich natürlich darauf gestürzt.

Die Kritik war beste Werbung. Das war’s (lacht). Meine erste Lesung fand in der Innerschweiz statt. Ich kam direkt aus Belgien und trug Hosen mit Schottenmuster. Die Lehrerin und die Klasse machten grosse Augen, da die Mädchen alle mit Jupe und Wollstrümpfen in den Bänken sassen. Ich fragte sie, «friert ihr denn nicht am Po?» Peinliches Schweigen.

Sie haben in all den Jahren viel für die Mädchen getan. Sie hätten auch in die Politik gehen können. Das stimmt. Das habe ich mir zu spät überlegt. Ich habe vor 10, 15 Jahren gedacht, ich sollte mal auf den Tisch hauen. Ich hätte einiges zu sagen. Ich finde etwa, dass die Hälfte des Bundesrates weiblich sein muss.

Heisst das, man müsste nun mehr für die Buben tun?
Ja. Buben und Mädchen gehören zusammen. Sie müssen zusammen agieren. In der zukünftigen Welt sollen Männer und Frauen in Eintracht leben. Ich finde es sehr gut, wenn Männer Windeln wechseln. Das finde ich total männlich.

Und die aktuelle Jugendliteratur?
Was ich nicht mag, sind Krimis und Fantasy-Romane. Es wimmelt von Harry-Potter-Imitationen. Es gibt genug Abenteuer, die in der realen Welt bestanden werden können. Man sollte Kindern wieder mehr historische Geschichten erzählen, die Bezug zur heutigen Wirklichkeit nehmen.

Sie lesen immer noch in Schulen vor. Wie sind Kinder und Jugendliche als Publikum?
Sie sind sehr aufmerksame, wissbegierige Beobachter. Ein Bub fragte mich einmal, wie das Klima in der Sahara sei. Ich antwortete ihm, dass es tagsüber heiss sei und die Temperatur nachts zuweilen unter null Grad sinke. Da hob er wieder die Hand und fragte: «Wieso haben Sie ein Buch geschrieben, das «Sterne über heissem Sand» heisst?» (lachte) Da habe ich mich aus der Affäre gezogen, indem ich ihm sagte, dass der Titel vom Verlag stamme. Und das stimmt sogar.

Sie schreiben für Erwachsene und für Kinder. Was sind die Unterschiede?
Kinderbücher zu schreiben, ist schwieriger. Kinder sind äusserst wissbegierig, haben aber einen beschränkten Wortschatz. Da muss ich mir häufig den Kopf zerbrechen. Ich versuche, nicht zu viele Landschaftsbeschreibungen zu machen, was mir manchmal schwerfällt. Die Liebesszenen sind eher verhalten. Kürzlich brachte der Arena Verlag mein Buch «Kel Rela. Im Herzen der Sahara», das ich vor 20 Jahren geschrieben hatte, neu heraus. Er bat mich, die Liebesszenen etwas expliziter zu machen. Er versah das Buch mit Post-its an jenen Stellen, die ich überarbeiten sollte. Da stand darauf, «Bitte mehr Sex». Ich dachte, das darf doch nicht wahr sein – und habe ein bisschen mehr Liebe hineingeschrieben. Die Liebesszenen in den heutigen Jugendbüchern orientieren sich leider stark an amerikanischen Vorbildern. Gewisse Stereotypen kann ich nicht lesen, ohne einen Lachkrampf zu kriegen.

Haben Sie als Autorin erreicht, was Sie erreichen wollten?
Alles in allem ja. Einige meiner älteren Bücher werden nun neu aufgelegt. Das Buch «Aischa» beispielsweise. Ich habe es vor 20 Jahren geschrieben. Damals krähte kein Hahn danach. Das Mädchen legt sein Kopftuch ab und wirft es schliesslich in den Müll. Es schläft mit einem Vietnamesen und isst bei seiner jüdischen Freundin Schweinefleisch. In dieser jüdischen Familie kocht die vietnamesische Mutter eben Schweinefleisch. Kurzum, Aischa macht alles, was sich angeblich nicht gehört und wie ich es auch machen würde.

Gibt es in der heutigen Kinder- und Jugendliteratur ausreichend starke Mädchen- und Frauenfiguren?
Einige Verlage geben sich Mühe, Mädchen zu promoten. Das tun sie jedoch meist auf Kosten der Buben. Jetzt lesen wir häufig von starken Mädchen und weinerlichen Buben. Das ist auch nicht richtig. Die aktuelle Literatur vernachlässigt die Buben ein bisschen. Ihnen fehlen Vorbilder.

Vitamin

November 2017

Gesundheitsberufe im Wandel

Sie wecken hohe Erwartungen und lösen Skepsis aus: Roboter gewinnen im Gesundheitswesen an Bedeutung. Bewusst und gezielt eingesetzt, helfen sie Patienten und entlasten das Personal…

WIE NEUE TECHNOLOGIEN THERAPIE UND PFLEGE VERÄNDERN

Sie wecken hohe Erwartungen und lösen Skepsis aus: Roboter gewinnen im Gesundheitswesen an Bedeutung. Bewusst und gezielt eingesetzt, helfen sie Patienten und entlasten das Personal.

Richtig gehen, schnell vorwärtskommen und mit einem Zauberstab Punkte sammeln. Kinder, die eine Hirn­schädigung haben, trainieren im Rehabilitationszen­trum des Universitäts-Kinderspitals Zürich in Affoltern am Albis mit modernsten Mitteln. Der Lokomat, ein Gang­roboter, unterstützt die jungen Patienten, gibt ihnen Sicher­heit und ermöglicht unzählige Wiederholungen. Das Com­puterspiel «Zauberschloss» weckt ihr Interesse und fordert sie heraus. «Kinder sehen nicht ein, weshalb sie möglichst korrekte Gehbewegungen üben sollen», sagt Forschungslei­ter Hubertus van Hedel. «Sie wollen in erster Linie rasch ans Ziel kommen.» Die virtuelle Welt helfe, sie zu motivieren. Das Rehabilitationszentrum, das als einziges in der Schweiz auf Kinder spezialisiert ist, setzt bereits seit zwölf Jahren mo­derne Technik ein und erforscht, was diese bewirkt. Praxis und Forschung sind hier eng verknüpft, nur weni-
ge Schritte trennen die Abteilungen.

NICHT FÜR ALLE GEEIGNET
Auf der Therapiestation stehen nicht nur Gangroboter, sondern auch die neusten Trai­ningsgeräte für Hände, Arme und Schultern. Ob sie in einem Fall angewendet werden, hängt rmter anderem von den sensomotorischen oder kogniti­ven Beeinträchtigungen ab. Ausschlaggebend ist etwa, ob sich ein Kind darauf einlassen kann. Manchen Kindern sind mas­sige Roboter schlicht nicht geheuer, andere verstehen einzel­ne Spiele nicht. «Je nach Kind kann man mit einem Gerät unterschiedliche Fähigkeiten trainieren», sagt van Hede!. Entscheidend sei, dass die Therapeuten ihre Patienten ge­nau kennen, individuelle Ziele festlegen und den Trainings­roboter entsprechend einsetzen. Van Hedel warnt vor zu hohen Erwartungen, wie er sie bei Eltern immer wieder wahrnimmt. «Die Geräte sind keine Wunder-, sondern Therapiemittel.» Sie eignen sich gut, um Körperfunktionen zu trainieren. Um diese dann in alltagsre­levante Handlungen umzusetzen, brauche es daneben nach wie vor eine klassische Therapie. Zudem bestehe die Gefahr, dass sich der Gesundheitszustand wieder verschlechtere, wenn jemand nicht mehr regelmässig übe. «Heute liegen Patienten zu viel», stellt Eveline Graf, wis­senschaftliche Mitarbeiterin am ZHAW-Institut für Physio­therapie, fest. Modeme Hilfsmittel könnten helfen, dem ent­gegenzuwirken. Sie ermöglichen mehr Wiederholungen als eine klassische Therapie, die von den Therapeuten körper­lich einiges abverlangt. Es lassen sich entsprechend grössere Effekte erzielen. Dazu kommt, dass die Hightech-Geräte den Zustand eines Patienten wnfassender dokumentieren. Die Technologisierung verändere das Berufsbild, sagt die Bewe­gungswissenschaftlerin. Sie spricht von einer Ergänzung und Entlastung, die den Fachkräftemangel abzufedern helfe. Eine Physio- oder eine Ergotherapeutin werde kiinftig nicht mehr so stark Hand anlegen, sondern ver­mehrt coachen und überwachen. Dass der­einst weniger Therapeuten gefragt sein werden, glaubt sie nicht. Der menschliche Kontakt lasse sich nicht ersetzen. Durch die Überalterung nehme die Zahl potenzieller Patienten zudem zu. «Die Veränderungen finden statt. Wir haben nun die Möglichkeit, unsere Zukunft mitzugestalten.» 

AUSTAUSCH MUSS SICH VERBESSERN
Am Rehabilitationszentrum in Affoltem lässt sich beobach­ten, wohin die Entwicklung geht. Ergo- und Physiotherapeu­ten arbeiten nach wie vor konventionell, nehmen in den ro­boter- und computergestützten Trainings aber neue Aufga­ben wahr. Sie stellen die Geräte individuell ein, selektieren die richtige Software und achten darauf, dass die Nutzer die Bewegungen korrekt ausführen. «Die Therapeuten sind nicht ersetzbar», sagt Rehabilitationsexperte van Hede!. In Zukunft bräuchten sie zusätzlich technologisches Wissen. Gerade junge Berufsleute seien dafür offen, wenn sie in der Ausbildung erste Erfahrungen sammelten. Technologisch versierte Therapeuten könnten Hersteller künftig auch dabei unterstützen, die Geräte benutzerfrenndlicher zu machen. Robert Riener, Professor für Sensomotorische Systeme an der ETH und der Universität Zürich, beurteilt die Zusam­menarbeit von Ingenieuren mit Ärzten und Patienten immer noch als enttäuschend. «Viele Entwickler sind zu eitel, um auf die Nutzer zuzugehen.» Als Folge davon scheitere ein Teil der Projekte -nur ein Prozent aller Ideen schaffe es zum Produkt. Um Gegensteuer zu geben, hat der Biomechaniker 2016 den Cybathlon initiiert – ein Wettkampf, an dem For­schende und Menschen mit Beeinträchtigungen gemeinsam ausloten, was robotische Unterstützungsgeräte taugen. In der Schweiz sei genug Geld für Forschung und Entwicklung vorhanden, sagt Riener. Er wünsche sich jedoch mehr Unter­stützung von den Versicherungen. Diese finanzierten zwar teure Medikamente fiir kurzfristige Interventionen mit häu­fig fragwiirdiger Wirkung; gehe es aber darum, nachhaltig mehr Lebensqualität durch Bewegungstherapie zu ermögli­chen, seien sie zurückhaltend.

«VIELE DENKEN AN TERMINATOR» 
Nicht nur als Trainings- und Unterstützungsgeräte gewinnen Roboter im Gesnndheitswesen an Bedeutung. Im Haus­dienst entlasten sie das Personal etwa, indem sie Wäsche transportieren. «In der Logistik sind sie gross im Kommen», sagt Ursula Meidert, die am ZHAW-Institut für Ergotherapie zu neuen Technologien forscht. Roboter könnten vermehrt physisch strenge Tätigkeiten übernehmen und dazu beitra­gen, dass Pflegende weniger gesundheitliche Probleme be­kämen. «Das könnte Austritte aus dem Beruf verhindern.» Einen positiven Effekt auf die Verweildauer haben mögli­cherweise auch Telepräsenz- nnd Assistenzroboter, wenn sie es Müttern und Vätern erleichtern, von zu Hause zu arbeiten. Bei allen positiven Effekten: Der Einsatz von Robotik weckt auch Befürchtungen. Es stellen sich Fragen des Daten­schutzes und der Ethik-gerade bei vulnerablen Gruppen wie Kindern oder Betagten. Am umstrittensten sind sozial inter­agierende Roboter. Kritiker befiirchten, dass sie genutzt wer­den, um Personen ruhigzustellen. «Sie schaffen einen Zu­gang zu Menschen, die man sonst nicht erreicht», entgegnet Meidert und erwähnt autistische Kinder und demente Perso­nen. Das sei eine Chance. Derartige Roboter würden nicht wie Kuscheltiere abgegeben, sondern stets in strukturierten Situationen eingesetzt. «Reagiert jemand ängstlich, greift das Personal sofort ein», so die Forscherin. Die Skepsis wei­ter Teile der Bevölkerung habe mit Unwissen zu tun. «In un­serer Kultur werden Roboter oft negativ wahrgenommen, viele denken an Terminator.» Entscheidend sei es, medizini­sches Personal zu schulen und Konzepte für den Einsatz von Robotik zu entwickeln. «Wenn man konkret aufzeigt, was Roboter bewirken können, nimmt die Ablehnung ab.» //

Impact

September 2017

Selbstständig oder angestellt?

Uber, Airbnb und Co., die via Internet Aufträge vermitteln, schaffen neuartige Arbeitsverhältnisse, die nicht umstritten sind…

CROWDWORKING

Selbstständig oder angestellt?

Uber, Airbn b und Co., die via Internet Aufträge vermitteln, schaffen neuartige Arbeitsverhältnisse, die nicht unumstritten sind.

Uber stösst weltweit auf Wider­stand. Das Unternehmen, das über eine App Fahrdienste vermittelt, versteht sich nicht als Arbeitgeber. Es weigert sich folglich, Sozialab­gaben zu leisten und arbeitsrecht­liche Schutzvorgaben zu akzeptie­ren. Die Chauffeure geniessen bei­spielsweise keinen Anspruch auf Ruhezeiten und können von einem Moment auf den anderen ausge­schlossen werden. Taxiunterneh­men ist dies ein Dorn im Auge. «Die Digitalisierung der Wirtschaft führt zu neuen Arbeitsformen», sagt Phi­lipp Egli, Leiter des ZHAW-Zen­trums für Sozialrecht (ZSR). Diese bewegten sich häufig an der Gren­ze zwischen selbstständiger und un­selbstständiger Tätigkeit. Daraus er­gebe sich Klärungsbedarf.

Aufträge werden online vergeben
Mit seinem Team arbeitet Egli an einem Ratgeber zum Thema Crowd­working. Darunter fallen vieler­lei Tätigkeiten, die übers Internet vermittelt werden und teilweise nur minimal entschädigt werden. «Die EU geht von einem starken Wachstum solcher Arbeitsverhält­nisse aus», sagt Egli. Für die Schweiz gebe es bislang kaum Erhebungen. Zusammen mit Christoph Hauser, Wirtschaftsprofessor an der Hoch­schule Luzern, ist er daher daran, ein Forschungsprojekt aufzugleisen (siehe Box). Dieses soll aufzeigen, wie stark Crowdworking hierzulan­de verbreitet ist, welche Risiken sich daraus ergeben und wie der Gesetz­geber reagieren könnte. Entschei­dungsträger und Betroffene wollen sie damit gleichermassen erreichen. Uber bestimmt derzeit die Schlag­zeilen. Doch auch bei Pflegerinnen, Reinigungskräften oder Mikrojob­bern, die online zu ihren Aufträgen gelangen, stellt sich die Frage, ob sie selbstständig oder unselbstständig tätig sind. Die Gesetzgebung gibt zwar gewisse Kriterien vor. Gemäss Arbeitsrecht gilt als selbstständig, wer nicht in einen Betrieb einge­gliedert ist und keine Weisungen entgegennehmen muss. Das Sozial­versicherungsrecht qualifiziert als selbstständig, wer ein unternehme­risches Risiko trägt und seine Ar­beit frei organisieren kann. Viele Be­schäftigungsverhältnisse bewegen sich aber irgendwo dazwischen. Das Bundesgericht hat sich bereits mit Dutzenden Konstellati­onen befasst, so etwa mit dem Fall von Franchisenehmern. Sie stün­den faktisch in einem ähnlichen Abhängigkeitsverhältnis vom Fran­chisegeber wie ein Arbeitnehmer von seinem Arbeitgeber, urteilte es. Daher sei es gerechtfertigt, dass sie von arbeitsrechtlichen Schutz­vorschriften profitierten und zum Beispiel vor einer missbräuch­lichen Kündigung geschützt seien. Wegweisende Entscheide fällten die Lausanner Richter des Weiteren in Bezug auf freie Journalisten. Die­se sind arbeitsorganisatorisch zwar nicht in einen Verlag oder in eine Redaktion eingebunden. Arbeiten sie jedoch regelmässig für einen Arbeitgeber, sind sie von diesem wirtschaftlich abhängig. Versiche­rungstechnisch werden sie daher meist als unselbstständig einge­stuft. Dasselbe gilt für Dolmetscher, Telefonmarketing-Angestellte so­wie gewisse EDV-Spezialisten.

Komplexe Konstrukte
Entscheidend sei das jeweilige Arbeitsverhältnis, sagt ZHAW-Ver­treter und Anwalt Egli. Dieses gelte es genau unter die Lupe zu nehmen. «Die Rechtsprechung hat die Ten­denz, Arbeitsformen bei wirtschaft­licher Abhängigkeit einer Partei zu­mindest als arbeitnehmerähnlich zu qualifizieren.» Dahinter stehe die Absicht, Erwerbstätige möglichst ab­zusichern. Mit der Digitalisierung müsse man das Rad nicht neu erfin­den, sagt er. Allerdings ergäben sich neue Schwierigkeiten. Dazu zähl­ten etwa die Rolle der Plattformen oder die internationale Vernetzung. Crowdworking-Plattformen wie Amazon Mechanical Turk, die Kleinstaufträge vergeben, haben ihren Hauptserver oft in den USA. Die Mikrojobber arbeiten ortsun­gebunden und sind typischerweise in Niedriglohnländern wie Indien, China oder Russland zu finden. Sie sozialrechtlich besser abzusichern, ist entsprechend schwierig. Eine Möglichkeit wäre, dass sich die Staa­ten auf griffige internationale Min­deststandards einigten. «Doch die­ser Weg ist noch weit», sagt Egli. Im­merhin sei das Thema auf die Agen­da internationaler Akteure wie der Europäischen Union und der Inter­nationalen Arbeitsorganisation ge­rückt. Zudem gebe es Initiativen der Zivilgesellschaft für eine faire digi­tale Wirtschaft. Auch Uber ist international ver­netzt. Der Fahrdienstvermittler ist in San Francisco gegründet wor­den, Uber Schweiz untersteht einer Holding in Amsterdam. Geht es nach der Schweizerischen Unfallversiche­rung (Suva) soll das Unternehmen hierzulande künftig Sozialabgaben leisten. Sie spricht von einem kla­ren Abhängigkeitsverhältnis: «Will der Fahrer keine schwerwiegenden negativen Konsequenzen tragen, müssen sämtliche Weisungen, Vor­gaben, Hinweise und Empfehlungen von Uber beachtet werden.»

«Umfassende Kontrolle»
Nicht ein einzelnes Kriterium führe zu einer solchen Beurteilung, sagt ZSR-Leiter Egli. Ausschlaggebend sei vielmehr, wie stark der Betrof­fene insgesamt eingebunden sei. Tatsächlich haben sich Uber-Fah­rer an vielerlei Vorgaben zu halten. Diese betreffen nicht nur die Preis­gestaltung und die Abrechnungsart, sondern auch das Fahrzeug und ihr Verhalten. Die Suva kommt zum Schluss, dass Uber eine umfassende Kontrolle über die Fahrer ausübe und diese daher nicht als selbststän­dig qualifiziert werden könnten. Im Kanton Zürich, wo über 1000 Uber­Chauffeure im Einsatz stehen, soll die Firma folglich Beiträge für die AHV, die Arbeitslosenkasse und die Unfallversicherung zahlen. Die Sozialversicherungsanstalt (SVA) verlangt eine Nachdeklaration.

Bundesgericht dürfte letztes Wort haben
Uber hat kürzlich mit einem eige­nen Gutachten reagiert. Wie das Un­ternehmen betont die Lausanner Professorin Bettina Kahil-Wolff da­rin die Merkmale einer selbstständigen Tätigkeit. Die Fahrer könnten selbst entscheiden, ob, wann, wie oft und wo sie Einsätze übernähmen, schreibt sie in dem Auftragsgutach­ten. Sie seien zudem frei, für Kon­kurrenten zu arbeiten, und trügen ein gewisses unternehmerisches Risiko. Der Fall beschäftigt die Juristen – nicht nur in der Schweiz, wo sich letztlich das Bundesgericht da­mit befassen dürfte. In Spanien und Holland ist der Dienst ver­boten, in Frankreich ist er nur noch eingeschränkt zugelassen. «Die Rechtsentwicklungen in ande­ren Staaten werden von der Justiz durchaus wahrgenommen», sagt Egli. Einzelne Urteile würden in der Schweizer Lehre thematisiert. Aller­dings könne der rechtliche bezie­hungsweise regulatorische Kontext je nach Land doch sehr unterschied­lich sein. Egli spricht daher von einer «Inspirationsquelle, die mit Vorsicht zu geniessen ist».

Partizipation: Digital

Februar 2017

Ein Dorfplatz in Digitalversion

Quartiere sollen näher zusammenrücken, Bürgerinnen und Bürger ihre Anliegen an die Behörden online formulieren: Mauro Bieg, Amanda Sauter und Nicolas Hebting wollen mit ihrer Newsplattform 2324.ch…

Schauplatz

Mittwoch 25. Januar 2017

Gericht erkennt keine echte Reue

Urteil Ihre Flucht im Februar 2016 war filmreif: Nun ist Angela Magdici, die einen syrischen Gefängnisinsassen befreite zu einer bedingten Haftstrafe von 15 Monaten verurteilt worden…

Impact

Dezember 2016

Persönlichkeitstest

Menschen, die in sicherheitsrelevanten Berufen arbeiten wollen, werden auch auf ihre psychologische Tauglichkeit getestet – unter anderem am Zentrum für Diagnostik, Verkehrs- und Sicherheitspsychologie…

Ein Dorfplatz in Digitalversion

Quartiere sollen näher zusammenrücken, Bürgerinnen und Bürger ihre Anliegen an die Behörden online formulieren: Mauro Bieg, Amanda Sauter und Nicolas Hebting wollen mit ihrer Newsplatt­form 2324.ch den Dialog in den Gemeinden fördern. Winterthur und Sargans machen mit.

Der Name ist Programm: 2324.ch richtet sich an alle Schweizer Gemeinden. Be­hörden, Bevölkerung und Vereine sol­len die Plattform nutzen, um politische Geschäfte, Anliegen und Aktivitäten online zu thematisieren. «Es ist eine Kombination aus lokaler Onlinezeitung und sozialem Netzwerk», sagt Gründer Mauro Bieg. Natürlich verändere sich die Anzahl Gemeinden, als Symbol je­doch bleibe der Name bestehen. Denn: 2324 Gemeinden gab es, als das Portal lanciert wurde, inzwischen sind es noch 2255. Dem Informatiker kam die Idee eines digitalen Dorfplatzes als Teen­ager, als im Nachbardorf alte Fabrikhal­len abgerissen wurden. «Man hätte sie für Wohnungen oder Kultur umnutzen können», sagt der 28-Jährige. «Eine breite Diskussion in der Bevölkerung fand aber nicht statt.» Alternative zum Leserbrief
2324.ch soll in solchen Situationen ei­nen informellen Austausch ermögli­chen. Die Plattform soll eine Alternative zu Leserbrief und Gemeindeversamm­lung bieten. «Die Hemmschwelle ist kleiner, sich online einzubringen», sagt Amanda Sauter, die für das Kommuni­kationsdesign verantwortlich ist. Zu­dem wohne man vielleicht in einer an­deren Gemeinde, als man arbeite, und sei deshalb an mehreren Gemeinden interessiert. Gleichgesinnte zusammenbringen
«Wir möchten die Leute online abholen, damit sie sich auch im realen Leben treffen», sagt Nicolas Hebting, der sich um Marketing und Medien kümmert. Gleichgesinnte können sich etwa zu ei­nem Ouartierfest verabreden. Vereine können über bevorstehende Veranstal­tungen informieren.
Die Texte müssen keinem journalisti­schen Anspruch genügen. Sie dürfen allerdings nicht unter die Gürtellinie gehen und werden daher von den Initi­anten und den involvierten Behörden moderiert. Dereinst sollen die User selbst für eine angemessene Diskus­sionskultur sorgen. Erfahren, was das Dorf bewegt
2324.ch sieht sich als Ergänzung zu den bestehenden Gemeindewebsites, die vor allem Fakten liefern. «Bei uns findet das Leben statt», sagt Hebting. Ziel sei eine Kommunikation in beide Richtun­gen: «Die Behörden sollen bei uns er­fahren, was der Bevölkerung unter den Nägeln brennt.»
Die drei Jungunternehmer, die sich aus der Kantonsschule und über gemein­same Bekannte kennen, treiben ihr Pro­jekt vom Impact Hub Zürich aus voran. Im alten Fabrikgebäude am Sihlquai wählen sie sich jeden Tag aufs Neue einen Tisch, an dem sie ihre Laptops in Betrieb nehmen. Sie tauschen sich im Cafe im Erdgeschoss oder beim «sexy salad», dem wöchentlichen gemeinsa­men Mittagessen mit anderen Start-up­Gründern aus. Die Atmosphäre sei sehr inspirierend, sagen sie. Manchmal drehten sich die Gespräche aber auch um ganz praktische Dinge wie etwa So­zialabgaben. Wettbewerb brachte Projekt voran Der Arbeitsplatz ist Teil der «ICT-4Good-Fellowship», welche die 2324. eh-Macher im Dezember 2015 gewon­nen haben. Der Preis, für den es über 35 Bewerbungen gab, beinhaltete zu­dem eine Anschubfinanzierung von 28000 Franken und ein Coaching. «Der Wettbewerb hat uns enorm gepusht», sagtAmanda Sauter, welche mit 26 Jah­ren die Jüngste im Trio ist.
Seit April 2016 ist Winterthur als Pilot­gemeinde online. Neben den Behörden machen in erster Linie Vereine und Kul­turinstitutionen von der Plattform Ge­brauch. Die Nutzerzahlen schwanken stark, sie bewegen sich im tiefen drei­stelligen Bereich. Die drei Firmengrün­der sind damit zufrieden. Noch haben sie für ihr Baby auch kaum Werbung gemacht. «Wir haben einiges ange­passt», sagt Amanda Sauter. Die User wollen sich beispielsweise intuitiv zu­rechtfinden. Sie klicken sich durch die Website, ohne Erläuterungen zu lesen. Darauf haben die 2324.ch-Macher re­agiert. Um die Übersicht zu verbessern, haben sie Sparten wie «Sport», «Kul­tur» sowie «Umwelt & Technik» ge­schaffen. Benutzer können sich ausser­dem aus den Kanälen der Vereine einen E-Mail-Newsletter zusammenstellen. «Wir wollen die Stärken eines Online­mediums ausschöpfen», sagt Nicolas Hebting. Die Plattform lässt sich etwa nach bestimmten Begriffen durchfors­ten. Sie ist sowohl für den Gebrauch via Computer als auch via Smartphone konzipiert. «Der Trend ist klar: Viele le­sen nur noch übers Handy und nur noch online», sagt Bieg. «Gerade die Jun­gen». Kaum Aufwand für Stadtverwaltung «Die innovative Idee hat uns gefallen», sagt Andreas Friolet, stellvertretender Kommunikationschef der Stadt Win­terthur. Die Initianten hätten ihr Projekt gut aufgegleist, eine finanzielle Unter­stützung sei aber nie ein Thema gewe­sen. Der Aufwand für die Verwaltung ist gering. Die Mitteilungen, die sie auf ihre Website stellt, werden automatisch übernommen. Sie müsste sich einzig um die Reaktionen der User kümmern. Auf dem Kanal der Stadt sind solche bislang allerdings ausgeblieben. «Wir sind am Dialog mit der Bevölkerung durchaus interessiert», sagt Friolet. Die politischen Mitteilungen eigneten sich aber offenbar nicht unbedingt als Dis­kussionsgrundlage. «Wir sind gespannt, wie es in einer klei­neren Gemeinde läuft», sagt Mauro Bieg. Die Bewohner engagierten sich vielleicht stärker, da weniger laufe. In kleinen Dörfern gebe es jedenfalls oft ein sehr aktives Vereinsleben. So bei­spielsweise in Sargans (SG). Die Ge­meinde war auf der Suche nach einem Veranstaltungskalender, der das Ver­einsleben online abbilden sollte. «Wir wollen einen Kalender, der alle Veran­staltungen in der Gemeinde übersicht­lich und ansprechend darstellt», sagt Gemeinderat Roland Wermelinger. «Wir haben einen Partner gesucht, um den Veranstaltungskalender umzuset­zen, und haben mit 2324.ch einen gan­zen Onlinedorfplatz erhalten.» Einnahmen durch Abos
Die drei Jungunternehmer verrechnen den Gemeinden ein jährliches Abonne­ment, welches die Wartung und regel­mässige Updates beinhaltet. Sie kön­nen sich zudem vorstellen, dereinst das lokale Gewerbe einzubeziehen und Werbung zu verkaufen. «Wir wollen nicht reich werden», betont Nicolas Hebting. «Es ist der Idealismus, der uns antreibt», so der 32-Jährige. Zurzeit le­ben die drei bescheiden und zahlen sich einen geringen Lohn aus. Sie wollen ihren Kundenkreis Schritt für Schritt erweitern und bis Ende 2017 mindes­tens zehn Gemeinden aufgeschaltet haben. «So können wir die Plattform stetig weiterentwickeln», sagt Hebting.

Gericht erkennt keine echte Reue

Urteil Ihre Flucht im Februar 2016 war filmreif: Nun ist Angela Magdici, die einen syrischen Gefängnisinsassen befreite, zu einer bedingten Haftstrafe von 15 Monaten verurteilt worden.

In einem roten Mantel geht Angela Magdici über den Bahnhofplatz Dietikons. Vor, neben und hinter ihr hetzen Medienschaffende dem bestenBild oderZitat nach.Passanten fragen sich,wen sie gerade vor sich haben. Seit derNacht auf den9. Februar 2016 ist die ehemalige Aufseherin des Gefängnisses Limmattal schweizweit, wenn nicht europaweit bekannt. Aus Liebe öffnete sie damals die Zellentür 202A und trat mit Hassan Kiko, einem verurteilten Sexualstraftäter,dieFlucht an.Mit einemgeleasten BMW X1 setzten sich die beiden nach Italien ab. Trotz Grossfahndung gelang es ihnen, eineinhalb Monate unterzutauchen, bis sie am 25.März in einer Nacht-und-Nebel-Aktion in Romano di Lombardia verhaftet wurden. Nun muss sich die 33-Jährige wegen Entweichenlassens eines Gefangenen und Begünstigung vor Gericht verantworten.

Aussage teilweise verweigert

Zum Ablauf der Flucht äussert sich Magdici nicht. Zu ihrer Person antwortet sie knapp und mit fester Stimme; sie wirkt präsent, manchmal fast trotzig. Auf die Frage, seit wann sie Kiko liebe, sagt die sportliche Frau:«Ein genauesDatum kann ich nicht nennen.» Sie habe ihn zuerst als Menschen wahrgenommen, sie habe ihn lieb gewonnen – «und dann war es Liebe». Ihr Freund sei nicht so, wie er in denMedien abgestempelt werde, sagt sie. Die ehemalige Wächterin äussert Bedauern. Ihre Flucht sei ein Fehler gewesen. Sie habe mit ihrem Geliebten zusammen sein wollen. Im Endeffekt habe derAusbruch aber nichts gebracht – «ausser dass ich jetzt hier sitze». Die Beschuldigte habe sich als Richterin aufgespielt, sagt die Vertreterin der Staatsanwaltschaft Limmattal/Albis. Kiko habe sich nicht wegen Bagatelldelikten in Haft befunden. Ihn zu befreien, habe die Sicherheit der Gesellschaft daher erheblich gefährdet. Magdici habe aus rein egoistischen Gründen gehandelt. Die Staatsanwältin beantragt eine Freiheitsstrafe von 27 Monaten, wovon 7 zu vollziehen seien. Sie sagt, Magdici sei keine naive Jugendliche, sondern eine Frau Anfang dreissig, die bereits eineEhe geführt habe. Mit der Tat habe sie dieOpferdesHäftlings verhöhnt. Dies sei sicher nie ihreAbsicht gewesen, entgegnet der Pflichtverteidiger. Seine Mandantin wisse, dass sie einen Fehler gemacht habe, und wolle dafür geradestehen. Die Tat werde sie ein Leben lang verfolgen. In den Medien habe eine Hetzjagd stattgefunden, auf Facebook werde sie übel beschimpft und auf der Strasse erkannt.«Man zeigt mit dem Finger auf sie.» Die Flucht sei nicht von langer Hand geplant gewesen – eine Strategie habe gefehlt. Der Anwalt spricht von einer «Kurzschlussreaktion aus Liebe».Magdici sei von der Unschuld des Gefangenen überzeugt gewesen und habe sich als rettende Person gesehen. Dem Vergehen sei eine bedingte Freiheitsstrafe von 6 Monaten angemessen. Magdici zeigt in ihremSchlusswortEmotionen. Sie entschuldigt sich mit brüchiger Stimme und Tränen in den Augen bei ihrer Familie und bei allen, die sie gern haben.

«Bedenklicher Akt der Selbstjustiz»

Fünf Stunden später eröffnet das Gericht das Urteil. Magdici hat dieHände auf dem Tisch aufeinandergelegt, siewirkt gefasst. Sie erhält eine Freiheitsstrafe von 15 Monaten. Diese wird allerdings bedingt vollzogen. Lässt sich die Verurteilte in den nächsten zwei Jahren nichts zu Schulden kommen, muss sie nicht ins Gefängnis. Der vorsitzende Richter spricht voneinem«bedenklichen Akt der Selbstjustiz».Magdici sei davon ausgegangen, dassKiko zu Unrecht verurteiltwordenwar.Er habe jedoch gravierende Delikte verübt. Ihre Tat zeuge von einer Geringschätzung der staatlichen Instanzen und habe die Sicherheit derÖffentlichkeit gefährdet. Der Vorsitzende gibt zu bedenken, dass sie sich auch selbst mit Videos zu Wort gemeldet habe. Er sagt, er könne wenig echteReue bei ihr erkennen.«Sie bereutnichtihreTat, sonderndas Misslingen.»

PERSÖNLICHKEITSTEST

Die Eignung eines Bewerbers ausleuchten

Menschen, die in sicherheits­relevanten Berufen arbeiten wollen, werden auch auf ihre psy­chologische Tauglichkeit getestet – unter anderem am Zentrum für Diagnostik, Verkehrs- und Sicher­heitspsychologie der ZHAW.

Zwölf Menschen starben, 85 wurden verletzt. Das Zugunglück bei Bad Aibling (D) am g. Februar 2016 löste viel Leid aus. Kurz vor sieben krach­ten zwei Personenzüge frontal in­einander. Der Zugverkehrsleiter hat­te die eingleisige Strecke für beide freigegeben und darauf eine falsche Notruftaste betätigt. Er hatte seinen Kopf nicht bei der Sache, weil er sich gerade mit einem Handyspiel be­schäftigte. Die Staatsanwaltschaft spricht von einer groben Pflichtver­letzung. Verschiedene Zugänge
Wer in seinem Beruf grosse Verant­wortung trägt für die Sicherheit vie­ler Menschen und ein Fehler gros­sen Schaden anrichten kann, darf sich keine Aussetzer leisten. Zug­verkehrsleiter, Lokomotivführer, Piloten und Tramchauffeure, aber auch Polizisten, Rettungssanitäter sowie Mitarbeiter von Kernkraft­werken werden entsprechend sorg­fältig rekrutiert. Sie werden nicht nur auf ihre fachliche und medi­zinische Eignung, sondern auch auf ihre psychologische Tauglich­keit getestet. «Wir konfrontieren sie mit Entscheidungssituationen und erfahren so viel über ihre Ein­stellungen und ihr Risikoverhal­ten», sagt Simon Carl Hardegger, der am IAP Institut für Angewandte Psychologie das Zentrum für Dia­gnostik, Verkehrs- und Sicherheitspsychologie leitet und derartige Un­tersuchungen durchführt. Zugverkehrsleiter durchlaufen standardmässig ein Assessment; der Bund schreibt dies vor. Sie müs­sen nicht nur eine gute Merk- und Wahrnehmungsfähigkeit mitbrin­gen, sondern auch besonders be­lastbar, emotional stabil und risi­kosensibel sein. Sie müssen den in­neren Antrieb haben, stets eine gute Leistung zu erbringen, und bereit sein, Missstände anzusprechen. Sie müssen zudem die Fähigkeit be­sitzen, mit Schwierigkeiten posi­tiv umzugehen, und dürfen sich selbst nicht überschätzen. Darüber hinaus müssen sie gut kommunizie­ren können. «Eine klare und sichere Verständigung kann im Notfall ent­scheidend sein», sagt Hardegger. Sein Team hat für potenzielle Zug­verkehrsleiter daher eine spezielle Kommunikationsübung entwickelt. Die IAP-Assessoren führen mit den Anwärterinnen und Anwärtern zu­dem ein strukturiertes Interview durch und lassen sie vier Stunden am Computer Tests absolvieren. Sie verschaffen sich so ein Bild von de­ren Persönlichkeit. Welche Schlüs­se sie daraus ziehen, halten sie ab­schliessend in einem Bericht fest. Anspruchsvoll, aber lösbar
Mit welchen Fragen und Aufgaben sie die Bewerber konkret konfron­tieren, verrät Hardegger nicht. Für den jeweiligen Kunden wird ein massgeschneidertes Verfahren zu­sammengestellt. «Wir identifizie­ren Auffälligkeiten», sagt der Zen­trumsleiter. «Lassen sich Schwä­chen nicht mit Stärken relativieren, steht die Eignung ernsthaft in Fra­ge.» Zuweilen gehe weit auseinan­der, wie jemand im persönlichen Gespräch wirke, und wie er die Rollenspiele und den schriftlichen Teil meistere. «Wir sind manch­mal überrascht», sagt Hardegger. Die Assessoren bemühen sich um eine angenehme Atmosphäre: Die Probanden sollen sich wohl­fühlen, damit sie ihre Fähigkei­ten zeigen und auf heikle Themen angesprochen werden können. Sie werden nicht unter Druck ge­setzt und erhalten Aufgaben, die anspruchsvoll, aber lösbar sind. Schummeln ist nicht möglich
«Die Tests ergeben kein mathe­matisches Resultat», sagt Patrick Boss, stellvertretender Leiter des Zentrums und Präsident des Ver­bandes Swiss Assessment. Es brau­che Expertenwissen, um sie zu in­terpretieren; jeder Einzelfall müsse bis ins Detail ausgeleuchtet werden. Ob sich jemand für eine Stelle eigne oder nicht, kristallisiere sich in der Regel klar heraus. Die Resultate in Leistungstests zu manipulieren, sei nicht möglich. Im Interview könne sich jemand zwar positiver darstel­len, das breite Verfahren liefere je­doch eine Fülle von Hinweisen da­rauf, wie jemand wirklich sei. Kom­plexe Assessments werden zudem stets von zwei Beratern durchge­führt. Ein dritter überprüft die ab­schliessende Analyse. «Zeigt jemand ein Risikoverhal­ten, heisst das nicht per se, dass er im Job einen Fehler machen wird», sagt Hardegger. Das Risikoverhal­ten könne sich auf die Freizeit be­schränken. Dies gelte es bei der Ge­samtbeurteilung zu berücksichti­gen. Im Zweifelsfall entscheide man sich gegen den Kandidaten: «In si­cherheitsrelevanten Berufen kann sich ein Mitarbeiter keinen schlech­ten Tag erlauben.» Auch Busfahrer und Kapitäne Von den potenziellen Zugverkehrs­leitern schaffen es rund ein Drittel nicht, in etwa gleich viele sind es bei den Lokomotivführern. «Die­se Durchfallquoten sind hoch», sagt Simon Carl Hardegger, «immerhin werden die Bewerber be­reits selektioniert, bevor sie zu uns kommen.» Problematisch findet er, dass längst nicht alle Berufslen­kenden von Gesetzes wegen psy­chologisch getestet werden müs­sen. Dazu zählen unter anderen Busfahrer, Helikopterpiloten und Schiffskapitäne. «Das ist aus Sicher­heitsüberlegungen nicht gut», sagt der Psychologe und verweist auf die hohe Verantwortung, welche diese Berufsleute täglich tragen. Kommt hinzu, dass Assessments nur eine Momentaufnahme dar­stellen. Je nach Lebenssituation kann sich eine Person ändern, leis­tungsmässig abfallen und zur po­tenziellen Gefahr werden. Stellt dies ein Arbeitgeber fest, kann er die Be­rater des IAP hinzuziehen. Sie über­prüfen in solchen Fällen, ob jemand seiner Funktion noch gewachsen ist. Oft werden sie jedoch erst geru­fen, wenn ein Unfall geschehen ist. Wie integer sind Manager? Nicht nur im Verkehr können Fehler drastische Folgen haben. Bei Banken und Versicherungen können einzel­ne Mitarbeiter hohe Verluste und grosse Imageschäden anrichten. Um die ethischen und moralischen Kompetenzen von Managern zu überprüfen, hat das Zentrum für Diagnostik, Verkehrs- und Sicher­heitspsychologie spezifische Eig­nungstests entwickelt. Die Nachfra­ge ist-trotz der Skandale der letzten Jahre -indes gering. «Die Unterneh­men überrennen uns nicht», sagt Boss. Die Firmen schauten sich zwar die fachliche Eignung und die Be­lastbarkeit potenzieller Führungs­kräfte an, deren Integrität überprüf­ten sie jedoch kaum spezifisch. Mit den neuen Testverfahren lassen sich Tendenzen zu kontra­produktivem Mitarbeiterverhal­ten identifizieren. Ob jemand letzt­lich effektiv dazu neigt, zu betrü­gen, lässt sich aber nicht so einfach vorhersagen. «Dass jemand Risiken sucht, muss nicht heissen, dass er sich über Richtlinien hinwegsetzt», sagt Hardegger. Verhängnisvolle Fehler – sei es im Verkehr oder in der Finanzbranche – führen meis­tens dazu, dass die betrieblichen Abläufe überprüft und die Kontrol­len verstärkt werden. Beim Men­schen setzten die Unternehmen zu­letzt an, kritisiert Hardegger. «Dabei reduziert eine sorgfältige Selektion das Risiko, dass etwas Verhängnis­volles passiert.»

Partizipation: Digital

Februar 2017

Ein Dorfplatz in Digitalversion

Quartiere sollen näher zusammenrücken, Bürgerinnen und Bürger ihre Anliegen an die Behörden online formulieren: Mauro Bieg, Amanda Sauter und Nicolas Hebting wollen mit ihrer Newsplattform 2324.ch…

Ein Dorfplatz in Digitalversion

Quartiere sollen näher zusammenrücken, Bürgerinnen und Bürger ihre Anliegen an die Behörden online formulieren: Mauro Bieg, Amanda Sauter und Nicolas Hebting wollen mit ihrer Newsplatt­form 2324.ch den Dialog in den Gemeinden fördern. Winterthur und Sargans machen mit.

Der Name ist Programm: 2324.ch richtet sich an alle Schweizer Gemeinden. Be­hörden, Bevölkerung und Vereine sol­len die Plattform nutzen, um politische Geschäfte, Anliegen und Aktivitäten online zu thematisieren. «Es ist eine Kombination aus lokaler Onlinezeitung und sozialem Netzwerk», sagt Gründer Mauro Bieg. Natürlich verändere sich die Anzahl Gemeinden, als Symbol je­doch bleibe der Name bestehen. Denn: 2324 Gemeinden gab es, als das Portal lanciert wurde, inzwischen sind es noch 2255. Dem Informatiker kam die Idee eines digitalen Dorfplatzes als Teen­ager, als im Nachbardorf alte Fabrikhal­len abgerissen wurden. «Man hätte sie für Wohnungen oder Kultur umnutzen können», sagt der 28-Jährige. «Eine breite Diskussion in der Bevölkerung fand aber nicht statt.» Alternative zum Leserbrief
2324.ch soll in solchen Situationen ei­nen informellen Austausch ermögli­chen. Die Plattform soll eine Alternative zu Leserbrief und Gemeindeversamm­lung bieten. «Die Hemmschwelle ist kleiner, sich online einzubringen», sagt Amanda Sauter, die für das Kommuni­kationsdesign verantwortlich ist. Zu­dem wohne man vielleicht in einer an­deren Gemeinde, als man arbeite, und sei deshalb an mehreren Gemeinden interessiert. Gleichgesinnte zusammenbringen
«Wir möchten die Leute online abholen, damit sie sich auch im realen Leben treffen», sagt Nicolas Hebting, der sich um Marketing und Medien kümmert. Gleichgesinnte können sich etwa zu ei­nem Ouartierfest verabreden. Vereine können über bevorstehende Veranstal­tungen informieren.
Die Texte müssen keinem journalisti­schen Anspruch genügen. Sie dürfen allerdings nicht unter die Gürtellinie gehen und werden daher von den Initi­anten und den involvierten Behörden moderiert. Dereinst sollen die User selbst für eine angemessene Diskus­sionskultur sorgen. Erfahren, was das Dorf bewegt
2324.ch sieht sich als Ergänzung zu den bestehenden Gemeindewebsites, die vor allem Fakten liefern. «Bei uns findet das Leben statt», sagt Hebting. Ziel sei eine Kommunikation in beide Richtun­gen: «Die Behörden sollen bei uns er­fahren, was der Bevölkerung unter den Nägeln brennt.»
Die drei Jungunternehmer, die sich aus der Kantonsschule und über gemein­same Bekannte kennen, treiben ihr Pro­jekt vom Impact Hub Zürich aus voran. Im alten Fabrikgebäude am Sihlquai wählen sie sich jeden Tag aufs Neue einen Tisch, an dem sie ihre Laptops in Betrieb nehmen. Sie tauschen sich im Cafe im Erdgeschoss oder beim «sexy salad», dem wöchentlichen gemeinsa­men Mittagessen mit anderen Start-up­Gründern aus. Die Atmosphäre sei sehr inspirierend, sagen sie. Manchmal drehten sich die Gespräche aber auch um ganz praktische Dinge wie etwa So­zialabgaben. Wettbewerb brachte Projekt voran Der Arbeitsplatz ist Teil der «ICT-4Good-Fellowship», welche die 2324. eh-Macher im Dezember 2015 gewon­nen haben. Der Preis, für den es über 35 Bewerbungen gab, beinhaltete zu­dem eine Anschubfinanzierung von 28000 Franken und ein Coaching. «Der Wettbewerb hat uns enorm gepusht», sagtAmanda Sauter, welche mit 26 Jah­ren die Jüngste im Trio ist.
Seit April 2016 ist Winterthur als Pilot­gemeinde online. Neben den Behörden machen in erster Linie Vereine und Kul­turinstitutionen von der Plattform Ge­brauch. Die Nutzerzahlen schwanken stark, sie bewegen sich im tiefen drei­stelligen Bereich. Die drei Firmengrün­der sind damit zufrieden. Noch haben sie für ihr Baby auch kaum Werbung gemacht. «Wir haben einiges ange­passt», sagt Amanda Sauter. Die User wollen sich beispielsweise intuitiv zu­rechtfinden. Sie klicken sich durch die Website, ohne Erläuterungen zu lesen. Darauf haben die 2324.ch-Macher re­agiert. Um die Übersicht zu verbessern, haben sie Sparten wie «Sport», «Kul­tur» sowie «Umwelt & Technik» ge­schaffen. Benutzer können sich ausser­dem aus den Kanälen der Vereine einen E-Mail-Newsletter zusammenstellen. «Wir wollen die Stärken eines Online­mediums ausschöpfen», sagt Nicolas Hebting. Die Plattform lässt sich etwa nach bestimmten Begriffen durchfors­ten. Sie ist sowohl für den Gebrauch via Computer als auch via Smartphone konzipiert. «Der Trend ist klar: Viele le­sen nur noch übers Handy und nur noch online», sagt Bieg. «Gerade die Jun­gen». Kaum Aufwand für Stadtverwaltung «Die innovative Idee hat uns gefallen», sagt Andreas Friolet, stellvertretender Kommunikationschef der Stadt Win­terthur. Die Initianten hätten ihr Projekt gut aufgegleist, eine finanzielle Unter­stützung sei aber nie ein Thema gewe­sen. Der Aufwand für die Verwaltung ist gering. Die Mitteilungen, die sie auf ihre Website stellt, werden automatisch übernommen. Sie müsste sich einzig um die Reaktionen der User kümmern. Auf dem Kanal der Stadt sind solche bislang allerdings ausgeblieben. «Wir sind am Dialog mit der Bevölkerung durchaus interessiert», sagt Friolet. Die politischen Mitteilungen eigneten sich aber offenbar nicht unbedingt als Dis­kussionsgrundlage. «Wir sind gespannt, wie es in einer klei­neren Gemeinde läuft», sagt Mauro Bieg. Die Bewohner engagierten sich vielleicht stärker, da weniger laufe. In kleinen Dörfern gebe es jedenfalls oft ein sehr aktives Vereinsleben. So bei­spielsweise in Sargans (SG). Die Ge­meinde war auf der Suche nach einem Veranstaltungskalender, der das Ver­einsleben online abbilden sollte. «Wir wollen einen Kalender, der alle Veran­staltungen in der Gemeinde übersicht­lich und ansprechend darstellt», sagt Gemeinderat Roland Wermelinger. «Wir haben einen Partner gesucht, um den Veranstaltungskalender umzuset­zen, und haben mit 2324.ch einen gan­zen Onlinedorfplatz erhalten.» Einnahmen durch Abos
Die drei Jungunternehmer verrechnen den Gemeinden ein jährliches Abonne­ment, welches die Wartung und regel­mässige Updates beinhaltet. Sie kön­nen sich zudem vorstellen, dereinst das lokale Gewerbe einzubeziehen und Werbung zu verkaufen. «Wir wollen nicht reich werden», betont Nicolas Hebting. «Es ist der Idealismus, der uns antreibt», so der 32-Jährige. Zurzeit le­ben die drei bescheiden und zahlen sich einen geringen Lohn aus. Sie wollen ihren Kundenkreis Schritt für Schritt erweitern und bis Ende 2017 mindes­tens zehn Gemeinden aufgeschaltet haben. «So können wir die Plattform stetig weiterentwickeln», sagt Hebting.

Schauplatz

Mittwoch 25. Januar 2017

Gericht erkennt keine echte Reue

Urteil Ihre Flucht im Februar 2016 war filmreif: Nun ist Angela Magdici, die einen syrischen Gefängnisinsassen befreite zu einer bedingten Haftstrafe von 15 Monaten verurteilt worden…

Gericht erkennt keine echte Reue

Urteil Ihre Flucht im Februar 2016 war filmreif: Nun ist Angela Magdici, die einen syrischen Gefängnisinsassen befreite, zu einer bedingten Haftstrafe von 15 Monaten verurteilt worden.

In einem roten Mantel geht Angela Magdici über den Bahnhofplatz Dietikons. Vor, neben und hinter ihr hetzen Medienschaffende dem bestenBild oderZitat nach.Passanten fragen sich,wen sie gerade vor sich haben. Seit derNacht auf den9. Februar 2016 ist die ehemalige Aufseherin des Gefängnisses Limmattal schweizweit, wenn nicht europaweit bekannt. Aus Liebe öffnete sie damals die Zellentür 202A und trat mit Hassan Kiko, einem verurteilten Sexualstraftäter,dieFlucht an.Mit einemgeleasten BMW X1 setzten sich die beiden nach Italien ab. Trotz Grossfahndung gelang es ihnen, eineinhalb Monate unterzutauchen, bis sie am 25.März in einer Nacht-und-Nebel-Aktion in Romano di Lombardia verhaftet wurden. Nun muss sich die 33-Jährige wegen Entweichenlassens eines Gefangenen und Begünstigung vor Gericht verantworten.

Aussage teilweise verweigert

Zum Ablauf der Flucht äussert sich Magdici nicht. Zu ihrer Person antwortet sie knapp und mit fester Stimme; sie wirkt präsent, manchmal fast trotzig. Auf die Frage, seit wann sie Kiko liebe, sagt die sportliche Frau:«Ein genauesDatum kann ich nicht nennen.» Sie habe ihn zuerst als Menschen wahrgenommen, sie habe ihn lieb gewonnen – «und dann war es Liebe». Ihr Freund sei nicht so, wie er in denMedien abgestempelt werde, sagt sie. Die ehemalige Wächterin äussert Bedauern. Ihre Flucht sei ein Fehler gewesen. Sie habe mit ihrem Geliebten zusammen sein wollen. Im Endeffekt habe derAusbruch aber nichts gebracht – «ausser dass ich jetzt hier sitze». Die Beschuldigte habe sich als Richterin aufgespielt, sagt die Vertreterin der Staatsanwaltschaft Limmattal/Albis. Kiko habe sich nicht wegen Bagatelldelikten in Haft befunden. Ihn zu befreien, habe die Sicherheit der Gesellschaft daher erheblich gefährdet. Magdici habe aus rein egoistischen Gründen gehandelt. Die Staatsanwältin beantragt eine Freiheitsstrafe von 27 Monaten, wovon 7 zu vollziehen seien. Sie sagt, Magdici sei keine naive Jugendliche, sondern eine Frau Anfang dreissig, die bereits eineEhe geführt habe. Mit der Tat habe sie dieOpferdesHäftlings verhöhnt. Dies sei sicher nie ihreAbsicht gewesen, entgegnet der Pflichtverteidiger. Seine Mandantin wisse, dass sie einen Fehler gemacht habe, und wolle dafür geradestehen. Die Tat werde sie ein Leben lang verfolgen. In den Medien habe eine Hetzjagd stattgefunden, auf Facebook werde sie übel beschimpft und auf der Strasse erkannt.«Man zeigt mit dem Finger auf sie.» Die Flucht sei nicht von langer Hand geplant gewesen – eine Strategie habe gefehlt. Der Anwalt spricht von einer «Kurzschlussreaktion aus Liebe».Magdici sei von der Unschuld des Gefangenen überzeugt gewesen und habe sich als rettende Person gesehen. Dem Vergehen sei eine bedingte Freiheitsstrafe von 6 Monaten angemessen. Magdici zeigt in ihremSchlusswortEmotionen. Sie entschuldigt sich mit brüchiger Stimme und Tränen in den Augen bei ihrer Familie und bei allen, die sie gern haben.

«Bedenklicher Akt der Selbstjustiz»

Fünf Stunden später eröffnet das Gericht das Urteil. Magdici hat dieHände auf dem Tisch aufeinandergelegt, siewirkt gefasst. Sie erhält eine Freiheitsstrafe von 15 Monaten. Diese wird allerdings bedingt vollzogen. Lässt sich die Verurteilte in den nächsten zwei Jahren nichts zu Schulden kommen, muss sie nicht ins Gefängnis. Der vorsitzende Richter spricht voneinem«bedenklichen Akt der Selbstjustiz».Magdici sei davon ausgegangen, dassKiko zu Unrecht verurteiltwordenwar.Er habe jedoch gravierende Delikte verübt. Ihre Tat zeuge von einer Geringschätzung der staatlichen Instanzen und habe die Sicherheit derÖffentlichkeit gefährdet. Der Vorsitzende gibt zu bedenken, dass sie sich auch selbst mit Videos zu Wort gemeldet habe. Er sagt, er könne wenig echteReue bei ihr erkennen.«Sie bereutnichtihreTat, sonderndas Misslingen.»

Impact

Dezember 2016

Persönlichkeitstest

Menschen, die in sicherheitsrelevanten Berufen arbeiten wollen, werden auch auf ihre psychologische Tauglichkeit getestet – unter anderem am Zentrum für Diagnostik, Verkehrs- und Sicherheitspsychologie…

PERSÖNLICHKEITSTEST

Die Eignung eines Bewerbers ausleuchten

Menschen, die in sicherheits­relevanten Berufen arbeiten wollen, werden auch auf ihre psy­chologische Tauglichkeit getestet – unter anderem am Zentrum für Diagnostik, Verkehrs- und Sicher­heitspsychologie der ZHAW.

Zwölf Menschen starben, 85 wurden verletzt. Das Zugunglück bei Bad Aibling (D) am g. Februar 2016 löste viel Leid aus. Kurz vor sieben krach­ten zwei Personenzüge frontal in­einander. Der Zugverkehrsleiter hat­te die eingleisige Strecke für beide freigegeben und darauf eine falsche Notruftaste betätigt. Er hatte seinen Kopf nicht bei der Sache, weil er sich gerade mit einem Handyspiel be­schäftigte. Die Staatsanwaltschaft spricht von einer groben Pflichtver­letzung. Verschiedene Zugänge
Wer in seinem Beruf grosse Verant­wortung trägt für die Sicherheit vie­ler Menschen und ein Fehler gros­sen Schaden anrichten kann, darf sich keine Aussetzer leisten. Zug­verkehrsleiter, Lokomotivführer, Piloten und Tramchauffeure, aber auch Polizisten, Rettungssanitäter sowie Mitarbeiter von Kernkraft­werken werden entsprechend sorg­fältig rekrutiert. Sie werden nicht nur auf ihre fachliche und medi­zinische Eignung, sondern auch auf ihre psychologische Tauglich­keit getestet. «Wir konfrontieren sie mit Entscheidungssituationen und erfahren so viel über ihre Ein­stellungen und ihr Risikoverhal­ten», sagt Simon Carl Hardegger, der am IAP Institut für Angewandte Psychologie das Zentrum für Dia­gnostik, Verkehrs- und Sicherheitspsychologie leitet und derartige Un­tersuchungen durchführt. Zugverkehrsleiter durchlaufen standardmässig ein Assessment; der Bund schreibt dies vor. Sie müs­sen nicht nur eine gute Merk- und Wahrnehmungsfähigkeit mitbrin­gen, sondern auch besonders be­lastbar, emotional stabil und risi­kosensibel sein. Sie müssen den in­neren Antrieb haben, stets eine gute Leistung zu erbringen, und bereit sein, Missstände anzusprechen. Sie müssen zudem die Fähigkeit be­sitzen, mit Schwierigkeiten posi­tiv umzugehen, und dürfen sich selbst nicht überschätzen. Darüber hinaus müssen sie gut kommunizie­ren können. «Eine klare und sichere Verständigung kann im Notfall ent­scheidend sein», sagt Hardegger. Sein Team hat für potenzielle Zug­verkehrsleiter daher eine spezielle Kommunikationsübung entwickelt. Die IAP-Assessoren führen mit den Anwärterinnen und Anwärtern zu­dem ein strukturiertes Interview durch und lassen sie vier Stunden am Computer Tests absolvieren. Sie verschaffen sich so ein Bild von de­ren Persönlichkeit. Welche Schlüs­se sie daraus ziehen, halten sie ab­schliessend in einem Bericht fest. Anspruchsvoll, aber lösbar
Mit welchen Fragen und Aufgaben sie die Bewerber konkret konfron­tieren, verrät Hardegger nicht. Für den jeweiligen Kunden wird ein massgeschneidertes Verfahren zu­sammengestellt. «Wir identifizie­ren Auffälligkeiten», sagt der Zen­trumsleiter. «Lassen sich Schwä­chen nicht mit Stärken relativieren, steht die Eignung ernsthaft in Fra­ge.» Zuweilen gehe weit auseinan­der, wie jemand im persönlichen Gespräch wirke, und wie er die Rollenspiele und den schriftlichen Teil meistere. «Wir sind manch­mal überrascht», sagt Hardegger. Die Assessoren bemühen sich um eine angenehme Atmosphäre: Die Probanden sollen sich wohl­fühlen, damit sie ihre Fähigkei­ten zeigen und auf heikle Themen angesprochen werden können. Sie werden nicht unter Druck ge­setzt und erhalten Aufgaben, die anspruchsvoll, aber lösbar sind. Schummeln ist nicht möglich
«Die Tests ergeben kein mathe­matisches Resultat», sagt Patrick Boss, stellvertretender Leiter des Zentrums und Präsident des Ver­bandes Swiss Assessment. Es brau­che Expertenwissen, um sie zu in­terpretieren; jeder Einzelfall müsse bis ins Detail ausgeleuchtet werden. Ob sich jemand für eine Stelle eigne oder nicht, kristallisiere sich in der Regel klar heraus. Die Resultate in Leistungstests zu manipulieren, sei nicht möglich. Im Interview könne sich jemand zwar positiver darstel­len, das breite Verfahren liefere je­doch eine Fülle von Hinweisen da­rauf, wie jemand wirklich sei. Kom­plexe Assessments werden zudem stets von zwei Beratern durchge­führt. Ein dritter überprüft die ab­schliessende Analyse. «Zeigt jemand ein Risikoverhal­ten, heisst das nicht per se, dass er im Job einen Fehler machen wird», sagt Hardegger. Das Risikoverhal­ten könne sich auf die Freizeit be­schränken. Dies gelte es bei der Ge­samtbeurteilung zu berücksichti­gen. Im Zweifelsfall entscheide man sich gegen den Kandidaten: «In si­cherheitsrelevanten Berufen kann sich ein Mitarbeiter keinen schlech­ten Tag erlauben.» Auch Busfahrer und Kapitäne Von den potenziellen Zugverkehrs­leitern schaffen es rund ein Drittel nicht, in etwa gleich viele sind es bei den Lokomotivführern. «Die­se Durchfallquoten sind hoch», sagt Simon Carl Hardegger, «immerhin werden die Bewerber be­reits selektioniert, bevor sie zu uns kommen.» Problematisch findet er, dass längst nicht alle Berufslen­kenden von Gesetzes wegen psy­chologisch getestet werden müs­sen. Dazu zählen unter anderen Busfahrer, Helikopterpiloten und Schiffskapitäne. «Das ist aus Sicher­heitsüberlegungen nicht gut», sagt der Psychologe und verweist auf die hohe Verantwortung, welche diese Berufsleute täglich tragen. Kommt hinzu, dass Assessments nur eine Momentaufnahme dar­stellen. Je nach Lebenssituation kann sich eine Person ändern, leis­tungsmässig abfallen und zur po­tenziellen Gefahr werden. Stellt dies ein Arbeitgeber fest, kann er die Be­rater des IAP hinzuziehen. Sie über­prüfen in solchen Fällen, ob jemand seiner Funktion noch gewachsen ist. Oft werden sie jedoch erst geru­fen, wenn ein Unfall geschehen ist. Wie integer sind Manager? Nicht nur im Verkehr können Fehler drastische Folgen haben. Bei Banken und Versicherungen können einzel­ne Mitarbeiter hohe Verluste und grosse Imageschäden anrichten. Um die ethischen und moralischen Kompetenzen von Managern zu überprüfen, hat das Zentrum für Diagnostik, Verkehrs- und Sicher­heitspsychologie spezifische Eig­nungstests entwickelt. Die Nachfra­ge ist-trotz der Skandale der letzten Jahre -indes gering. «Die Unterneh­men überrennen uns nicht», sagt Boss. Die Firmen schauten sich zwar die fachliche Eignung und die Be­lastbarkeit potenzieller Führungs­kräfte an, deren Integrität überprüf­ten sie jedoch kaum spezifisch. Mit den neuen Testverfahren lassen sich Tendenzen zu kontra­produktivem Mitarbeiterverhal­ten identifizieren. Ob jemand letzt­lich effektiv dazu neigt, zu betrü­gen, lässt sich aber nicht so einfach vorhersagen. «Dass jemand Risiken sucht, muss nicht heissen, dass er sich über Richtlinien hinwegsetzt», sagt Hardegger. Verhängnisvolle Fehler – sei es im Verkehr oder in der Finanzbranche – führen meis­tens dazu, dass die betrieblichen Abläufe überprüft und die Kontrol­len verstärkt werden. Beim Men­schen setzten die Unternehmen zu­letzt an, kritisiert Hardegger. «Dabei reduziert eine sorgfältige Selektion das Risiko, dass etwas Verhängnis­volles passiert.»

ÜBER MICH

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Was einen guten Artikel ausmacht, beschäftigt mich immer wieder neu. Es macht mir Freude, an journalistischen Texten zu feilen, und ich schreibe vor allem über politische, gesellschaftliche sowie wissenschaftliche Themen.

Seit Mai 2014 bin ich freie Journalistin, davor habe ich bei verschiedenen Redaktionen gearbeitet. Zuletzt war ich für das St. Galler Tagblatt und die Luzerner Zeitung als Bundeshauskorrespondentin in Bern tätig.
Ich habe an der Universität Zürich Germanistik, Publizistik sowie Soziologie studiert und den Diplomlehrgang am MAZ in Luzern absolviert.

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