Vitamin G
November 2017

Gesundheitsberufe im Wandel

Sie wecken hohe Erwartungen und lösen Skepsis aus: Roboter gewinnen im Gesundheitswesen an Bedeutung. Bewusst und gezielt eingesetzt, helfen sie Patienten und entlasten das Personal…

Vitamin G

Richtig gehen, schnell vorwärtskommen und mit einem Zauberstab Punkte sammeln. Kinder, die eine Hirn­schädigung haben, trainieren im Rehabilitationszen­trum des Universitäts-Kinderspitals Zürich in Affoltern am Albis mit modernsten Mitteln. Der Lokomat, ein Gang­roboter, unterstützt die jungen Patienten, gibt ihnen Sicher­heit und ermöglicht unzählige Wiederholungen. Das Com­puterspiel «Zauberschloss» weckt ihr Interesse und fordert sie heraus. «Kinder sehen nicht ein, weshalb sie möglichst korrekte Gehbewegungen üben sollen», sagt Forschungslei­ter Hubertus van Hedel. «Sie wollen in erster Linie rasch ans Ziel kommen.» Die virtuelle Welt helfe, sie zu motivieren. Das Rehabilitationszentrum, das als einziges in der Schweiz auf Kinder spezialisiert ist, setzt bereits seit zwölf Jahren mo­derne Technik ein und erforscht, was diese bewirkt. Praxis und Forschung sind hier eng verknüpft, nur weni-
ge Schritte trennen die Abteilungen.

NICHT FÜR ALLE GEEIGNET
Auf der Therapiestation stehen nicht nur Gangroboter, sondern auch die neusten Trai­ningsgeräte für Hände, Arme und Schultern. Ob sie in einem Fall angewendet werden, hängt rmter anderem von den sensomotorischen oder kogniti­ven Beeinträchtigungen ab. Ausschlaggebend ist etwa, ob sich ein Kind darauf einlassen kann. Manchen Kindern sind mas­sige Roboter schlicht nicht geheuer, andere verstehen einzel­ne Spiele nicht. «Je nach Kind kann man mit einem Gerät unterschiedliche Fähigkeiten trainieren», sagt van Hede!. Entscheidend sei, dass die Therapeuten ihre Patienten ge­nau kennen, individuelle Ziele festlegen und den Trainings­roboter entsprechend einsetzen. Van Hedel warnt vor zu hohen Erwartungen, wie er sie bei Eltern immer wieder wahrnimmt. «Die Geräte sind keine Wunder-, sondern Therapiemittel.» Sie eignen sich gut, um Körperfunktionen zu trainieren. Um diese dann in alltagsre­levante Handlungen umzusetzen, brauche es daneben nach wie vor eine klassische Therapie. Zudem bestehe die Gefahr, dass sich der Gesundheitszustand wieder verschlechtere, wenn jemand nicht mehr regelmässig übe. «Heute liegen Patienten zu viel», stellt Eveline Graf, wis­senschaftliche Mitarbeiterin am ZHAW-Institut für Physio­therapie, fest. Modeme Hilfsmittel könnten helfen, dem ent­gegenzuwirken. Sie ermöglichen mehr Wiederholungen als eine klassische Therapie, die von den Therapeuten körper­lich einiges abverlangt. Es lassen sich entsprechend grössere Effekte erzielen. Dazu kommt, dass die Hightech-Geräte den Zustand eines Patienten wnfassender dokumentieren. Die Technologisierung verändere das Berufsbild, sagt die Bewe­gungswissenschaftlerin. Sie spricht von einer Ergänzung und Entlastung, die den Fachkräftemangel abzufedern helfe. Eine Physio- oder eine Ergotherapeutin werde kiinftig nicht mehr so stark Hand anlegen, sondern ver­mehrt coachen und überwachen. Dass der­einst weniger Therapeuten gefragt sein werden, glaubt sie nicht. Der menschliche Kontakt lasse sich nicht ersetzen. Durch die Überalterung nehme die Zahl potenzieller Patienten zudem zu. «Die Veränderungen finden statt. Wir haben nun die Möglichkeit, unsere Zukunft mitzugestalten.» 

AUSTAUSCH MUSS SICH VERBESSERN
Am Rehabilitationszentrum in Affoltem lässt sich beobach­ten, wohin die Entwicklung geht. Ergo- und Physiotherapeu­ten arbeiten nach wie vor konventionell, nehmen in den ro­boter- und computergestützten Trainings aber neue Aufga­ben wahr. Sie stellen die Geräte individuell ein, selektieren die richtige Software und achten darauf, dass die Nutzer die Bewegungen korrekt ausführen. «Die Therapeuten sind nicht ersetzbar», sagt Rehabilitationsexperte van Hede!. In Zukunft bräuchten sie zusätzlich technologisches Wissen. Gerade junge Berufsleute seien dafür offen, wenn sie in der Ausbildung erste Erfahrungen sammelten. Technologisch versierte Therapeuten könnten Hersteller künftig auch dabei unterstützen, die Geräte benutzerfrenndlicher zu machen. Robert Riener, Professor für Sensomotorische Systeme an der ETH und der Universität Zürich, beurteilt die Zusam­menarbeit von Ingenieuren mit Ärzten und Patienten immer noch als enttäuschend. «Viele Entwickler sind zu eitel, um auf die Nutzer zuzugehen.» Als Folge davon scheitere ein Teil der Projekte -nur ein Prozent aller Ideen schaffe es zum Produkt. Um Gegensteuer zu geben, hat der Biomechaniker 2016 den Cybathlon initiiert – ein Wettkampf, an dem For­schende und Menschen mit Beeinträchtigungen gemeinsam ausloten, was robotische Unterstützungsgeräte taugen. In der Schweiz sei genug Geld für Forschung und Entwicklung vorhanden, sagt Riener. Er wünsche sich jedoch mehr Unter­stützung von den Versicherungen. Diese finanzierten zwar teure Medikamente fiir kurzfristige Interventionen mit häu­fig fragwiirdiger Wirkung; gehe es aber darum, nachhaltig mehr Lebensqualität durch Bewegungstherapie zu ermögli­chen, seien sie zurückhaltend.

«VIELE DENKEN AN TERMINATOR» 
Nicht nur als Trainings- und Unterstützungsgeräte gewinnen Roboter im Gesnndheitswesen an Bedeutung. Im Haus­dienst entlasten sie das Personal etwa, indem sie Wäsche transportieren. «In der Logistik sind sie gross im Kommen», sagt Ursula Meidert, die am ZHAW-Institut für Ergotherapie zu neuen Technologien forscht. Roboter könnten vermehrt physisch strenge Tätigkeiten übernehmen und dazu beitra­gen, dass Pflegende weniger gesundheitliche Probleme be­kämen. «Das könnte Austritte aus dem Beruf verhindern.» Einen positiven Effekt auf die Verweildauer haben mögli­cherweise auch Telepräsenz- nnd Assistenzroboter, wenn sie es Müttern und Vätern erleichtern, von zu Hause zu arbeiten. Bei allen positiven Effekten: Der Einsatz von Robotik weckt auch Befürchtungen. Es stellen sich Fragen des Daten­schutzes und der Ethik-gerade bei vulnerablen Gruppen wie Kindern oder Betagten. Am umstrittensten sind sozial inter­agierende Roboter. Kritiker befiirchten, dass sie genutzt wer­den, um Personen ruhigzustellen. «Sie schaffen einen Zu­gang zu Menschen, die man sonst nicht erreicht», entgegnet Meidert und erwähnt autistische Kinder und demente Perso­nen. Das sei eine Chance. Derartige Roboter würden nicht wie Kuscheltiere abgegeben, sondern stets in strukturierten Situationen eingesetzt. «Reagiert jemand ängstlich, greift das Personal sofort ein», so die Forscherin. Die Skepsis wei­ter Teile der Bevölkerung habe mit Unwissen zu tun. «In un­serer Kultur werden Roboter oft negativ wahrgenommen, viele denken an Terminator.» Entscheidend sei es, medizini­sches Personal zu schulen und Konzepte für den Einsatz von Robotik zu entwickeln. «Wenn man konkret aufzeigt, was Roboter bewirken können, nimmt die Ablehnung ab.»